Hertha BSC Probleme im Kopf

Nach dem Zusammenprall mit Goran Milosevic muss Herthas Torjäger Vedad Ibisevic (r.) mit gebrochener Kieferhöhle pausieren.

(Foto: Axel Schmidt/AFP)

Die Berliner ärgern sich über zwei verschenkte Punkte gegen den Tabellenletzten. Doch das 2:2 gegen Hannover bestätigt Trainer Pal Dardai: Sein Team ist nicht bereit für die Champions League.

Von Javier Cáceres, Berlin

Das Berliner Olympiastadion verließ die Vertretung von Hannover 96 mit einem Gefühl, das der Erhabenheit durchaus nahe kam. Es sei schon schön gewesen, "in die Kurve zu gehen und mal nicht beschimpft zu werden", sagte Hannovers Torwart Ron-Robert Zieler, nachdem seine Mannschaft bei Hertha BSC ein respektables 2:2 erstritten hatte. Nicht nur das: Sie war ihrem einzigen verbleibenden, weitgehend ideellen Ziel näher gekommen, sich aus der Bundesliga "würdig zu verabschieden", wie Zieler formulierte. Denn unter ihrem neuen Coach Daniel Stendel verströmten die Niedersachsen am Freitagabend anerkennungswürdige Signale.

Es war kein Zufall, dass Hannover aus der Heimat der weiterhin auf Tabellenplatz drei logierenden Hertha einen Punkt entführte. Es war, im Gegenteil, die Belohnung für eine unter den gegenwärtigen Umständen beachtliche Moral. "Es war das mutige Spiel, das wir zeigen wollten", sagte Stendel, der bis zur Ablösung von Thomas Schaaf vor weniger als einer Woche die U19 der Hannoveraner trainiert hatte. Wie so häufig in dieser Saison waren die Hannoveraner früh in Rückstand geraten. Vedad Ibisevic hatte nach nur drei Minuten getroffen, als er einen Flankenball von Marvin Plattenhardt ins Tor spitzelte. Doch anders als bei früheren Beispielen fielen die Hannoveraner diesmal nicht in sich zusammen: Artur Sobiech traf zum 1:1 (18.), als er die großartige Vorarbeit von Hiroshi Kiyotake zu einem schönen Treffer verwertete.

Der Hertha fehlt im Mittelfeld der laufstarke Darida

Dass Hannover gefährlich blieb, lag auch daran, dass sich die Abwesenheit von Herthas Mittelfeldspieler Vladimir Darida bemerkbar machte, es fehlte den Berlinern offensiv wie defensiv an Struktur. Darida selbst hatte unter der Woche erklärt, dass er allmählich die Kilometer spüre, die er in dieser Saison abgerissen hatte, der Dauerläufer der Liga - mehr als 13 Kilometer pro Spiel - japste förmlich nach einer Pause. Das zwischenzeitliche 2:1 für Hannover durch Schmiedebach (58.) fiel zwar eine Minute nach der Einwechselung Daridas. Mit dem tschechischen Nationalspieler bekam Hertha das Spiel aber erkennbar besser in den Griff. Ein Tor von Salomon Kalou (78.) nach Vorarbeit des genesenen Julian Schieber rettete den Berlinern immerhin noch ein Remis. "Ein Punkt ist besser als keiner. Wir haben mit dem Tor einen guten Start erwischt. Aber danach haben wir Hannover spielen lassen", ärgerte sich Kalou.

Dass das desaströse 0:5 in Gladbach vom vorangegangenen Wochenende noch in den Köpfen seiner Spieler gewesen sein könnte, verneinte Trainer Pal Dardai. Ihm gefiel die Körpersprache seines Teams. Die Probleme, die Hertha vor allem in der ersten Halbzeit hatte, verortete der Ungar dennoch im Kopf seiner Spieler. Seine Spieler seien übermotiviert gewesen, "und übermotivierte Spieler sind schlimmer als unmotivierte Spieler. Denen kann man nämlich einen Arschtritt verpassen." Und: Natürlich seien die Herthaner mit der Frage beschäftigt, wie sie die Saison nach der überraschend guten Hinrunde abschließen. Das hemmt. "Wir sind ein junges Team. Die Situation da oben belastet die Jungs", sagte Dardai. Manager Michael Preetz ergänzte: "Die Jungs können Zeitung lesen, und die Spiele werden immer weniger."

Vedad Ibisevic zieht sich einen Kieferhöhlenbruch zu

Das Problem ist, dass die Partien nicht gerade einfach werden. In der kommenden Woche reist Hertha nach Hoffenheim, und nach dem Pokal-Halbfinal-Intermezzo gegen Borussia Dortmund gastiert der FC Bayern in der Hauptstadt. Danach muss Hertha nach Leverkusen reisen, zu einem direkten Rivalen um die europäischen Plätze. Dardai scheint bemüht zu sein, den Druck von der Mannschaft zu nehmen. "Wenn man zwei Tore zu Hause schießt, muss man gewinnen. Ein Top-Team tut das", sagte er, und beharrte damit auf seinem Mantra der vergangenen Wochen: Hertha sei noch lange nicht die Champions-League-reife Mannschaft, die man angesichts des Tabellenplatzes in ihr vermuten könnte.

Am Samstag wurde dann bekannt, dass Hertha wahrscheinlich eine Weile auf Stürmer Vedad Ibisevic verzichten muss. Der Torjäger zog sich einen Kieferhöhlenbruch zu. Bei einem Kopfballversuch war er mit Hannovers Verteidiger Goran Milosevic zusammengeprallt. Unter normalen Umständen wäre wohl eine Operation fällig. Um aber die Saisonziele nicht zu gefährden, soll der Bosnier konservativ behandelt werden. Fraglich bleibt, ob er unter den gegebenen Umständen wirklich das machen kann, was nun von ihm verlangt ist: die Zähne zusammenzubeißen.