SZ: Herr Babbel, Sie als Heavy-Metal-Experte haben doch sicher den Dokumentarfilm "Some Kind of Monster" über die Band Metallica gesehen.

Markus Babbel: Selbstverständlich! Es war zu der Zeit, als ich neu nach Stuttgart kam und im Hotel wohnte. Nebenan war ein Kino. Als ich gelesen habe, dass da der Metallica-Film vorgeführt wird, bin ich natürlich rein. Der Saal war rappelvoll, vom Schlipsträger bis zum Langhaarigen mit Kutte war alles vertreten. Ich lag optisch wohl irgendwo dazwischen.
SZ: Im Grunde geht es in dem Film um Ihre tägliche Arbeit: um Teambuilding.
Babbel: Ich war ziemlich beeindruckt damals. Die haben sich ganz schonungslos dargestellt, mit allen Höhen und Tiefen. Und man sieht in der Tat, wie eine funktionierende Gruppe durch die Egos ihrer Mitglieder fast auseinanderbricht.
SZ: Kann es sein, dass der Trainer Babbel da so manches gelernt hat?
Babbel: Kann sein. Man kann das durchaus auf den Fußball projizieren. Ein guter Trainer merkt, wenn einer aus der Gruppe ausschert und nur noch sich selbst sieht. Bei Manchester United ist das ganz extrem, Alex Ferguson ist da eiskalt. Ob das ein Beckham, ein Roy Keane oder ein Cantona war - er hat sie alle rasiert. Weil er gemerkt hat, dass die Gruppe sonst nicht mehr funktioniert. Ich habe bei Hertha BSC das große Glück, nicht so viele Egomanen in meiner Truppe zu haben.
SZ: Dieser Truppe gehören drei Spieler an, die beim FC Bayern ausgebildet wurden: Thomas Kraft, Andreas Ottl und Christian Lell. Alle drei sind bisher überhaupt noch nicht mit persönlichen Allüren aufgefallen.
Babbel: Das ist genau das, was man in der Bayern-Jugend lernt, ich habe das ja selbst mitgemacht. Da gilt die Regel: Wenn du nicht funktionierst, dann funktioniert ein anderer.
SZ: Kann man sagen, dass Ottl für die heutige Hertha steht, weil er selten überragend, aber immer solide spielt?
Babbel: Genau das mag ich an ihm, seine Zuverlässigkeit. Mein ehemaliger Trainer Ottmar Hitzfeld hat mir mal gesagt, dass ich selten 100 Prozent erreiche, aber eben auch nie nur 50 bringe. Heute verstehe ich, dass das ein Lob war. Wenn du dich nicht ganz dämlich anstellst, hat Ottmar noch gesagt, wirst du bei mir immer spielen. Das war für mich prägend. Deswegen freue ich mich, dass ich in Ottl, Kraft, aber auch vorher schon in Lell genau solche Spieler dazu bekommen habe. Da weiß ich einfach, was ich habe.
SZ: Lobgesänge auf Bayern vom "Typ Norbert Eder" hört man selten.
Babbel: Der Eder ist auch sehr lange verkannt gewesen, war aber immer dabei und hat Titel gewonnen. Keiner hat so richtig verstanden, warum er in der Nationalmannschaft ist, und dann hat er auch beim Vize-Weltmeistertitel 1986 keine ganz unwichtige Rolle gespielt.
SZ: Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge hat Herthas guten Saisonstart mit dem Satz kommentiert: "Da sind drei Bayern-Spieler dabei, das erklärt einiges."
Babbel: Die Münchner haben sich bestimmt darüber gefreut, dass wir bei ihrem vermeintlichen Titelkonkurrenten in Dortmund was gerissen haben.
SZ: Ein für allemal: Gibt es dieses ominöse Bayern-Gen oder nicht?
Babbel: Ich weiß nicht, wie das ausschauen sollte.
SZ: Aber Sie ahnen vielleicht, wie es sich anfühlt.
Babbel: Ich bin mit zehn Jahren zum FC Bayern gekommen. Und wenn man dann zu Hallenturnieren fährt und als Kind bei jedem Ballbesitz ausgepfiffen wird, dann entwickelt man mit der Zeit schon eine gewisse Mentalität, zu sagen: Wenn die uns schon ausbuhen, dann müssen wir wenigstens den Pokal mitnehmen. Das geht so durch die ganzen Jugendmannschaften durch und fängt bei den Profis trotzdem erst richtig an. Da wird man jeden Samstag gejagt und ob-wohl man meistens entkommt, darf man trotzdem nie zufrieden sein. Und das versuche ich weiterzugeben. Auf Hertha be-zogen: Unser Start war ganz okay. Es hätte aber auch besser laufen können.

