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Hertha BSC:Gefestigt raus aus der Quarantäne

Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz

Berliner Krisenmanager: Hertha-Sportchef Michael Preetz.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

Der Berliner Bundesligist gilt aufgrund der Windhorst-Millionen als weitgehend krisenresistent.

Der Dienstag war für die Profis von Hertha BSC gleichbedeutend mit dem Ende der Quarantäne, und wenn einer in außerordentlicher Weise froh darüber war, dann Mateus Cunha. Mitte März war ein Mitspieler, dessen Identität von Hertha nicht bestätigt wurde, positiv getestet worden, und es griff das Protokoll, das für solche Fälle vorgesehen ist: Alle ab nach Hause! Im Falle Cunhas (und seiner Lebensgefährtin) bedeutete das ein immerhin geräumiges Zimmer in einem Berliner Hotel. Der Brasilianer hatte es nicht mehr geschafft, eine Wohnung anzumieten.

Cunha, 20, ist einer dieser Namen, die für die wirren Zeiten standen, die Hertha in diesem Winter erlebte. Und die, gemessen an den vor gar nicht langer Zeit geltenden Maßstäben, als verrückt katalogisiert werden mussten. Zur Erinnerung: Im Sommer kaufte der Finanzunternehmer Lars Windhorst über seine Investment-Gesellschaft Tennor für schließlich 224 Millionen Euro die Hälfte der Profiabteilung und installierte den früheren Bundestrainer Jürgen Klinsmann, erst als Aufsichtsrat, dann als Trainer. Klinsmann holte Punkte und zusammen mit Manager Michael Preetz neue Profis wie Cunha (von RB Leipzig), Santiago Ascacíbar (VfB Stuttgart) und Krysztof Piatek (AC Mailand) - und warf plötzlich hin. Hernach kam das öffentlichkeitswirksam bei Sport-Bild platzierte, ursprünglich an Tennor gerichtete und in seiner Schonungslosigkeit faszinierende Protokoll seiner Zeit bei der Hertha. Der Klub war in den Grundfesten erschüttert, weil im Klinsmann-Protokoll Führungsfiguren wie Preetz attackiert wurden.

"Nach jetzigem Stand" wird nicht betriebsbedingt gekündigt

Doch siehe, in der Corona-Krise wirkt Hertha plötzlich relativ gut abgesichert. Die Situation sei durch den Einstieg Tennors "hinsichtlich der Liquidität deutlich besser als bei vielen anderen Vereinen", betont Geschäftsführer Ingo Schiller in einem vom Klub vertriebenen Interview.

Hertha steht durch die Windhorst-Millionen im Grunde schuldenfrei da. Das ist vor allem für die Mitarbeiter beruhigend, "nach jetzigem Stand" müssten keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden. Gespart wird dennoch: Preetz sagte am Dienstag, dass Mannschaft, Trainer, Funktionsteam sowie leitende Mitarbeiter "in den nächsten drei Monaten auf Teile ihres Gehalts verzichten werden, damit der Betrieb hier weitergeht (...) und keine Arbeitsplätze verloren gehen." Eingespart werden soll so ein hoher siebenstelliger Euro-Betrag.

Dass das Geld des Investors in weiten Teilen aufgebraucht ist, gilt insofern als verschmerzbar, als Hertha einen wettbewerbsfähigen Perspektivkader hat. Zudem steht weiterhin im Raum, was vor der Krise Thema war: dass Windhorst nachschießt, die Rede ist von 150 Millionen Euro. Mit Windhorst sei man in Kontakt, heißt es bei Hertha, die Frage eine neuerliche Finanzspritze finde sich aber angesichts der Gesamtlage "nicht auf der To-do-Liste". Windhorst wiederum hat ein internationales Portfolio und derzeit andere Prioritäten. Nach SZ-Infomationen ist die Option der Aufstockung des Hertha-Investments aber weiterhin aktuell. Vorausgesetzt, dass Herthas Geschäftsführung ein detailliertes Zukunftskonzept vorlegt - wie es der Aufsichtsrat schon erbeten haben soll.

Niko Kovac ist Trainerkandidat, Pal Dardai übernimmt die Jugend

Dieses Konzept muss zerstreuen, was Klinsmann nach dreimonatiger Innenansicht an vernichtenden Schlussfolgerungen zog. Unter anderem zieh er die Geschäftsleitung als "inkompetent" und warf ihr "jahrelange Versäumnisse" vor. Als "absurd", wie Hertha-Präsident Werner Gegenbauer die Ergüsse Klinsmann bezeichnete, tat man das Protokoll in der Tennor-Zentrale seinerzeit jedenfalls nicht ab. Zudem müsse das Zukunftskonzept Auskunft über eine Schlüsselpersonalie beinhalten: die Trainerfrage.

Zurzeit ist der Klinsmann-Adlatus Alexander Nouri, 40, der Chefcoach, aber dass es mit ihm nicht übers Saisonende hinaus weitergeht, ist bereits kommuniziert. Womit man wieder bei Klinsmann wäre. Denn er nannte in seinem Rapport einen Namen, der bei Windhorst gut ankam: Ralf Rangnick. Leipzigs Ex-Trainer ist weiterhin als Head of Sport und Development Soccer im Fußball-Netzwerk des Salzburger Red-Bull-Konzerns tätig. Er hat aber wohl Lust, ab Sommer wieder als Trainer zu arbeiten. Ein mögliches Engagement beim AC Mailand hat sich zerschlagen, obwohl in der Branche zu hören ist, dass die Verhandlungen weit gediehen waren. Klinsmann wiederum hatte in seinem Protokoll offenbart, dass er Rangnick den Trainerjob bei Hertha angedient hatte. Der Darstellung Klinsmanns, dass er grundsätzliches Interesse hatte, aber abgelehnt habe, "unter Preetz" zu arbeiten, ließ Rangnick dementieren.

Als Favorit bei Hertha und den Fans gilt ohnehin Niko Kovac. Er ist in Berlin geboren und bei Hertha als Spieler groß geworden. Doch er ist eben auch in der Nomenklatura des Trainermarktes nach oben geklettert - er war bis zum Herbst Bayern-Trainer. Instinktiv, so ist zu hören, kam ihm die Hertha anfangs ein bisschen klein vor. Allerdings hat Kovac ihr auch nie die Tür gewiesen. Man spielt jetzt wohl auf Zeit.

Hertha hat in jedem Fall schon mal auf Jahre hinaus einen Backup: Am Mittwoch machte Bild publik, dass der Vorvorgänger des aktuellen Trainers Nouri, Pal Dardai, bei Hertha wieder einsteigt. Als Jugendtrainer. Und damit vielleicht auch als bundesligaerfahrene Standby-Option, falls es in der Hauptstadt mal wieder sportliche Turbulenzen geben sollte.

© SZ vom 01.04.2020

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