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Heynckes contra Sammer:Die Krux mit den zwei Zungen

Einem fulminanten Bundesliga-Start folgt eine herbeigeredete Krise beim FC Bayern: Trainer Heynckes rüffelt Sportdirektor Sammer für seine ungestüme Kritik. Aus der Kommunikationspanne ergibt sich jedoch eine viel drängendere Frage: Wie reagieren die Bayern auf richtige Krisen?

Klaus Hoeltzenbein

Bayern steht gegen Borissow unter besonderer Beobachtung von Sammer

Viel zu bereden beim FC Bayern: Jupp Heynckes, Karl-Heinz-Rummenigge und Matthias Sammer (v.l.).

(Foto: dapd)

Der FC Bayern hat in seiner Eigenschaft als FC Hollywood wahrhaft Großes für den Unterhaltungswert des deutschen Fußballs geleistet. Und eigentlich konnte davon ausgegangen werden, dass nun eine Phase der gepflegten Langeweile anbricht. Nach der misslungenen Expedition nach Weißrussland aber muss zur Ehrenrettung der Münchner festgestellt werden: Kompliment, großer Sport! Eine Krise herbeizureden, wo es weit und breit keine gibt (besser: gab), das ist die hohe Kunst. Aus einer paradiesischen Sechs-Spiele-sechs-Siege-Situation in der Bundesliga eine Herbstdepression zu entwickeln, die schwer abzuschütteln sein wird - auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Bestenfalls stecken Jupp Heynckes und Matthias Sammer derzeit öffentlich nur ihr jeweiliges Territorium ab. Es raubt einige Energie, festzulegen, was die Aufgabe des Trainers ist und was ein Sportvorstand zu erledigen hat. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hatte Sammer ja unter der Maßgabe engagiert, neue Reizpunkte zu setzen. Nur hat dieser den Auftrag derart wörtlich genommen, dass selbst der als hyperaktiv bekannte FC Bayern so früh wie selten zuvor in der Saison zum Friedensgipfel bitten musste. Stellt sich die Frage, was los sein wird, wenn's einmal wirklich kriselt?

Kennenlernen können sich zwei, die aufeinander angewiesen sind, hinter verschlossenen Türen. Es geht aber auch - zur Unterhaltung aller - öffentlich vor Mikrofonen. Und wenn Sammer am Samstag nach einem 2:0 in Bremen poltert ("nicht hellwach, nicht gallig", "Käse", "lätschern"), und Heynckes die Polterei dann als "Populismus" tadelt, so macht dies zunächst eines klar: Das war alles, nur keine koordinierte Aktion.

Wer für eine solche Kommunikationspanne den schwarzen Peter zugeteilt bekommt? Vermutlich doch der Neue, Sammer, der ja durchaus nachvollziehbare Motive hat. Ist es doch auch seine Aufgabe, eine Delle wie in der Vorsaison zu verhindern, in der Borussia Dortmund die in der Tabelle weit enteilten Bayern überholte. Allerdings gibt es Eskalationsstufen, und Sammer muss sich fragen lassen, ob er nicht zu früh und zu scharf gegen den Stachel löckt, wenn er aufrühren, wenn er wissentlich nerven will und deshalb die Haltung der Mannschaft attackiert. Mit solchen Hauruck-Aktionen untergräbt er, gewollt oder ungewollt, die Autorität des Trainers.

Vermutlich wären Spiel und Debatte anders verlaufen, hätte Toni Kroos bei seinem Solo gegen Bate Borissow in der 13. Minute zum 1:0 ins Tor anstatt den Pfosten getroffen. Diese Pfosten haben längst eine verflixte Wirkung auf die Launen der Münchner; denn hätte Bastian Schweinsteiger im Champions-League-Finale seinen Elfmeter ins Netz anstatt an den Chelsea-Pfosten gesetzt, wäre Sammer jetzt vermutlich gar nicht da. So hat er den stillen Manager Christian Nerlinger beerbt, mit der Folge, dass die Münchner nun zwar laut, aber mit (mindestens) zwei Zungen sprechen.

Zwischen Sportvorstand und Trainer passe kein Blatt Papier, hat Sammer nach dem Friedensgipfel erneut betont. Andere haben den Eindruck, zwischen beiden klaffe schon heute eine Lücke, in der der Mannschaftsbus wenden könne. Auch der ist sehr groß beim FC Bayern.

© SZ vom 04.10.2012

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