DFB-Elf in der Einzelkritik:Grimmig wie einst Michael Ballack
Mesut Özil imitiert den berühmtesten Gewaltknaller der deutschen Fußballgeschichte, Mats Hummels grüßt seine Liebste aus der Parallelklasse, Manuel Neuer ärgert sich über das späte Gegentor. Und André Schürrle? Der kennt nur den Sprintmodus. Die deutsche Elf beim 3:1 gegen Belgien in der Einzelkritik.
SZ: Eine Grundsatzfrage vor dem Hertha-Spiel am Samstag in München: Darf man einer alten Liebe weh tun?
Babbel: Ja klar. Ich habe zum Beispiel immer ein Problem damit, wenn Spieler gegen ihre alten Teams ein Tor schießen und dann nicht jubeln. Ich habe mich entschieden, etwas Neues zu machen, dann muss ich mich auch voll damit identifizieren. Die Bayern zu besiegen, würde mir in dieser Saison sogar besonders leicht fallen, weil ich weiß: Ob sie die drei Punkte gegen uns holen oder nicht, die werden sowieso deutscher Meister. Für uns ist das ein Bonusspiel. Es ist großartig, dass wir uns mit einer Mannschaft messen können, die für mich das Potential hat, die Champions League zu gewinnen. Wir haben uns ein Jahr lang in der zweiten Liga unheimlich geplagt und gequält, um wieder solche Spiele machen zu dürfen.
SZ: Was verstehen Sie unter Heimat?
Babbel: Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle, wo ich aufgewachsen bin, wo meine Familie lebt. Und das ist halt nun einmal München.
SZ: Wissen Sie, wo man in Berlin ein schönes Helles bekommt?
Babbel: Ach, in Berlin gibt es inzwischen wahnsinnig viele bayerische Wirtshäuser.
SZ: Am Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte stehen allein zwei. Der Platz könnte, so wie er aussieht, auch mitten in München sein.
Babbel: Es ist ja allseits bekannt, dass Berlin durch den Länderfinanzausgleich unheimlich viel Geld aus Bayern bekommt, dann kann man das ja auch wenigstens zum Teil im Sinne der bayerischen Kultur investieren. Es ist ja auch nicht so, dass in Berlin keine Münchner leben, die denken sich dann halt: Wenn ich schon mal da bin, dann will ich mich wenigstens gemütlich hinsetzen können.
SZ: Würden Sie auch auf eines der unzähligen Berliner Oktoberfeste gehen?
Babbel: Um ehrlich zu sein, da tue ich mich schwer. Als ich beim VfB war, haben die Stuttgarter auch immer gemeint, der Cannstatter Wasen sei besser als die Wiesn in München. Aber da musste ich sie auch etwas müde belächeln.
SZ: Fühlen Sie sich von bayerischer Folklore in Berlin allmählich umzingelt?
Babbel: Nein, ist doch schön, wenn man jetzt auch in der Hauptstadt merkt: Ganz so dämlich ist das gar nicht, was da in München abläuft.
SZ: Sie liegen mit der Bajuwarisierung von Hertha BSC jedenfalls voll im Trend der Stadtentwicklung.
Babbel: Das kann man so sehen, wobei ich eines richtig stellen möchte: Wir haben auch Glück gehabt, dass mit Ottl und Kraft genau zum richtigen Zeitpunkt zwei ablösefreie Spieler aus München auf dem Markt waren. Wenn es anders gelaufen wäre, dann wären Christian Lell und ich jetzt alleine hier, und es wäre auch ohne Bayern-Gen weitergegangen.
SZ: Sie haben erst vor drei Jahren als Trainer begonnen, jetzt müssen Sie schon dementieren, dass Sie demnächst Jupp Heynckes in München ablösen.
Babbel: Die ganze Gesellschaft wird immer schneller und wahnsinniger. Ich weiß doch, wie es läuft. Jetzt bin ich gerade ein bisschen erfolgreich, und wenn es mal nicht so klappt, dann ist man auch ganz schnell wieder raus. Es ehrt mich, wenn ich höre, dass das grundsätzlich mal irgendwann ein Thema werden könnte, aber da mache ich mir gerade überhaupt keine Gedanken. Ich bin einfach auch sehr gerne bei der Hertha, bei einem tollen Verein in einer tollen Stadt. Und wenn ich noch etwas zu Jupp Heynckes sagen darf. . .
SZ: . . . unbedingt!
Babbel: Heynckes war mein erster Profitrainer. Er hat dafür gesorgt, dass meine Karriere ins Laufen geraten ist. Der ge-hört zu den Besten, die ich je hatte. Jetzt hört man, er hat sich nochmals verbessert, da will ich gar nicht wissen, wie gut er jetzt ist. Man hat das Gefühl, dass er unheimlich viel Spaß hat und jeden Tag jünger aussieht. Ich wünsche ihm, dass er es die nächsten sechs, sieben Jahre schafft, den FC Bayern hochzuhalten. Das ist ein Stück weit auch mein Verein, weil ich nach wie vor Fan bin.

