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Jessic Ngankam:Herthaner seit dem fünften Lebensjahr

FC Schalke 04 - Hertha BSC

Jessic Ngankam erzielte bereits gegen den FC Bayern ein Tor - das 2:1 gegen Schalke ist für seinen Klub im Abstiegskampf das wichtigere.

(Foto: Martin Meissner/dpa)

Seit 2006 spielt Jessic Ngankam für Hertha BSC und erzielt auf Schalke das möglicherweise rettende 2:1 für den Klub. Trainer Dardai ist stolz - und gibt zu, dass es das Talent wegen der Millionenspieler des Investors schwer hat.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Mindestens bis nach Ückendorf, Bismarck und Buer, womöglich sogar bis nach Charlottenburg und Schöneberg war der Knall zu hören, den Benito Raman mit seinem Versuch eines Blattschusses verursacht hatte. Man schrieb die 93. Minute beim Nachholspiel zwischen Schalke 04 und Hertha BSC, und aus Sicht der Berliner war es ein Moment mit Erinnerungswert. Der lautstarke Knall verhieß ihnen Gutes: Raman hatte die schwierige Aufgabe technisch gut gelöst, aber der Ball traf den Pfosten statt ins Netz, zum zweiten Mal hintereinander, nachdem zuvor schon Skhodran Mustafi denkbar knapp das Ziel verfehlt hatte. Wenn Herthas Schlussmann Alexander Schwolow wenig später die Torstange umarmt und geküsst hätte - niemanden hätte es irritiert. Der Pfosten rettete den 2:1-Sieg und damit womöglich auch den Klassenerhalt. Hätte Schalke doch noch ausgeglichen, wäre die Partie der Berliner gegen den 1. FC Köln am Samstag hochbrisant geworden.

Pal Dardai hätte dann sicherlich noch ausführlicher über den Spielverderber Dodi Lukebakio gesprochen. Dessen Platzverweis in der 89. Minute stellte durchaus ein Kunststück dar - Lukebakio hatte nach seiner Einwechslung für zwei gelbe Karten lediglich eine knappe halbe Stunde benötigt. In Unterzahl musste Hertha hart daran arbeiten, die Führung zu verteidigen. Ein Trainer, der weniger nett ist als er, würde den Störfall sicherlich streng ahnden, sagte Dardai. Das Urteil über das törichte Verhalten fiel trotzdem deutlich genug aus: "Unnötig von Dodi, das akzeptiere ich nicht, das ist nicht schön."

Der 23 Jahre alte belgische Rechtsaußen Lukebakio war im Sommer 2019 vom FC Watford in die Hauptstadt gekommen, nachdem er zuvor ein Jahr als Leihspieler bei Fortuna Düsseldorf für Aufsehen gesorgt hatte. Friedhelm Funkel hatte ihn dort bestens erzogen, aus einem ungeschliffenen Talent wurde ein Stürmer für höhere Ansprüche. Hertha griff dank des neuen Reichtums durch den Einstieg des Investors Tennor zu, das letzte Wort über den Sinn und Zweck der Transaktion ist allerdings noch nicht gesprochen. Zwanzig Millionen Euro hat Lukebakio gekostet, fünf Tore und fünf Vorlagen hat er in dieser Saison beigetragen, aber auch manchen bescheidenen Auftritt wie am Mittwoch in Gelsenkirchen.

2006 kam Ngankam von den Reinickendorfer Füchsen

Der Mann, der Hertha BSC den dringend benötigten Siegtreffer beim Tabellenletzten bescherte, hat hingegen noch keinen Cent Ablöse in seiner Fußballer-Vita bewegt. Sein Wechsel von den Reinickendorfer Füchsen erfolgte gebührenfrei - Jessic Ngankam war damals, im Sommer während der WM 2006, keine sechs Jahre alt. Seitdem hat er den Klub nicht mehr verlassen, und natürlich ist das 2:1, das er auf Schalke erzielte, das wichtigste aller Tore, die er bisher für seinen Klub gemacht hat. Obwohl das auch schon einige sind. Im Winter schoss er das 3:3 beim FC Bayern (dem Robert Lewandowski noch das 3:4 folgen ließ), und in jenem Jahr, in dem Lukebakio in Düsseldorf den Lehrer Funkel kennenlernte, wurde Ngankam in der U-19-Bundesliga Nord/Nordost zum Torschützenkönig gekürt.

Wie er sich denn fühle nach diesem Abend, hat der Sky-Reporter Ngankam gefragt, die Antwort kam von Herzen: "Das ist ein sehr, sehr, sehr, sehr schönes Gefühl. Ich bin ein richtiger Herthaner. Umso stolzer bin ich, der Mannschaft ein bisschen geholfen zu haben." Seinen rührend bescheidenen Worten zufolge war das Tor nicht nur das Resultat einer guten Einzelleistung, sondern auch von Lern- und Trainingseifer. Den Schuss ins kurze Eck, den Ralf Fährmann nicht aufhalten konnte, hatte der Angreifer geübt. Schwolow habe ihm verraten, dass kaum ein Torwart diese Bälle abwehren könne, berichtete der 20-Jährige.

Dardai ist stolz auf den Spieler und auf seine Vorhersage

Das Dilemma, das mit dem richtigen Herthaner Ngankam verbunden ist, legte Cheftrainer Dardai offen. "Mir tut mein Herz weh", sagte der Coach. Dardai kennt Ngankam schon aus seiner Tätigkeit im Nachwuchs, doch bei den Profis hatte er ihn nun seit Wochen nicht mehr eingesetzt, und das lag nicht an untauglichem Auftreten. "Jessic ist immer gut im Training, er gibt Gas, macht alles", sagte Dardai, "aber auf seiner Position sind ein Cordoba, ein Piatek, das sind Millionenspieler".

Im Grunde trug er damit ein Politikum vor: Das Talent aus der eigenen Schule kommt nicht zum Einsatz, weil der Trainer den teuren Einkäufen des Investors verpflichtet ist. Dabei hatte sich durch Ngankams Tor eine Prophezeiung erfüllt. "Kann sein, dass Jessic das wichtigste Tor der Saison macht - das habe ich schon vor zwei Monaten in einem Interview gesagt", berichtete Dardai. Es blieb allerdings offen, worauf er gerade stolzer war: Auf seinen jungen Schüler - oder auf seine geniale Vorhersage.

Gegen Köln fehlen viele wichtige Spieler

Ngankam hat nun gute Aussichten, auch beim Punktspiel gegen Köln zum Einsatz zu kommen. Nicht nur deshalb, weil er es verdient hat, sondern weil all die Millionenspieler nicht zur Verfügung stehen. Jhon Cordoba und Matheus Cunha sind schon länger verletzt, Krzysztof Piatek nun offenbar auch ("Sprunggelenk ist am Arsch", so Dardai, Fraktur und Saisonaus lautete später die offizielle Diagnose), Lukebakio ist gesperrt, wie auch Vladimir Darida nach seiner fünften gelben Karte.

Torhüter Schwolow, der selbst erst durch die Erkrankung von Rune Jarstein auf seinen Posten zurückgekehrt ist, erzählte Ngankams Geschichte als Parabel des Profifußballs: "Für Jessic freut es mich ungemein", sagte er, "er arbeitet unheimlich viel im Training, doch zuletzt wurde er nicht mal mit einem Kaderplatz belohnt. Aber das zeigt wieder: Du musst immer lauern, irgendwann kommt dein Moment." So wird vielleicht auch Ngankam irgendwann ein Millionenspieler mit Vorzugsberechtigung.

© SZ/schm
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