Hertha BSC:Die Hertha rast weiter auf einen Wasserfall zu

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Lars Windhorst, Investor und Anteilseigner von Hertha BSC, und Präsident Werner Gegenbauer (li.) bei einer Pressekonferenz 2020. Am Dienstagabend verkündete das Vereinsoberhaupt seinen Rücktritt. (Foto: Bernd König/Imago)

374 Millionen Investorengeld sind verbrannt, der Präsident ist abgetreten. Die Berliner ringen mal wieder um einen Neuanfang. Doch der wird nur gelingen, wenn der Klub die Relegation wie einen Abstieg interpretiert.

Kommentar von Javier Cáceres, Hamburg

Kurz nachdem am Montagabend der Treffer gefallen war, der das 2:0 bedeutete und Hertha BSC beim Hamburger SV in der ersten Liga hielt, wurde noch einmal deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit der Klub aus dem Berliner Westend mit dem Feuer spielt. Aus der Kurve der Hertha-Fans flog eine Leuchtrakete aufs Spielfeld, und man darf von Glück reden, dass niemand auf dem Rasen getroffen wurde. Das wäre die nächste Pointe gewesen: Die Hertha hält sportlich die Klasse, weil die Mannschaft eines ihrer seltenen erstklassigen Spiele der Saison bietet. Und ein Spielabbruch macht alles zunichte.

Geht man mal vor dem Hintergrund von Erfahrungswerten davon aus, dass der Schütze mehr als eine Leuchtrakete durch die Kontrolle geschmuggelt hat: Es gab in der Ecke der Berliner Fans offenbar genug Kräfte, die ihn zur Räson riefen. Und Schlimmeres verhinderten.

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Von Javier Cáceres

Dass die Hertha ihre Rettung ausgerechnet im Angesicht des HSV schaffte, trug sinnbildliche Züge. So wie die Hamburger jahrelang mit dem Abstieg kokettiert hatten, bis es 2018 dann so weit war, tut das die Hertha seit Jahren auch. Unbeeindruckt von den 374 Millionen Euro des Investors Lars Windhorst, der mit diesem Geld nahezu zwei Drittel der Anteile an der Profiabteilung hält - und eigentlich ganz andere Ziele hatte als das Wandeln am Erstligaabgrund. Am Montagabend war es nun, als habe die Hertha im Angesicht des HSV ein Spiegelbild entdeckt, dem sie nicht entsprechen wollte - und sich deshalb befreit.

Nur: Die Gefahren sind noch lange nicht überwunden. Schon die nächsten Tage werden weisen, ob genug Argumente gefunden werden, um von einem Neuanfang zu sprechen. Oder ob sich die Probleme verschärfen. Die Hertha, die ihren Namen einem Berliner Ausflugsdampfer verdankt, rast weiter auf einen Wasserfall zu.

Wer auf Gegenbauer folgen soll, war am Dienstag völlig offen

Daran ändert wohl auch der Rücktritt von Werner Gegenbauer wenig, der Präsident gab ihn am Dienstagabend bekannt: Man hatte über ihn als Hertha-Vorsitzenden schon zuvor nur noch in der Vergangenheitsform reden können. Doch die 14 Jahre währende Regentschaft - in der die Hertha zweimal abstieg und auch in den besseren Jahren allenfalls auf der Stelle trat - ist nun endgültig vorbei. Vordergründig wird durch den Abschied des Präsidenten einem massiven Konflikt der vergangenen drei Jahre die Grundlage entzogen, dem zwischen Gegenbauer und Windhorst. Die Frage des größten Einzelinvestors der Bundesligageschichte, auf welche Weise eigentlich seine 374 Millionen Euro verbrannt wurden, steht aber weiter im Raum; die Hertha entgegnet, Windhorst sei stets und im Zweifelsfall schriftlich über die Ausgaben informiert gewesen. Das ändert allerdings nichts an der völlig verkorksten Transferpolitik.

Und jenseits davon: Am Dienstag war völlig offen, wer auf Gegenbauer folgen wird. Und das ist nicht die einzige schwebende Personalie. Ingo Schiller, seit fast elf Jahren Finanzgeschäftsführer bei Hertha, bestätigte, dass er den Verein verlässt. Er gilt als Vertreter des alten Regimes, das für die Drift nach unten steht. Nach eigenen Angaben hinterlässt Schiller ein bestelltes Feld. Schulden seien abgebaut, das Eigenkapital aufgestockt worden; die Hertha sei "gut aufgestellt, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern", teilte Schiller zu Beginn des Jahres mit. Tatsächlich?

Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller (links), Geschäftsführer Michael Preetz (Mitte) und Präsident Werner Gegenbauer standen jahrelang für das typische Hertha-Mittelmaß. Preetz ist schon länger als ein Jahr weg, nun auch Gegenbauer und Schiller. (Foto: Michael Hundt / Matthias Koch/Imago)

Größer könnten diese Herausforderungen kaum sein. Der Kader wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich schlechter, auch der seit einem Jahr amtierende Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic griff bei diversen Verpflichtungen daneben. Der nächste Kaderumbruch steht bevor. Für die kommende Saison braucht Bobic zuvorderst einen Trainer, der die Hertha in die stabile Seitenlage bringt. Und der - wie der seit Jahren erfolgreiche Nachbar Union Berlin - eine tragfähige Spielidee entwickelt und sie dann mit hungrigem Personal umsetzt.

Gelingen wird das wohl nur, wenn der Klub diese Relegation wie einen Abstieg interpretiert - und sich wirklich neu aufstellt, wie es Schalke 04 und Werder Bremen in der vergangenen Zweitligasaison taten. Andernfalls wird die Hertha eher früher als später wieder auf einen Retter vom Schlage eines Felix Magath zurückgreifen müssen.

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