Die DFB-Elf in der Einzelkritik:Mit Bierruhe im Lärm
Torhüter Manuel Neuer spielt im lauten Gebrüll Istanbuls wie einst der "Hexer" im Handball, Bastian Schweinsteiger verwandelt mit großer Gelassenheit einen Elfmeter und Thomas Müller ruckelt über den Platz wie ein türkischer Stadtbus. Die deutsche Auswahl in der Einzelkritik.
SZ: Sie haben vor einigen Wochen vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart die Berliner Neigung zum Größenwahn thematisiert und den Schwaben als vergleichsweise verlässlichen Zeitgenossen dargestellt. In der Hauptstadt hat das zu mittelschweren Irritationen geführt.
Babbel: Ich habe ja gehofft, dass es Wellen schlägt. Da gab es eine Vorgeschichte. Die Berliner Medienlandschaft ist nicht ganz einfach, da ist ein unheimlich hoher Konkurrenzkampf. Und wenn man dann jeden Tag liest, dass man seit 17 Heimspielen nicht mehr gewonnen hat, dann setzt sich das bei den Spielern fest. Die nehmen sich das schon zu Herzen. Ich hatte einfach Angst, dass wir da in ein Fahrwasser geraten, aus dem wir nicht mehr rauskommen. Ich wollte das Thema einfach mal aus den Zeitungen raushaben. Und das ist mir dann ja auch ganz gut gelungen. Im Übrigen haben sich nur die Leute aufgeregt, die nicht aus Berlin kommen. Jeder echte Berliner, der mir über den Weg gelaufen ist, hat danach gesagt: Genau so simmer!
SZ: Man hat Ihnen trotzdem mangelnden Lokalpatriotismus unterstellt.
Babbel: Manchmal träume ich davon, als Rockstar wieder geboren zu werden. Dann könnte ich sagen und tun, was ich will und müsste keine Rechenschaft ablegen. Je wilder, desto besser. Wichtig wäre nur, dass man dann auch gute Musik schreibt, aber im Traum darf ich das ja dann auch können. Aber um noch einmal auf dieses Leben zurückzukommen: Ich will mit Hertha BSC Erfolg haben, und dafür mache ich nicht alles, aber vieles - wenn es der Sache dient.
SZ: Sie haben sich unter anderem auch ein Hertha-Tattoo stechen lassen.
Babbel: Die blau-weiße Hertha-Flagge, um genau zu sein.
SZ: Die kann man aber nicht zufällig mit der Fahne des Freistaates Bayern verwechseln?
Babbel: Nicht einmal mit der größten rosa-roten Bayern-Brille.
SZ: Habe Sie auch ein Bayern-Tattoo?
Babbel: Ich habe alle Vereine verewigt, die mir etwas bedeuten. Neben dem Bayern-Emblem habe ich mir das Wappen von meinem Heimatverein stechen lassen, dem TSV Gilching-Argelsried, dann der VfB, der HSV und Liverpool. Nur die Blackburn Rovers, die habe ich nicht draufgemacht. Ein komischer Verein. Das Hertha-Tattoo ist übrigens am größten.
SZ: In welcher Stadt würden Sie, wenn Sie ein drittes Leben hätten, Ihr Tattoo-Studio aufmachen?
Babbel: Meine künstlerisch kreativen Fähigkeiten halten sich in Grenzen. Ich möchte wirklich keinem Menschen zumuten, sich von mir stechen zu lassen.
SZ: Was kann Berlin, das München nicht kann?
Babbel: Berlin hat mittlerweile verstanden, dass es keine normale Stadt ist. Das sieht man zum Beispiel an dem Flughafen, der jetzt gebaut wird. Die Stadt hat schon das Potential, sich irgendwann mit den Welthauptstädten London, Paris und New York zu messen. Wenn man sich alleine anschaut, was hier in Sachen Musik geboten wird.
SZ: Da sind wir wieder beim Thema Rock 'n' Roll. In Berlin gibt es auf jeden Fall mehr Heavy-Metal-Konzerte als in München.
Babbel: Grundsätzlich bin ich natürlich hier, um zu arbeiten. Und obwohl ich noch jünger bin, brauche ich ab und zu auch mal Erholungsphasen. Aber klar, wenn da jetzt Konzerte sind, wo ich sage, da will ich unbedingt hin, dann versuche ich das schon möglich zu machen.
SZ: Was wäre denn so was, wo man unbedingt mal wieder hinmüsste?
Babbel: Ja gut, in naher Zukunft kommt ja dann wieder Rammstein. Die haben einfach einen Druck, der mir sehr gut gefällt. Dabei kann ich mich wunderbar entspannen.