Coach Sandro Schwarz in Berlin:Zerrissenheit ist das große Problem der Hertha

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Der neue Trainer Sandro Schwarz ist da, aber ansonsten sind zentrale Fragen unbeantwortet beim Hauptstadtklub: Welche Spieler kommen und gehen? Und wer wird am Sonntag Präsident?

Von Javier Cáceres, Berlin

Die Frage war noch lange nicht ausformuliert, da platzte aus Sandro Schwarz schon die Antwort heraus. "Geiles Spiel. Geiles Spiel! Leute, geiles Spiel!", rief der neue Trainer von Hertha BSC, als er am Montag zum offiziellen Saisonauftakt im Presseraum des Fußball-Bundesligisten saß. Schwarz war auf den ersten Spieltag angesprochen worden, und seit Freitag steht fest, dass dieser am 6. August für Hertha einen Besuch beim Nachbarn 1. FC Union Berlin bereithalten wird. "Sofort volle Hütte, emotionales Derby ... Da wollen wir bereit sein", sagte Schwarz, 43. "Und da werden wir fünfeinhalb Wochen intensiv darauf hinarbeiten." Mit mutmaßlich reichlich Fluktuation beim Personal.

Drei Jahre nach dem Einstieg des Investors Lars Windhorst - der Finanzunternehmer hat in den vergangenen drei Jahren stolze 374 Millionen Euro in den Bundesligisten gepumpt - muss Hertha BSC wie schon im Vorjahr wieder mehr einnehmen als ausgeben und die Personalkosten senken, so sagt es jedenfalls Manager Fredi Bobic. Torwart Alexander Schwolow ist bereits an Schalke 04 verliehen (und hat in Oliver Christensen einen Nachfolger, der in der Relegation gegen den Hamburger SV hinreichend Sicherheit ausstrahlte); weitere Spieler, die man einst für teures Geld verpflichtet und zuletzt verliehen hatte, sollen möglichst ebenfalls gehen.

Ob das auch für Verteidiger Jordan Torunarigha gilt, der zuletzt in Belgien bei KAA Gent glänzte, ist offen; allemal auf den Markt geworfen werden sollen Krzysztof Piatek (zuletzt AC Florenz), Dodi Lukébakio (VfL Wolfsburg), Omar Alderete (FC Valencia) und Eduard Löwen (VfL Bochum), aber unter Umständen auch die Großverdiener Lucas Tousart und Santiago Ascacíbar. Beide hatten in der Schlussphase der abgelaufenen Saison ein stabiles defensives Mittelfeld gebildet.

Mittelfeldspieler Ascacíbar hat seinen Wechselwunsch hinterlegt

Ascacíbar habe schon vor Monaten einen Wechselwunsch hinterlegt, enthüllte Bobic; der Argentinier machte selbst vor einigen Tagen in einem TV-Interview in der Heimat öffentlich, dass er die deutsche Hauptstadt gern wieder verlassen würde. Dass er sich gleichwohl bis zum Ende des quälenden Abstiegskampfs für die Berliner aufrieb, rechnet ihm Bobic hoch an; torpedieren würde Hertha einen Wechsel also nicht, schon gar nicht, wenn der Spieler einen Verein auftreibt, der Geld bringt.

Ein weiterer Spieler, der in den vergangenen Wochen eine wichtige Rolle spielte - und sogar die Aufstellung der Berliner beim Relegationsspiel in Hamburg mitdiktierte - wird hingegen bleiben: Veteran Kevin-Prince Boateng. Trainer Schwarz sagte, er sei vergangene Woche extra nach Berlin gereist, um ein Gespräch mit dem 35-Jährigen zu führen. "Es war offen, klar und ehrlich von beiden Seiten. Es ist eine gute Basis, um weiter zusammenzuarbeiten", sagte Schwarz.

Das deutet darauf hin, dass der Trainer auf Boateng vor allem baut, um wieder eine innere Geschlossenheit im Klub herzustellen. Als Schwarz gefragt wurde, unter welcher Maßgabe er, wenn er im Sommer 2023 auf die dann abgelaufene Saison zurückblicke, wohl von Zufriedenheit sprechen würde, erklärte er: "Wenn unsere Zuschauer und Fans sehen, dass das eine Hertha-Mannschaft ist."

Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall - wobei das Team oft auch nur das fußballerische Spiegelbild eines seit geraumer Zeit innerlich zerrissenen, unruhigen Klubs war. Schwarz ist seit dem Windhorst-Einstieg schon der siebte Coach, allein im vergangenen Jahr verschliss die Hertha drei Trainer (Pal Dardai, Tayfun Korkut und Felix Magath). Der Rauswurf von Manager Michael Preetz ist gut anderthalb Jahre her, im Mai trat Präsident Werner Gegenbauer zurück, zahlreiche Präsidiumsmitglieder wurden bei der letzten Mitgliederversammlung im übertragenen Sinne abgewatscht. Auch jetzt ist von Ruhe keine Spur. Zurzeit läuft der Wahlkampf um die Nachfolge auf Hochtouren, am Sonntag wird gewählt.

Der Präsidentschaftskandidat Frank Steffel erfährt viel Zuspruch aus der Sportszene

Ein halbes Dutzend Kandidaten gibt es - wobei sich ein Zweikampf herauszukristallisieren scheint. Ein Duell zwischen dem Unternehmer Kay Bernstein, 41, der als früherer Hertha-"Ultra" auf viele Sympathisanten aus der Fankurve hofft und einen inhaltsgetragenen Wahlkampf zu führen versucht, und dem früheren CDU-Politiker Frank Steffel, einem Berliner Faktotum. Die Tageszeitung erinnerte dieser Tage wieder daran, wie Steffel, 56, vor ein paar Jahren - unter anderem - über die Versendung von Textnachrichten Geld für die Hertha generieren wollte. Andererseits erhält er als aktueller Präsident des Handball-Erstligisten Füchse Berlin aus der Sportszene mächtig Zuspruch.

Zu Steffels Sympathisanten zählt etwa Füchse-Manager Bob Hanning, er erinnerte daran, dass Steffel den Klub in seiner schon 17-jährigen Amtszeit wieder groß gemacht habe. Auch Herthas Ex-Trainer Pal Dardai, Rekordspieler des Klubs, meldete sich per Selfie-Video zu Wort und warb offen für Steffel. Der aktuelle Manager Bobic hielt sich bedeckt, er habe sich noch nicht bei Twitter geäußert, sagte er schmunzelnd.

Auf besagtem sozialen Netzwerk hatte sich sein Vorgänger Michael Preetz mitgeteilt, in einer etwas kryptischen, an Donald Trump gemahnenden Form. "Despite the constant negative press covfefe", hatte der ehemalige US-Präsident mal getwittert; Michael Preetz zwitscherte nun: "hinzufügen. I k kkmm mom." Für wen sich Preetz da ausgesprochen haben könnte oder ob er einfach auf einer Tastatur eingeschlafen war, blieb freilich auch am Montag ein Rätsel.

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