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Pal Dardai bei Hertha BSC:Der Neustart führt in die Vergangenheit

Nach der Entlassung von Trainer Bruno Labbadia setzt Hertha BSC auf den früheren Coach Pal Dardai - der kennt die Situation der Berliner und hat einiges zu beweisen.

Von Javier Cáceres, Berlin

Vor ein paar Jahrzehnten dümpelte ein sogenannter Big City Club namens Real Madrid oft im Mittelmaß herum, und das war nicht allen Trainern zuträglich. Wenn dann die berühmten Gesetze der Branche griffen, schaute sich das Präsidium nicht lange nach einem Nachfolger auf dem Markt um, sondern kontaktierte einen ehemaligen Spieler, der seit dem Karriere-Ende Angestellter des Klubs war.

Er hatte zudem die Gabe (und Größe), später in die zweite Reihe zurückzutreten, ohne dann an Stuhlbeinen seiner Nachfolger als Chefcoach zu sägen. Sein Name: Luis Molowny. Der Bundesligist Hertha BSC will bekanntermaßen auch ein Big City Club werden, und der Weg dorthin ist lang, trotz einer Menge Geld von einem Investor namens Lars Windhorst. In einer Hinsicht kann es Hertha mit Real Madrid jedoch aufnehmen. Denn die Berliner haben ihren Molowny: Pal Dardai, zuletzt Nachwuchstrainer und seit Montag wieder Chefcoach im Berliner Westend. Er folgt auf Bruno Labbadia, der am Sonntag freigestellt worden war.

Es ist schon das zweite Mal in der Geschichte, dass Dardai bei Hertha an vorderster Front eingreift (Molowny übrigens tat es bei Real Madrid in vier verschiedenen Spielzeiten). Dardai war schon im Februar 2015 als Coach eingesprungen - als der Niederländer Jos Luhukay entlassen wurde und die Hertha auf den 17. Tabellenplatz abgerutscht war.

Dardai blieb bis zum Ende der Saison 2018/19. Doch sein Vertrag wurde, obschon er mit einem mäßig aufregenden Kader passable Ergebnisse erzielte, von Manager Michael Preetz nicht verlängert. Ihm galt der Fußball, der unter Dardai zur Aufführung kann, als nicht glamourös genug, wofür es durchaus Argumente gab. Nur: Nun ist Preetz als Manager bei Hertha Geschichte - am Ende einer Entwicklung, die mit dem Aus von Dardai als Hertha-Coach ihren Anfang nahm.

An Stelle von Dardai holte Preetz den weitgehend überforderten Ante Covic, der bald von Jürgen Klinsmann ersetzt wurde; die Demission des früheren Bundestrainers spülte dann Anfang 2020 dessen Assistenten Alexander Nouri an die Macht; im April 2020 schließlich holte Preetz Labbadia. In der laufenden Saison holte die Hertha unter dem Darmstädter nur 17 Punkte aus 18 Spielen, was nicht nur gemessen an den Ansprüchen, die mit dem Label Big City Club assoziiert werden, zu wenig ist.

Es geht nunmehr um den Klassenerhalt. "Das war sicher nicht mein Plan, dass ich nun wieder von der U16 auf die Trainerposition bei den Profis wechseln werde", wurde Dardai in der Pressemitteilung des Klubs zitiert. "Ich brauche aber auch niemandem zu erklären, was Hertha BSC für mich bedeutet, daher war es gar keine Frage für mich, dass ich in dieser Situation aushelfe."

Diese Situation, sie bedingt, dass Hertha ein Polster auf die Abstiegsplätze hat, auf das man sich nichts einbilden kann, wie Carsten Schmidt, der im Dezember installierte Vorsitzende der Geschäftsführung, am Sonntag erklärte. Er habe Respekt, aber keine Angst vor dem Abstiegskampf, fügte er hinzu. In dieser Logik steht auch die Wahl Dardais. Der frühere Mittelfeldspieler habe "bereits nachgewiesen, dass er eine Mannschaft in einer für Hertha BSC herausfordernden Situation führen und stabilisieren kann." Abgesehen davon sei Dardai ein "eingefleischter Herthaner, der hier jeden kennt und keine Eingewöhnungszeit braucht."

Umgekehrt muss sich auch die Hertha-Gemeinde nicht an Dardai gewöhnen. Zwar sind im Moment im Stadion pandemiebedingt keine Zuschauer zu sehen. Aber das Umfeld existiert fort, und es lässt sich am ehesten mit einem "Ex" befrieden, der mit 286 Bundesligapartien sogar Rekordspieler der Hertha ist. Gleichwohl: Interessant blieb ein Satz, der am Ende der Mitteilung zu lesen war, und die der Klub am Montag verschickte: "Die Vereinbarung (mit Dardai) gilt bis Sommer 2022." Übersetzt: Dardai wollte sich nicht bloß für ein paar Monate auf die Bank der Erstligamannschaft setzen, sondern sich noch einmal beweisen. Wird der "Neustart für die Zukunft", von dem Herthas Manager Schmidt sprach, nachdem er Preetz und Labbadia vom Hof komplimentiert hattee, nun doch verschoben?

In jedem Fall führt der Weg in die Hertha-Zukunft zunächst mal zurück, nicht nur wegen Dardai. Denn ihm assistiert eine weitere Hertha-Ikone: Andreas Zecke Neuendorf. Damit führt der "Neustart für die Zukunft", die Herthas neuer Top-Manager Carsten Schmidt am Sonntag ausgerufen hatte, doch über reichlich Vergangenheit. Auch Zecke Neuendorf, 43, ist ein früherer Spieler mit unverwechselbarem Hertha-Flair. Und mit Schnauze und Humor.

Zu seiner aktiven Zeit rief Neuendorf einmal beim Deutschen Fußballbund (DFB) an und gab sich als Andreas Schmidt aus, er war damals sein Mitspieler. Schmidt alias Neuendorf erklärte einem verdutzten DFB-Mitarbeiter, nach einer Geschlechtsumwandlung für das Frauen-Nationalteam antreten zu wollen. 24 Stunden später hatte der DFB die Recherche beendet und meldete sich beim nichtsahnenden Schmidt: "Ich fiel aus allen Wolken."

© SZ/bek
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