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4:0-Erfolg gegen Union:Hertha jubelt diesmal züchtig

Treffen plötzlich ständig: Cunha (Mitte) und seine Kollegen

(Foto: AFP)

Bei Hertha BSC ist plötzlich vieles anders: Unter dem neuen Trainer Bruno Labbadia gelingt dem Team wieder ein hoher Sieg und eine eindrucksvolle Wiedergutmachung für die Derby-Schmach der Hinrunde.

Es gibt, wie man aus der Medizin weiß, verschiedene Grade der Hypothermie: die milde, die mittelgradige und auch die schwere Unterkühlung. Am Freitagabend stand in der Fußballbundesliga das Berliner Derby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union an, und wenn eines vorab feststand, dann dies: dass es im Olympiastadion keinesfalls zu febrilen Prozessen kommen würde. Die Ränge im Olympiastadion, einem der weitläufigsten Stadien des Kontinents, blieben aus bekannten Gründen leer. Und es passte nur zu gut, dass die Tonspur stockte, als über die Lautsprecher die Hertha-Hymne eingespielt wurde, der Refrain der Weise Frank Zanders lautet ja: "Nur nach Hause geh'n wir nicht".

Gleichwohl: Hertha kam nach der Pause doch auf eine hinreichende Temperatur, um den lange aufmüpfigen Lokalrivalen aus dem Osten der Stadt mit 4:0 (0:0) zu besiegen - dank eines Doppelschlags von Vedad Ibisevic und Dodi Lukebakio, die binnen 70 Sekunden (51./52. Minute) die Führung erzielten, dem unvermeidlichen Tor des brasilianischen Stürmers Matheus Cunha (61.), sowie einem weiteren Treffer von Abwehrchef Dedryck Boyata (78.). Hertha dürfte sich damit akuter Abstiegssorgen entledigt haben - und steht nun, was für die Verhältnisse in der Stadt nicht irrelevant ist, in der Tabelle vier Punkte vor dem Bundesliganeuling. Dessen Vorsprung auf die Abstiegsränge ist noch kommod, droht aber weiter zu schrumpfen.

Wer noch das Spiel aus der Hinrunde präsent hatte, das der 1. FC Union mit 1:0 gewann, der konnte aus den Anfangsminuten der Partie im emotionsbefreiten Krater vor allem dies herauslesen: dass Hertha es tatsächlich ernst meinte mit dem im Vorfeld erklärten Willen zur Wiedergutmachung. In Köpenick hatten die Herthaner beim 0:1 nachgerade körperlos agiert und mehr als nur verdient verloren - diesmal zeigten sie von Beginn an Präsenz, Initiative und Dominanz, zudem eine Defensive aus Granit. Erst in der 44. Minute schoss Union erstmals gefährlich aufs Tor, durch einen direkten Freistoß von Robert Andrich, der den Ball aus über 20 Metern nur knapp über die Querlatte zirkelte.

Diese Chance war der karge Lohn dafür, dass Union es bis dahin geschafft hatte, die Angriffsbemühungen der Hertha erst zu überstehen und dann auch zu zersetzen. Zuvor hatte es nicht gerade Chancen für die Hertha geregnet. Ein paar Momente, die nach Seufzern von den Tribünen verlangt hätten, hatte es aber sehr wohl gegeben. Nicht unbedingt, als Herthas junger brasilianischer Stürmer Matheus Cunha nach nicht einmal fünf Minuten mit einem Versuch aus 20 Metern signalisierte, dass die Hertha die erstbeste Gelegenheit zum Abschluss nutzen würde. Wohl aber bei einem formidablen Konter in der 18. Minute, als Dodi Lukebakio seine vorzügliche Schnelligkeit ausspielte. Seinen Schuss parierte jedoch Unions Torwart Rafal Gikiewicz.

Neun Minuten später war Gikiewicz neuerlich auf der Hut: Nach einem Ballverlust von Michael Parensen im Mittelfeld und einem Doppelpass mit Lukebakio passte Kapitän Vedad Ibisevic auf Cunha. Doch dessen Absatzkick landete auf den Unterarmen des Union-Schlussmanns (27.). Und auch eine weitere Chance Cunhas wusste er ohne größere Schwierigkeiten zu vereiteln.

Nach der Pause dauerte es nicht lange, bis Hertha seinem Spiel auch Fertilität beimengte. Nach einer Flanke von Marvin Plattenhardt von der linken Seite wuchtete Ibisevic den Ball aus kurzer Distanz per Kopf ins Netz (51.). Danach verdingte sich der Bosnier als Vorbereiter. Er schickte mit einem langen Pass den unaufhaltsamen Lukebakio auf die Reise, der Gikiewicz umkurvte und einschob (52.). Bei beiden Toren feierten die Herthaner gemäß der Vorschriften der heutigen Zeit: unter Wahrung der Distanz und mit Unterarmgrüßen. Der Jubel über den dritten Treffer, einem Flachschuss von Cunha, erinnerte einerseits an die Choreographie von Romário, Bebeto und Mazinho aus der WM 1994 - und war eine Hommage an ein neues Erdenwesen. Cunha wiegte in seinen Armen ein noch imaginäres Baby; seine Frau stand am Freitagabend kurz vor der Entbindung. Boyata wiederum bekreuzigte sich, nachdem er eine Ecke von Marvin Plattenhardt aus fünf Metern ins Tor setzte - womöglich auch aus Dankbarkeit darüber, dass es sein Elfmeterfoul aus dem Hinrundenspiel vergessen macht.

"Stadtmeister, Stadtmeister, Berlins Nummer eins", hatten damals die Fans von Union Berlin gesungen. Eine Replik darauf gab es am Freitag zwar nicht von den Rängen, wohl aber auf dem Platz. Die Herthaner werden mit durchgedrücktem Rückgrat durch die Stadt laufen können.

© SZ vom 23.05.2020
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