Hertha BSC 20 000 Menschen mehr

Mit dem Willen, dominant zu spielen: Niklas Stark (Zweiter von rechts) trifft zum 2:1.

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Hertha BSC legt den besten Saisonstart der Geschichte hin - die Berliner gehen jetzt sogar bei Herbstwetter zu den Spielen.

Von JAVIER CÁCERES, Berlin

Den Sarkasmus wollte sich Jörg Schmadtke nicht verkneifen, als er die Katakomben des Berliner Olympiastadions erreicht hatte. Und es ging dem Manager des 1. FC Köln dabei nur bedingt um die letzte Szene der Partie, welche die Kölner in Rage gebracht hatte, weil einem möglichen Ausgleichstor die Anerkennung verweigert worden war. Es sei ein grundsätzliches Problem, befand also Schmadtke, wenn ein zweikampfgeprägtes Spiel von einem Schiedsrichter geleitet werde, der den Eindruck erwecke, nicht zu wissen, "was ein Foul ist und was nicht". Ein schlechter Verlierer? Nein, nein: Schmadtke hatte auch die Größe, zu sagen, dass der FC nicht wegen des Referees bei der Hertha mit 1:2 verloren und damit die erste Saisonniederlage hinzunehmen hatte. Sondern, weil man unter dem Niveau geblieben war, das aus dem FC eines der überraschenden Teams der Saison gemacht hatte.

"Die Stadt merkt, dass es sich lohnt, uns zu unterstützen", sagt Kapitän Vedad Ibisevic

Als Tabellenzweiter war Köln angereist, nun liegt der FC immer noch im vorderen Drittel der Tabelle, nur eben hinter der Hertha, die ebenfalls stärker in die Saison gestartet war als vermutet werden konnte. Auch gegen Köln war zu erkennen, wie sehr die Berliner ihr immer verführerischeres Projekt konsolidiert haben. Im Gegensatz zur vergangenen Saison steht die Defensive auch dann stabil, wenn tragende Mittelfeld-Säulen wie Vladimir Darida oder Fabian Lustenberger fehlen. 17 Punkte hat die Hertha gesammelt, nur drei Zähler weniger als Tabellenführer FC Bayern. Es ist der beste Saisonstart der Hertha-Geschichte. Und weil er genau weiß, was so eine Zwischenbilanz in der Hauptstadt bedeutet, geißelte Trainer Pal Dardai "bei allem Respekt" für den "Riesen-Sieg" ein 15-minütiges Schlussphasen-"Chaos" seiner Mannschaft, wie er es in seiner Amtszeit zuvor "nie gesehen" hatte - Dardai will die Euphorie bremsen.

"Pfosten, Latte. . . Ich glaube, da war der liebe Gott überm Olympiastadion", sagte Dardai in Anspielung auf die finale Phase, n der die Kölner zu einer spektakulären Doppelchance kamen: Erst traf Simon Zoller das Gestänge, danach lenkte Herthas Torwart Rune Jarstein eine Flanke ans Aluminium. Und ein wenig meinte der Hertha-Coach wohl auch jene Szene, die Schmadtke und die Kölner so verärgert hatte: Kurz vor Schluss hatte Kölns Einwechselspieler Artjoms Rudnevs den Ball im Tor versenkt, der Schiedsrichter aber gab den Treffer wegen eines Fouls von Rudnevs an Plattenhardt nicht. Es wäre das 2:2 gewesen. Zuvor hatten Vedad Ibisevic (13.) nach Vorarbeit von Mitchell Weiser und Niklas Stark (74.) für die Berliner sowie Anthony Modeste (64.) für Köln getroffen. Doch von wegen "lieber Gott": Dem Berliner Sieg wohnte eine Gerechtigkeit inne, die durchaus rationaler Natur war. Die Hertha hatte Verdienste genug erworben, um den Sieg als höchst verdient anzusehen.

Dass die Kölner insgesamt, vor allem aber beim zweiten Tor nicht so gut verteidigt hatten wie zuletzt (außer Stark standen nach einem von Julian Schieber verlängerten Freistoß zwei weitere Herthaner völlig frei), das war das eine. Das andere war, dass die Hertha auch nach dem Ausgleich den Willen zeigte, dominant zu spielen.

"Wie sie sich nach dem Tor geschüttelt haben, spricht für die Jungs", lobte Herthas Manager Michael Preetz. Mittlerweile füllt sich das Olympiastadion sogar im Herbst. Am Samstag waren 60 000 Zuschauer da, 20 000 mehr als bei der gleichen Begegnung der Vorsaison. "Die Stadt merkt, dass es sich lohnt, uns zu unterstützen", befand Ibisevic. Es ist auch Anerkennung für die aufrichtige Arbeit, die die Hertha in Demut verrichtet: "Wir haben nicht die Qualität, um jeden Gegner aus dem Stadion rauszuschießen", sagte Ibisevic.

Doch nicht nur der Kapitän mahnt zu Bescheidenheit, auch Dardai wehrt mögliche Fragen nach einem neuen Saisonziel ab ("45 Punkte plus X"), ehe sie überhaupt gestellt werden können: "Das will ich gar nicht hören." Träume werden bei der Hertha allenfalls in rhetorische Fragen gekleidet: "Wer weiß, wo unsere Reise noch hingeht", sagte Verteidiger Plattenhardt. Es wird in der Tat spannend in Berlin.