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Hertha BSC vs Union:Revanche für das Desaster von Köpenick

Vor Berlin-Derby Hertha gegen Union

Im November: Sebastian Polter jubelt, nachdem er Unions 1:0-Sieg im Hinspiel per Elfmeter besiegelte.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Das 0:1 im November im Berliner Derby wirkt bei Hertha BSC bis heute nach. Das Rückspiel am Abend dürfte auch ohne Zuschauer äußerst hitzig werden.

Ob an diesem Freitagabend ein wirklich in jeder Hinsicht besonderes Berliner Derby ansteht, das wird man erst am Ende der 90 Minuten wissen. Dann erst wird die Welt erfahren, ob Corona wirklich alles geändert hat. Oder ob der "Derby-Fluch" des Michael Parensen noch greift. Denn irgendwas war bislang immer.

Parensen, 33, ist der dienstälteste Berliner Profi, er ist seit 2009 beim 1. FC Union angestellt. Und Parensens Körper meldete sich noch jedes Mal, wenn es gegen Hertha ging. Im September 2010 feierte er nach einer längeren Verletzungspause seine Derby-Premiere in der zweiten Liga und wurde nach 80 Minuten ausgewechselt. Im Rückrundenspiel erlitt der Verteidiger nach vier Minuten ein Schädel-Hirn-Trauma. In der Saison 2011/12 musste er im Hinrundenspiel erneut ausgewechselt und ins Spital gefahren werden: Verdacht auf Wadenbeinbruch. In der Rückrunde fehlte Parensen - wegen Verletzung. Dies wiederholte sich im November 2019: Wegen Verletzung versäumte er das erste Stadtderby zwischen Union und Hertha in der Bundesliga überhaupt - und damit ein Spiel, das weiterhin nachhallt in der Stadt.

Aus dem Hertha-Block wurden Leuchtraketen geschossen

1:0 siegte der 1. FC Union durch ein letztminütiges Elfmetertor von Sebastian Polter. Hertha hatte zuvor eine derart anämische Vorstellung geboten hatte, dass sich Klubmanager Michael Preetz offenbar bis heute zu grämen scheint, jedenfalls wurde dies in seinen aktuellen Ausführungen deutlich: Ein "dürftiger Auftritt" an einem "rabenschwarzen Tag" sei das gewesen im November, der für "Nachwehen" gesorgt habe, sagte Preetz. Nach dem Desaster von Köpenick hatte der damalige Hertha-Coach Ante Covic noch getönt, dass man in der Tabelle vor Union liege; gut drei Wochen später schaute Union auf den Big City Club herab, war Covic beurlaubt. Mittelfeldspieler Per Skjelbred deutet heute an, dass man damals eine Art Quarantäne gut hätte gebrauchen können, um all dem zu entgehen, was nach Derbyniederlagen auf einen niederprasselt: Häme, Zorn, die Verletztheit der eigenen Fans. "Man konnte nicht so einfach in ein Einkaufszentrum gehen. Das hat keinen Spaß gemacht", sagte der Norweger, der Berlin zum Saisonende den Rücken kehren wird, zuvor aber noch auf Revanche im Derby gegen Union sinnt (20.30 Uhr, im Live-Ticker bei sz.de): "Das ist eine Riesenchance, um zurückzuschlagen. Wir haben nicht vergessen, was passiert ist."

Zur Erinnerung: An der Alten Försterei bot sich ein danteskes Spektakel, was insofern überraschend war, als sich die Anhänger von Union und Hertha über Jahrzehnte hinweg grün gewesen waren, in den Zeiten der Teilung der Stadt eine grenzenlose Fanfreundschaft gepflegt hatten, bis sie 1990, nach dem Mauerfall von 1989, ein Wiedervereinigungsspiel im Olympiastadion feierten. Knapp 30 Jahre danach, im Herbst 2019, war davon nichts zu spüren.

Im Gegenteil. Aus dem Hertha-Block wurden gezielt Leuchtraketen in die benachbarten Tribünen geschossen, ein paar Union-Ultras stürmten den Platz, Torwart Rafal Gikiewicz brüllte und schubste sie zurück. Hier und da wurden Rufe laut, das Rückspiel ohne Fans auszutragen. Als Geisterspiel. Nun sind die Anhänger tatsächlich ausgeschlossen. Wegen Corona.

Eigentlich sollten heute 75 000 Zuschauer dabei sein

Eigentlich war das Spiel ausverkauft, nun werden statt 75 000 nur 322 Personen zugegen sein, das Ambiente des Olympiastadions wird an eine Film-noir-Kulisse erinnern. Nicht mal Spruchbänder wird es geben, der "Förderkreis Ostkurve" geißelte "das moralisch verwerfliche Lechzen nach schnellstmöglichem Saisonendspurt", das Spiel habe nichts mit dem Fußball zu tun, den man liebe und unterstütze. "Natürlich wird es kein Derby sein, wie es sich alle wünschen", sagt Preetz. Herthas vierter Trainer der laufenden Saison, Bruno Labbadia, mag sich damit nicht lange aufhalten. Man müsse es "annehmen, wie es ist", jeder Spieler müsse seine Emotionen aktivieren. Auch in Köpenick geht es in Fragen der Eigenmotivation angeblich wie von selbst: "Am Ende ist ein Derby ein Derby", sagte Union-Trainer Urs Fischer. Insofern werde es "große Brisanz haben", ergänzt Herthas Manager Preetz.

Diese Grundhaltung dürfte der Garant dafür sein, dass sich unter dem Flutlicht des Olympiastadions, das bei Abendspielen nur aufs Grün leuchtet und alles andere in tiefer Dunkelheit versinken lässt, ein intensives, von Laufbereitschaft und Kampf geprägtes Spiel entwickelt, mit vielen, kleinen Mittelfeldschlachten. Nachbarschaftshilfe, weil man in der Tabelle um nur einen Zähler getrennt auf Rang elf (Hertha) und Rang zwölf liegt (Union)? Ausgeschlossen.

Erst recht an einem Abend, an dem man Berlins einstigen Bürgermeister Ernst Reuter zitieren könnte. "Völker dieser Welt, schaut auf diese Stadt", hatte Reuter zu Zeiten der Berlin-Blockade 1948 gefleht. Soweit es den fußballinteressierten Teil der Erdbewohner betrifft, bleibt den Völkern dieses pandemiegeplagten Planeten kaum anderes übrig. Laut kicker-Matchkalender gibt es am Freitag nur eine Konkurrenzveranstaltung, Poohang Steelers gegen FC Seoul in Südkoreas K-League. Da ist das Berliner Derby wohl attraktiver, mit oder ohne Michael Parensen, der am Tag vor dem Anpfiff noch gesund war.

© SZ vom 22.05.2020/jki
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