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Hertha BSC:Die Fans lechzen nach Niko Kovac

Hertha-Trainer Covic: ´Als Cheftrainer läuft deine Uhr rückwärts"

Da stehen sie nebeneinander. Herthas Trainer Ante Covic (links) und Münchens damaliger Trainer Niko Kovac.

(Foto: dpa)
  • Bei Hertha BSC stellen sich viele auf einen Trainerwechsel ein. Die Tage von Coach Ante Covic scheinen gezählt.
  • Als Nachfolgekandidaten gelten Niko Kovac und Jürgen Klinsmann.
  • Hier geht es zur Tabelle der Bundesliga.

Ein bisschen erinnerte die Kulisse im Westend an alte Fassbinder-Filme. Der Himmel sah aus wie Beton, und auf dem Rasen ruhten die bunten Blätter, die in den vergangenen Wochen, dem Gebot der Jahreszeit und der Natur folgend, sachte dahingerieselt waren. Gut ein Dutzend Journalisten hatten sich am Trainingsplatz von Hertha BSC eingefunden, aber kaum einer der sogenannten Kiebitze, was man angesichts der Tatsache, dass Hertha am Sonntag 0:4 in Augsburg verloren und die vierte Niederlage in Serie erlitten hatte, einigermaßen überraschend nennen konnte.

Falls Fassbinder leben und tatsächlich noch drehen würde, so wäre es ihm ein Leichtes gewesen, den Gang des Hertha-Teams zum "Auslaufen" mit Musik zu unterlegen. Denn Hertha erfüllt mal wieder alle Kriterien, die dem Refrain einer alten, offiziösen Vereinshymne zugrunde liegen, Mitte der 60er-Jahre eingesungen von Fiffi Kronsbein und dem damaligen (Zweitliga-)Kader der Hertha: "Wir sind so wie wir sind / das Berliner Sorgenkind ...".

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Das lässt sich nicht nur musikalisch im Stile eines Gassenhauers, sondern auch streng tabellarisch ausdrücken. Hertha BSC liegt mit elf Punkten auf Platz 15 - und nur deshalb vor der punktgleichen, auf den Relegationsplatz gerutschten Düsseldorfer Fortuna, weil man zwei Tore mehr erzielt hat (17). Rune Jarstein, Berlins Torwart und Routinier, schaffte es, am Sonntag Hertha-Geschichte zu schreiben: Er wurde beim 0:4 in Augsburg der erste Keeper der Klubgeschichte, der eine rote Karte sah; am Montag wurde er für zwei Spiele gesperrt. Was aber die Seele der Herthaner am meisten trübt: Der 1. FC Union, der Lokalrivale und Neuling aus Köpenick, liegt in der Tabelle fünf Punkte und vier Plätze vor der Hertha, die, zusammengefasst, gerade in das furchterregende Maul eines Monsters namens Abstieg blickt.

"Muss jetzt Klinsi Hertha retten?", fragt eine Zeitung

Das hat Folgen, zumindest nach Ansicht der Fach- und Hauptstadtmedien. Sie sehen das Verfallsdatum der Amtszeit von Trainer Ante Covic, der im Sommer auf Pal Dardai gefolgt war, als überschritten an. "Das Experiment Covic scheint gescheitert", schrieb der Kicker. "Es scheint, als wäre die Bundesliga eine Nummer zu groß für ihn", urteilte der Tagesspiegel. "Die Trennung vom ehemaligen U23-Coach ist unvermeidbar", fand der Berliner Kurier.

Während die Fans nach dem unlängst vom FC Bayern entlassenen Niko Kovac lechzen, weil ihm als gebürtigem Weddinger der gleiche Berliner Urschleim der randständigen Kieze anhaftet, der auch der Hertha selbst zu eigen ist, brachte die BZ bereits den früheren Bundestrainer Jürgen Klinsmann in Stellung, den sportstrategischen Berater von Herthas Großinvestor Lars Windhorst. "Muss jetzt Klinsi Hertha retten?", fragte das Blatt mit Blick auf den Mann, den Windhorst unlängst bei der Hertha als Aufsichtsrat installiert hatte, auf dass er dafür Sorge trage, dass jene 225 Millionen Euro, für die Windhorst knapp die Hälfte der Anteile von Herthas Profiabteilung erwarb, Rendite abwerfen.

Dauerhaft dürfte Klinsmann, der die Bundesliga seit dem Ende seines Engagements beim FC Bayern vor zehn Jahren nur aus interkontinentaler Ferne kennt, sein US-Exil kaum gegen die tägliche Arbeit mit einer aktuell abstiegsgefährdeten Elf eintauschen wollen. Zumal ja die gegenwärtige Verfasstheit des Berliner Himmels höchstens die Lyriker der Hauptstadt zu Höchstleistungen treibt, die gerade zufällig an tristen Balladen feilen, - und rein gar nichts mit der Sonne Kaliforniens zu tun hat. Aber womöglich ließe sich Klinsmann zu einem Aushilfsjob hinreißen, um der Hertha das zu geben, was man nicht mal mit Fremdkapital kaufen kann: Zeit.

Die könnte Manager Michael Preetz gebrauchen. Er war vor zwei Wochen bei der Mitgliederversammlung von den Herthanern hart angegangen worden und täte wohl gut daran, eine überzeugende Lösung zu präsentieren. Nach dem Spiel in Augsburg ging er erst mal auf Tauchstation, was so wirkte, als ob er ein falsches Wort vermeiden wollte.

Covic will kämpfen - und weicht aus

Seine Aussage vom Sonntag ("Ich muss das erst mal sacken lassen ...") hatte auch am Montag noch Bestand. So stand also Covic, 44, am Vormittag vor den Journalisten und mühte sich, die bestmögliche Figur abzugeben, "kerzengerade zu stehen", wie er es formulierte. Covic versuchte, kämpferisch zu wirken und schloss einen Rücktritt aus ("Aufgeben gibt es in meinem Leben nicht"). Vor allem aber mied er jede Debatte über jene Zukunft, die laut Klubpropaganda der Hertha gehören soll.

Egal, ob der Begriff weiter gefasst war, oder ob er seine eigene berufliche Zukunft als Cheftrainer betraf ("Das ist im Moment nicht mein Thema, Leute") oder aber das nächste Spiel gegen den ebenfalls kriselnden BVB aus Dortmund - Covic wich immer aus. "Ich werde mich mit Samstag null beschäftigen, weil ich noch ein, zwei Tage benötige, erst das alles zu verarbeiten, was da Sonntag leider passiert ist", sagte er.

Was das war am Sonntag, beim nicht gerade als Übermannschaft der Liga berühmten FC Augsburg? Eine Art multiorganisches Versagen, eine taktische und mentale Überforderung, ohne jede spielerische Linie oder kämpferische Disposition. In seiner Güte wollte Covic das am Montag noch am ehesten darauf zurückführen, dass seine Spieler im Kopf "nicht frei waren" und wegen des Abstiegskampfes verkrampft seien, ihre Ansprüche an sich selbst nicht erfüllen würden und darunter leiden.

Das kann ja sein. Aber es erklärt nur ansatzweise, dass die Hertha-Profis am Sonntag die Körperspannung von Besuchergruppen des Augsburger Puppenkistenmuseums aufwiesen, die sich zwischen Titiwu und Lummerland verlaufen haben.

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