Hertha BSC:Die Alte Dame will Erklärungen

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Hertha BSC: Werner Gegenbauer (links) trat als Präsident von Hertha BSC zurück. Investor Lars Windhorst (rechts) soll angeblich eine Kampagne gegen ihn in Auftrag gegeben haben.

Werner Gegenbauer (links) trat als Präsident von Hertha BSC zurück. Investor Lars Windhorst (rechts) soll angeblich eine Kampagne gegen ihn in Auftrag gegeben haben.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

Nach dem Bericht über angebliche Spionage durch eine israelische Firma gegen Ex-Präsident Gegenbauer fordert Hertha BSC von Investor Windhorst eine "detaillierte Stellungnahme" - und lässt die Affäre durch eine Kanzlei durchleuchten.

Von Javier Cáceres, Berlin, Peter Münch, Tel Aviv, und Uwe Ritzer

Die Affäre um die mutmaßliche Ausspähung und angebliche gezielte Diskreditierung von Ex-Präsident Werner Gegenbauer hat das Verhältnis von Hertha BSC zu Investor Lars Windhorst massiv beschädigt. Der Fußballbundesligist teilte am Freitagabend mit, dass er eine namentlich nicht genannte Kanzlei beauftragt habe, die Vorgänge "aufarbeiten und beurteilen zu lassen". Zudem sei Windhorsts Firma "Tennor Group" zu einer "detaillierten Stellungnahme" aufgefordert worden. Nach Angaben der Bild-Zeitung wurde Windhorst dafür eine Frist bis zum kommenden Montag gesetzt. Ein Sprecher Windhorst wollte diesen Bericht am Freitag im Geiste der von Gegenbauer-Nachfolger Kay Bernstein ausgerufenen Kultur des Miteinanders und Respekts nicht kommentieren. Es handele sich um einen internen Vorgang, hieß es.

Windhorst war 2019 bei der Hertha eingestiegen. Über die Tennor Group hat er sukzessive zwei Drittel der Profiabteilung der Hertha erworben - für rund 374 Millionen Euro. Er leistete damit das größte Einzelinvestment der Bundesliga-Geschichte, ohne dass sich das in sportlichem Erfolg niederschlug. Hertha blieb trotz des massiven Geldzuflusses Abstiegskandidat.

Das Verhältnis zwischen Hertha und Windhorst war bereits von massiven Spannungen geprägt - wegen des sportlichen Misserfolgs, wegen verspäteter Zahlungen durch Windhorst und durch Kommunikationsprobleme. Auf dem Höhepunkt des Zwists letzte Saison forderte Windhorst öffentlich einen Neuanfang - ohne Gegenbauer. Doch nun erlangte der Konflikt durch einen Bericht der Financial Times (FT) über einen bizarren Rechtsstreit eine neue Qualität.

Demnach war Windhorst in Tel Aviv von einer israelischen Sicherheitsfirma namens Shibumi Strategy Limited verklagt worden. Aus den Gerichtsdokumenten gehe hervor, dass die Firma den Auftrag hatte, den Sturz von Gegenbauer durch Spitzeleien, Agitation und Propaganda zu forcieren. Der Rechtsstreit kreiste um angeblich ausstehende Honorare. Shibumi habe laut FT eine zugesagte Bezahlung von einer Million Euro sowie die versprochene Erfolgsprämie von vier Millionen Euro gefordert. Die Firma habe ihre Mission durch den Rücktritt Gegenbauers im Mai als "erfolgreich erfüllt" angesehen.

Am Donnerstag überschlugen sich dann die Ereignisse - in Israel. Denn kaum, dass der FT-Bericht öffentlich geworden war, wurde der Fall vor Gericht schon wieder geschlossen.

"Kompletter Unsinn"? Eine Gerichtssprecherin in Tel Aviv bestätig der SZ, dass es eine Klage gab

Kurios wirkte daran, dass alle beteiligten Seiten zuvor den Bericht und auch die darin erwähnte Klage heftig dementiert hatten. "Kompletten Unsinn" nannte das ein Sprecher von Windhorst, Shibumi-Chef Ori Gur-Ari erklärte der FT: "Wir wissen nichts von diesem angeblichen Fall." Aus dem Team Windhorst verlautete auch am Freitag, man könne sich noch immer keinen Reim auf die Geschichte machen. Eine israelische Gerichtssprecherin bestätigte jedoch der SZ, dass im September 2022 bei einem Tel Aviver Bezirksgericht unter der Fallnummer 10791-09-22 eine Klage von Shibumi gegen Windhorst und die Tennor Group eingegangen war. Und ja, der Fall sei - wie auf der Homepage des israelischen Justizwesens einsehbar - inzwischen geschlossen.

Über die Gründe kann man nur spekulieren. Womöglich gab es eine außergerichtliche Einigung, schließlich erscheint ein allzu großer Wirbel um diesen Fall keinesfalls im Interesse der Beteiligten zu liegen. Anfragen der SZ bei Gegenbauer und dem Shibumi-Chef Gur-Ari blieben am Freitag unbeantwortet.

Über Shibumi Strategy ist nicht viel bekannt. In Israel gibt es einen schwer zu durchschauenden Markt privater Sicherheitsfirmen, die oft auch frühere Mitarbeiter der diversen Geheimdienste rekrutieren. Das Unternehmen residiert zusammen mit anderen Firmen in einem vierstöckigen Gebäude in einer geschäftigen Gegend von Tel Aviv, direkt hinter der Großen Synagoge. Ein Briefkasten im Erdgeschoss weist den Namen aus, an den Milchglastüren zu den Büroräumen im ersten Stock gibt es keine Hinweise auf die Firma.

Wer im Internet unter shibumi-ltd.com sucht, wird auf eine Seite geleitet, auf der sich lediglich eine E-Mail-Adresse und die englischsprachige Aufforderung findet: "Lass uns darüber reden, wie wir für dich von Nutzen sein können." Reden allerdings will Shibumi-Chef Gur-Ari derzeit offenbar lieber nicht. Die Bürotür bleibt geschlossen, Anrufe auf dem Handy nimmt er nicht entgegen. Nach mehreren Anrufen schickt er schließlich eine SMS mit dem knappen Hinweis: "Ich bin beschäftigt."

Welche Kreise die Affäre in Berlin noch zieht, war am Freitagabend nur in Umrissen erkennbar. Dass das Verhältnis zur Hertha massiv belastet ist, war freilich unübersehbar. Für den kommenden Dienstag war eigentlich ein Pressegespräch anberaumt worden, auf dem der Gegenbauer-Nachfolger Bernstein eine Bilanz seiner ersten hundert Tage als Hertha-Präsident ziehen wollte. Dabei sollte offenkundig ein Schulterschluss geübt werden. Neben Bernstein waren auch die Geschäftsführer Fredi Bobic und Thomas E. Herrich angekündigt - und Gesellschafter Lars Windhorst. Hertha teilte mit, der Termin sei nun bis auf Weiteres verschoben worden.

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