Heynckes und der Champions-League-Sieg des FC Bayern:Moderator der bayerischen Perfektion

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Angekommen im illustren Kreis: Bayern-Trainer Heynckes gewann zum zweiten Mal die Champions League. (Foto: REUTERS)

Der Erfolg des deutschen Rekordmeisters ist auch das Werk eines großen Coaches: Jupp Heynckes manövrierte das Extraspitzenklasse-Ensemble meisterlich durch die Saison, ohne dass die Spieler zu murren begannen. Das ist eine seiner bemerkenswertesten Leistungen - etwas Verwirrung gibt es um seine Zukunft.

Von Carsten Eberts, London

Jupp Heynckes tanzte. Ja genau, der alte Jupp, mit seinen 68 Jahren. Der sonst eher still betrachtet, was seine Spieler fabrizieren, sich innerlich freut, wenn mal wieder alles gelingt. Spät nachts im Londoner "Grosvenor House" warf Heynckes die Arme in die Luft, kreiste kurz mit den Hüften, die Krawatte baumelte ganz schief von seinem Trainerhals. Nur wenige Sekunden dauerte dieser Moment. Doch Heynckes hatte sich tatsächlich schwungvoll bewegt.

Neben ihm wippte und johlte Bastian Schweinsteiger mit der Sektpulle in der Hand. Er hatte Heynckes auf die Bühne beordert, hatte diesen seltenen Moment quasi heraufbeschworen. Trotzdem blickte Schweinsteiger drein, als könne er auch nicht glauben, in welchen Posen er seinen Trainer da sieht. Die Mannschaft solle "eine Sause machen", hatte Heynckes gesagt. Plötzlich war er mittendrin.

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Der ersehnte Champions-League-Triumph ist insbesondere auch der Triumph des Trainers. Genauso, wie die Niederlage 2012 beim "Finale dahoam" auch ein Stück weit seine Niederlage war, weil ihm das Münchner Chaos im Elfmeterschießen gegen Chelsea angelastet wurde. Als einer der ersten hatte Heynckes damals wieder ans Aufstehen gedacht.

Er rief Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge im Urlaub an, um mit ihm über Kaderplanungen zu debattieren. Heynckes bekam viele neue Spieler dazu, passte sie ins Gefüge ein, navigierte die Bayern souverän durch die Saison. Er moderierte das Extraspitzenklasse-Ensemble meisterlich, ohne dass jemand das große Murren begann. Das ist eine seiner größten Leistungen.

Damals, nach der Meisterschaft 1990, als Heynckes die Bayern erstmals trainierte, war ihm auf dem Ratshausbalkon am Marienplatz noch ein Fauxpas unterlaufen. "Und ich verspreche euch", rief Heynckes damals der Menge zu: "Nächstes Jahr holen wir den Europapokal!" Das klappte bekanntermaßen nicht, Heynckes musste bald gehen, was der damalige Manager Uli Hoeneß als größten Fehler seiner sportlichen Karriere bezeichnet hatte. 23 Jahre später hat Heynckes nun geliefert.

Nebenbei ist der 68-Jährige nun Mitglied des illusteren Kreises jener Übungsleiter, die den Königsklassen-Titel mit zwei verschiedenen Vereinen gewonnen haben: Ernst Happel, Ottmar Hitzfeld, José Mourinho und eben Heynckes. 1998 mit Real Madrid, 2013 mit dem FC Bayern. Dieser Titel ist die Krönung seiner langen Karriere.

Trotzdem wollte Heynckes gar nicht über sich selbst reden.

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Lieber über seine Mannschaft, die in dieser Saison fast im Wochenrhythmus nahe an der Perfektion agiert hat. Heynckes lobte seine Spieler in höchsten Tönen. Er schätze sich sehr glücklich, solche Jungs in der Mannschaft zu wissen. "Wie wir in dieser Saison gespielt haben, das kommt nicht von selbst", sagte Heynckes, "weil wir wahnsinnig hart dafür gearbeitet haben, sehr intensiv in vielen Details."

Im Team herrsche zudem ein Miteinander, wie er es in seiner weit über 30 Jahre währenden Trainerlaufbahn noch nie erlebt habe. Irgendwie sprach Heynckes damit trotzdem über sich selbst. Denn dies ist seine Mannschaft, die nur so befreit agieren konnte, weil sie einen Trainer hatte, der ihr den Weg wies.

Schnell entwickelten seine Spieler ein Gefühl für die Situation. Heynckes' Geschichte spiele bei diesem Titelgewinn "eine wichtige Rolle", sagte Schweinsteiger. Der Coach habe schließlich 23 Topleute im Kader, da sei es "nicht einfach, immer ein paar Spielern zu sagen, du spielst heute nicht". Heynckes musste rotieren, moderieren, auch Autorität zeigen. Schweinsteigers Schlussfolgerung: "Der Trainer hat den größten Anteil an dem Ganzen."

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Auch Präsident Uli Hoeneß erklärte, "der Jupp" habe einen "sensationellen Job" gemacht: "Die Mannschaft mit all den Stars bei Laune zu halten und immer wieder zu Höchstleistungen zu treiben, ist die Handschrift von Jupp Heynckes." Thomas Müller hingegen konnte es nicht lassen, frotzelte in Richtung seines Trainers: "Da kannst du froh sein, dass du 68 bist und nicht 25. Sonst müsstest du auch aufhören."

Aufhören? Das ist natürlich so eine Sache. Am Abend des Triumphs von London entwickelte Heynckes eine gewisse Lust daran, die Leute mit nicht ganz eindeutigen Aussagen zu verwirren. Schon seine Ankündigung bei der Pressekonferenz, dass Dortmunds Stürmer Robert Lewandowski bald nach München komme, hatte für Aufsehen gesorgt. Mit der Presseabteilung war sie gewiss nicht abgesprochen, das verriet der entgleiste Blick von Mediendirektor Markus Hörwick, der neben ihm saß.

Zu seiner eigenen Zukunft sagte Heynckes im ZDF: "Die Entscheidung, wie es weiter geht, habe ich schon im letzten Sommer nach dem verlorenen Champions-League-Finale getroffen. Wie sie ausgefallen ist, werden sie erst am 2. Juni erfahren."

Kann sein, dass Heynckes nur kokettiert.

Wahrscheinlich wird er am Tag nach dem Pokalfinale einfach seinen Rückzug verkünden. Seinem Nachfolger Pep Guardiola - das ist seit diesem Spätmaiabend in London gewiss - gibt Heynckes jedenfalls ein gewaltiges Paket mit auf den Weg.

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