Julian Schuster war ein solider Fußball-Profi, der zuletzt häufiger gegoogelt und erwähnt wurde als in seiner aktiven Zeit vor ein paar Jahren. Schließlich war es der Freiburger, der Felix Magath aus der Bundesliga schoss - scheinbar für immer. Nach dem 0:2 gegen die Breisgauer musste Magath im Oktober 2012 die Trainerbank des VfL Wolfsburg räumen. Am Samstag wurde das Profil des ehemaligen Meistertrainers erneuert, und Schuster bekam einen Nachfolger: Lucas Alario versetzte Magath und dessen neuem Klub Hertha BSC einen Stich, indem er das nächste Gegentor gegen den inzwischen 68-jährigen Coach erzielte, 3451 Tage nach Magaths bis dahin letztem Einsatz an einer deutschen Seitenlinie.
Am Ende hieß es aus Berliner Sicht in Leverkusen 1:2 (1:2), aber der Trainer wirkte mild, die Niederlage beim Werksklub fand er weder überraschend noch schlimm: "Wir haben gegen den Tabellendritten gespielt - und dass Leverkusen die bessere Mannschaft ist", stünde außer Frage. "Ich bleibe dennoch zuversichtlich", sagte Magath, auch wenn sein Team wieder auf Platz 17 abgerutscht ist.
Das heißt nicht, dass Magath nichts zu beanstanden hatte. "In der ersten Halbzeit haben wir zu wenig Kampf angeboten, das darf in unserer Situation nicht sein", monierte der Trainer. Nach dem 3:0 gegen Hoffenheim vor zwei Wochen, das Magath wegen einer Corona-Infektion nur von daheim erleben konnte, "hatte ich geglaubt, dass allen klar ist, dass wir über den Kampf und Einsatz kommen müssen". Aber Pustekuchen. Immerhin: "Die zweite Hälfte war besser, da haben wir besser ausgesehen und Leverkusen auch in Verlegenheit gebracht."
Von den Lehren des Trainingslagers von Harsewinkel ist nur wenig hängen geblieben
Das war einerseits eine eigenwillige Ansicht - aber weil Leverkusen es andererseits versäumte, das dritte Tor zu schießen, war der Ausgleich bis in die Nachspielzeit möglich. Das bestätigte Bayer-Trainer Gerardo Seoane, der sagte: "Ab der 75. Minute bin ich etwas unruhig geworden, weil die vier vorderen Spieler ihre Chancen nicht nutzten - und einige zu müde wurden, um nach hinten zu arbeiten." Die Sorgen des Schweizers waren allerdings unbegründet, Hertha wurde nicht ein einziges Mal richtig gefährlich.
Die Partie hatte wohlgemerkt anders angefangen: Hertha machte sich vom Anpfiff weg am gegnerischen Strafraum breit und hatte im Bayer-Chaos die erste Chance durch Maximilian Mittelstädt. Das Problem war nur: Nach zwei Minuten war die Phase auch schon wieder vorbei. Berlins immens populärer neuer Co-Trainer Mark Fotheringham versuchte, das Team zu leiten, aber ohne Erfolg. Und dann wurde das gefordert, was die Hertha in dieser Saison noch weniger kann als angreifen - nämlich verteidigen.

Magath hatte noch am Freitag über die Teamarbeit im Trainingslager von Harsewinkel geschwärmt, aber von den Lehren war nur wenig hängen geblieben. Und der neue Trainerstab kann ja schlecht selbst die Räume verengen, wenn es einem Team wie Bayer gelingt, die Bälle mit etwas größerer Präzision und höherem Tempo zirkulieren zu lassen.
Sofort wurden Löcher erkennbar, in die vor allem Moussa Diaby elegant schlüpfte. Nach 33 Minuten mit zählbarem Erfolg: Ein Wackler auf dem Weg zum Flügel genügte, um sich jenen Platz zu verschaffen, eine feine flache Flanke in den Rücken der Berliner Abwehr zu servieren, die Lucas Alario die Möglichkeit bot, seine mitunter infrage gestellten technischen Fähigkeiten zu demonstrieren: Mit dem Rücken zum Tor stehend, tippte der Argentinier die Kugel ein wenig nach außen und schloss nach einer gekonnten Körperdrehung mit dem rechten Fuß ins entfernte Toreck.
Moussa Diaby bereitet auch das zweite Tor des Werksklubs vor
Diaby war auf den Geschmack gekommen. Sechs Minuten später kurvte der Franzose wieder durch die Berliner Reihen, bediente Karim Bellarabi, der auf kunstvolle Schnörkel verzichtete und den Ball zum 2:0 ins Eck schob. Die Gäste zeigten außerhalb des Platzes mehr Einsatz als darauf - Edelreservist Kevin-Prince Boateng wurde verwarnt, weil er in der Entstehung des zweiten Tors ein Foul gesehen haben wollte.
War das 2:0 der Knockout gegen eine Berliner Elf, die seit der zweiten Minute keine Gefahr mehr verströmt hatte? Keineswegs, und es bedurfte nicht einmal irgendwelcher Drohgebärden von der Seitenlinie. Als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, schloss die Hertha noch vor der Pause auf - mit freundlicher Unterstützung der Leverkusener, die in dieser Spielzeit ja bekannt dafür sind, mit 2:0-Führungen ziemlich nachlässig umzugehen. Prompt nutzte Vladimir Darida die Unordnung in der Abwehr zu einem Aufsetzer, der knapp unter der Latte zum 2:1 einschlug (42.).
Hatte die Hertha begriffen, dass man Leverkusen am besten in der Defensive knacken kann? Würde das Team mit Nachdruck auf den Ausgleich drängen? Die Antworten lauteten: Nein; und: Nein. Die Gäste standen nun wieder arg tief, so als hätte jemand den Spielern einen falschen Zwischenstand übermittelt. Die Berliner liefen viel (124,6 Kilometer), viel mehr als die Leverkusener (113,6) - aber sie liefen eben in erster Hinsicht hinterher.
So sehr die Hertha anschließend versuchte, die Ereignisse des Tages kleinzureden - die Fakten erzählten eine andere, niederschmetternde Geschichte: Torwart Schwolow verletzt ausgewechselt, Defensiv-Rackerer Niklas Stark verletzt ausgewechselt, das ganze Team zu brav in den Zweikämpfen, 1:2 verloren, nur eine echte Großchance herausgespielt, zurück auf Platz 17 - und jetzt kommt das Derby gegen Union Berlin. "Da müssen wir zulegen", sagte Felix Magath. Und hatte vollkommen recht.


