Hertha BSC: Unvollendet in die Hauptstadt

Hertha BSC verpflichtet Angreifer Stevan Jovetic, dem mal eine Weltkarriere prognostiziert worden war.

Von Thomas Hürner, Hamburg/Berlin

Fussball, Herren, Saison 2021/2022, 1. Bundesliga, Hertha BSC, Trainingslager in Leogang (AUT), Tag 3, Training im Stei

Willkommen bei der Hertha: Zugang Stevan Jovetic im Trainingslager der Berliner in Leogang.

(Foto: Sebastian Räppold/Matthias Koch/Imago)

Die Referenz ist zwar eine halbe Dekade alt, aber nach diesem gloriosen italienischen Fußballsommer darf sie noch mal Erwähnung finden: Mit dem Ball am Fuß gebe es nur wenige brillantere Spieler, fand Roberto Mancini, seinerzeit Trainer von Inter Mailand und nun gefeierter Europameistercoach der Azzurri. Mancini hatte bereits 2015 ein Faible für Eleganz, womöglich hat er sich auch ein bisschen selbst in diesem Fußballer erkannt, den er damals mit einer kleinen Eloge als neuestes Mitglied seines Teams empfing: Stevan Jovetic, inzwischen 31, sollte das damals kriselnde Inter zurück an die Spitze bringen - und sich selbst gleich mit.

Wirklich harmonisch verlief diese Liaison aus Sicht aller Beteiligten dann aber nicht, was rückblickend wohl der Ausgangspunkt dafür war, dass der potenzielle Ausnahmekönner Jovetic am Dienstag als neuer Spieler von Hertha BSC vorgestellt wurde. Der Montenegriner erhält einen Zweijahresvertrag in Berlin und kommt ablösefrei von AS Monaco, wohin es ihn nach seiner Zeit bei Inter verschlug. "Mit Stevan bekommen wir einen klassischen Zentrumsspieler für die Offensive, der viel Erfahrung aus den Topligen in Europa mitbringt", wird der neue Hertha-Sportchef Fredi Bobic zitiert. Womit Bobic vielleicht noch etwas untertrieben hat, weil die europaweite Expertise des Zugangs nur wenige vorweisen können: Jovetic wäre mit seinem ersten Pflichtspiel für Hertha der erst dritte Fußballer, der in allen fünf Top-Ligen (Italien, England, Spanien, Frankreich, Deutschland) zum Einsatz kam.

In Italien wurde der junge Jovetic einst umjubelt

Diese Vita ist aber eher ein Zeugnis davon, dass Jovetic' Karriere nie so in Fahrt kam, wie das von Experten prognostiziert wurde. Erstmals von sich reden machte Jovetic, der in der Jugend bei Partizan Belgrad ausgebildet wurde, als junger Offensivmann beim AC Florenz, für den er zum Beispiel doppelt traf im Champions League-Achtelfinale 2010 gegen den FC Bayern. In Italien wurden schnell Quervergleiche angestellt, die typischen Überhöhungen, die sich vor einem Talent als meterhohe Bürde aufbauen können: "Il nuovo Savicevic", jubelten die Gazzetten, der legitime Nachfolger des herausragenden Fußballers aus dem früheren Jugoslawien schien gefunden. Dejan Savicevic war in den 1990-ern einer der Protagonisten beim damals ruhmreichen AC Milan, wie Jovetic wurde er in der montenegrinischen Hauptstadt Titograd geboren. Doch Jovetic riss sich kurz darauf das Kreuzband, seither könnte man mit seiner Krankenakte die Strecke Florenz-Berlin auslegen: die Adduktoren, nahezu jeder Muskel zwischen Nase und großer Zeh, wieder das Kreuzband.

Trotzdem war Manchester City 2013 bereit, die stolze Summe von 26 Millionen Euro für Jovetic aufzubringen. Mit City wurde er zwar englischer Meister, kam über die Rolle des Ergänzungsspielers aber selten hinaus. In Mailand sollte später unter Mancini noch einmal die Wende gelingen, doch die Verletzungen hatten Spuren hinterlassen, seine Spritzigkeit nahm ähnlich ab wie sein einstiger Tordrang - und dann haben sich Jovetic und Mancini auch noch öffentlich verkracht, woraufhin der Montenegriner seine Reise quer durch Europa fortsetzte, aber weder beim FC Sevilla noch in Monaco richtig glücklich wurde.

Torwart Rune Jarstein darf nach einem schweren Corona-Verlauf wieder leicht trainieren

Nun also zur Hertha, die gemäß eigenem Selbstverständnis ein "Big-City-Club" werden möchte, diesem Anspruch seit seiner Ausformulierung aber hinterherhinkt. Ein bisschen ist das wie bei Jovetic, dessen Talent jederzeit reichen würde, um die namhafte, zuletzt aber eher leblose Berliner Offensive zu vitalisieren. Mit verletzungsanfälligen Routiniers ist es für die Hertha allerdings eher mittelprächtig gelaufen, der Weltmeister Sami Khedira verbrachte während seiner kurzen Hertha-Expedition in der Vorsaison mehr Zeit auf der Ehrentribüne als auf dem Rasen.

Spekuliert worden war in Berlin auch über die Ankunft eines weiteren Eckpfeilers der WM 2014: Verteidiger Jerome Boateng, der ebenfalls ablösefrei zu haben wäre, seit sein Vertrag beim FC Bayern zuletzt auslief. Am Dienstag gab es Berichte über Vertragsverhandlungen mit dem FC Sevilla, nach SZ-Informationen ist da aber nichts dran. Die beste Nachricht aus dem Hertha-Kosmos war ohnehin eine andere: Torwart Rune Jarstein, der nach einem schweren Corona-Verlauf mit einer Herzmuskelentzündung zu kämpfen hatte, hat das Schlimmste offenbar überstanden und darf wieder leicht trainieren.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB