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Hertha BSC:Seelenbalsam im Neo-Dardaismus

Berlin, 06.03.21, Fussball, Bundesliga, 24.Spieltag, Hertha BSC - FC Augsburg, Olympiastadion. Berlins Dodi Lukebakio (

Endlich wieder ein Dreier: Der späte Elfmetertreffer von Dodi Lukebakio (rechts) bescherte der Hertha den ersten Sieg seit dem 2. Januar.

(Foto: Andreas Gora/imago)

Herthas Sieg gegen den FC Augsburg ist eine Geschichte der Selbstüberwindung, was Berlins zurückgeholten Trainer Pal Dardai erleichtert feststellen lässt: Seine Elf kann doch Abstiegskampf.

Von Javier Cáceres, Berlin

Die Zigarre danach schmeckte. Berichtete Hertha Trainer Pal Dardai jedenfalls am Sonntag, dem Tag nach dem ersten Sieg seiner zweiten Amtszeit beim Berliner Bundesligisten Hertha BSC, nach dem 2:1 gegen den FC Augsburg, dem ersten Sieg des Neo-Dardaismus sozusagen. Unter normalen Umständen hätte Dardai zur Feier des Tages wohl eine Flasche Wein geöffnet; er rühmt und genießt gern die international unterschätzten Vorzüge der Qualitätswinzer seines Geburtslands Ungarn. Allein: Zurzeit frönt Dardai seiner traditionellen 74-tägigen Alkoholabstinenz, die sog. Dardai-Diät dauert alljährlich vom 1. Januar bis zum Geburtstag am 16. März. Herthas Siegesdiät dauerte nun unwesentlich kürzer, neun Spiele lang: vom 2. Januar (3:0 gegen den FC Schalke 04) bis zum 6. März. Der Vortrag an sich gegen Augsburg trug zwar in vielfacher Hinsicht hungerkünstlerische Züge. Dass Dardai hinterher trotzdem der Sinn danach stand, Kringel auszuatmen, hatte einen Grund: "Wie es aussieht, kann die Mannschaft Abstiegskampf."

Diese Bemerkung war, wenn man so will, die Korrektur einer Einschätzung, die in Berlin zuletzt allwöchentlich befeuert worden war. Vor allem von dem vom Assistenzkaderplaner zum Sportdirektor aufgestiegenen Arne Friedrich. Der frühere Nationalspieler betonte so oft, Herthas Kader sei nicht für den Abstiegskampf gerüstet, dass man meinen konnte, er wolle jemandem ein Alibi verschaffen. Am Samstag war Friedrich derjenige, der die höchsten Sprünge machte, als die seit Sommer 2019 mit knapp 150 Millionen Euro aufgerüstete Mannschaft den Sieg perfekt gemacht hatte und die ganze Reservebank aufsprang. "Wir hätten fast geweint", berichtete Lukas Klünter. Der französische Mittelfeldspieler Lucas Tousart freute sich in einem sozialen Netzwerk darüber, dass man nun endlich "eine Gelegenheit zu lächeln" habe.

"Jede Mannschaft hat gegen uns geschwitzt"

Einen Exzess an Euphorie hat Dardai nicht ausgemacht, und das spricht zumindest dafür, dass die Frühphase des Neo-Dardaismus von einer zunehmend unverzerrten Wahrnehmung der Realität geprägt ist. Die Herthaner wissen, dass sie dem Rest der Saison kaum mit Popcorn auf dem Sofa beiwohnen können, der Vorsprung auf den Abstiegsrang 17 beträgt nur drei Punkte. Andererseits hat sich Hertha jüngst gegen Top-Klubs wie Frankfurt, München, Leipzig und Wolfsburg achtbar geschlagen. "Jede Mannschaft hat gegen uns geschwitzt", sagte Dardai. Warum sollte es Dortmund, Leverkusen und dem Lokalrivalen 1. FC Union nicht in den kommenden Wochen ähnlich gehen? Zumal der Sieg gegen Augsburg Seelenbalsam war, weil er in Genese und Vollendung eine Geschichte der Selbstüberwindung war. Allein schon deshalb, weil das Siegtor durch Dodi Lukebakio erst in der 89. Minute fiel.

Im Grunde war die Hertha mit einem 0:1-Rückstand in die Partie gegangen. Nach nur 109 Sekunden hatte sie den Ball durch Lukas Klünter unnötig verloren, dann die Situation nach der Klärung einer Flanke nicht beherrschen können, bis am Ende László Benes von André Hahn freigeköpfelt wurde, weil Rechtsverteidiger Deyovaisio Zeefuik falsch stand. Benes vollendete volley aus spitzem Winkel.

Was Dardai hernach sah, entsprach den Eindrücken, die in die Befürchtung gemündet waren, sein Team stresse sich zu sehr. Die Trainingswoche sei formidabel gewesen; am Vorabend der Partie habe er das Team aber als gehemmt erlebt. "Elf blasse Herthaner" sah Dardai dann in der ersten Halbzeit, "es fehlte ein bisschen Blut". Die Therapie der Anämie übernahmen freundlicherweise die Augsburger. Sie trafen zwar einmal bei einem Kopfball von Florian Niederlechner Aluminium. Aber ansonsten bauten sie den Berlinern Eisenmangel ab, durch Teilnahmslosigkeit. "Mir ist unerklärlich, warum wir so passiv waren", sagte Trainer Heiko Herrlich. Was folgte, war nach gut einer Stunde der zwischenzeitliche Ausgleich von Krzysztof Piatek, er überwand seinen Landsmann Rafal Gikiewicz, der zuvor drei gute Hertha-Chancen durch Ascacíbar und zwei Mal Córdoba exzellent vereitelt hatte. Zur Halbzeit hatte Dardai seine Elf zu größerer Risikobereitschaft ermuntert. "Dann haben wir investiert, investiert, und irgendwann kam dieser magische Moment, und der Fußballgott hat gesagt: Jetzt lass ich ihn rein."

Lothar Matthäus als Nachfolger von Joachim Löw? Das fände Pal Dardai gut

Angesichts dieser Lage war es dann am Sonntag auch ein Leichtes, locker über andere Dinge zu plaudern: zum Beispiel über die von Mehmet Scholl in der Bild unterbreitete Idee, Lothar Matthäus im Falle einer vorzeitigen Entlassung von Bundestrainer Joachim Löw zum Bundestrainer zu ernennen. Er sei zwar "nur ein kleiner Ungar" und ein Löw-Fan, sagte Dardai. Aber Matthäus habe "Großes drauf". Das wisse er aus eigener Anschauung; Matthäus war als ungarischer Nationalcoach auch Dardais Trainer. Der Kontakt riss nie ab. "Ich hab' ihm immer gesagt: Er soll zu Hertha kommen, und ich bin sein Co-Trainer..." Das sagte er wohl nicht nur im Ernst, sondern auch halb im Scherz - zumindest was die reale Zukunftsperspektive betrifft. Aber wer weiß? Zwar dürfte Fredi Bobic, so er denn wirklich bei Hertha als Manager unterschreibt, bereits Pläne in der Tasche haben. Aber Matthäus wäre ein Name, der zu den "Big-City-Club"-Träumen von Investor Lars Windhorst passt - und der Vertrag von Hertha-Idol Dardai verlängert sich angeblich nur dann automatisch, wenn er aus den zehn verbleibenden Spielen noch 20 von 30 möglichen Punkten holt.

© SZ/klef/fse
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