Süddeutsche Zeitung

Hertha BSC entlässt Trainer Babbel:Bis die Schmierenkomödie uns scheidet

Am Ende eines aberwitzigen Theaters um Lügenbarone, vermeintliche Absprachen und schlechte Ohren schmeißt Hertha BSC seinen Trainer Markus Babbel raus. Es bleibt der Eindruck eines Klubs, der nach der Aufstiegseuphorie im Frühjahr ins völlige Chaos gestürzt ist - und sich diese Geschichte selbst eingebrockt hat.

Holger Stanislawski ist wahrlich ein mutiger Geselle. Obwohl es seit dem vergangenen Donnerstag streng verboten ist, einen der Verantwortlichen von Hertha BSC mit der sogenannten T-Frage zu belasten, witzelte der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim nach dem aus seiner Sicht eher witzlosen 1:1 gegen Berlin doch tatsächlich in sein Mikrofon hinein: "Herr Babbel, sind Sie bei der Weihnachtsfeier am Montag noch Trainer der Hertha?"

Babbel antwortete mit einem herzlichen: "Du Arschloch". Es war, so komisch das klingen mag, einer der nettesten Momente bei dieser Veranstaltung. Die beiden Trainer fielen sich danach kichernd um den Hals.

Aus journalistischer Sicht ist anzumerken, dass Stanislawskis Fragestellung höchsten Ansprüchen genügte. Nach den Ereignissen des Nachmittags hatte sich die ursprüngliche T-Frage ("Macht Babbel weiter?") endgültig erübrigt. Jetzt ging es nur noch darum, wie viele Tage oder Stunden noch bis zu seiner Entlassung vergehen würden.

Am Sonntag tagte der Krisenrat um Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer, mutmaßlich um zu erörtern, ob Babbel noch vor oder erst nach dem überaus wichtigen Pokalspiel am Mittwoch gegen Kaiserslautern gehen müsse. Am Nachmittag teilte der Verein dann mit, Babbel sei "mit sofortiger Wirkung von seinen arbeitsvertraglichen Verpflichtungen freigestellt".

Die Schmonzette um Babbels Zukunft hielt Berlin schon seit geraumer Zeit auf Trab. Am Samstag in Sinsheim aber radikalisierte sie sich auf dramatischste Weise. Babbel und Preetz beharrten dabei auf zwei Versionen einer einzigen Geschichte und stellten sich gegenseitig mehr oder weniger direkt als Lügner dar. Babbel erklärte, er habe Preetz bereits Anfang November mitgeteilt, seinen Ende Juni nächsten Jahres auslaufenden Vertrag erfüllen, aber nicht verlängern zu wollen: "Wer das nicht verstanden hat, der hat was an den Ohren", fügte er an.

Preetz parierte, er sei von Babbel erst am vergangenen Dienstag über dessen Abschieds-Absichten informiert worden. Im Übrigen habe er nichts überhört und auch keine Probleme mit den Ohren.

Allein diese Dienstagsversion war schon eine bemerkenswerte Volte, denn vor dem Anpfiff hatte Preetz noch eisern auf der bisherigen Sprachregelung beharrt, wonach er noch überhaupt nicht informiert worden sei und man in der Winterpause alles in Ruhe besprechen werde. Die kleineren und größeren Unwahrheiten stahlen sich an diesem Tag allerdings gegenseitig die Show, und so war die sagenhafte Preetz-Wende schon fast wieder vergessen, als plötzlich auch Präsident Werner Gegenbauer in den Ring stieg.

"Die Geschichte, die Markus Babbel heute erzählt hat, entspricht nicht dem, was Michael Preetz Stein und Bein schwört. Wir sollten nach eineinhalb erfolgreichen Jahren nicht mit Baron-Münchhausen-Geschichten den Rest aufbrauchen, der uns noch verbindet." Je häufiger man Gegenbauers Sätze liest, umso mehr erzählen sie über den Zustand dieses Vereins. Die Hertha, die im Spätsommer wie ein euphorisierter Aufstiegsklub wirkte, liegt im Frühwinter moralisch und emotional in Trümmern.

Zumal die öffentliche Schlammschlacht am Sonntagmorgen dann auch auf dem Vereinsgelände in Charlottenburg weiterging. Das Leitmotiv dabei blieb: Wer lügt? Oder präziser: Wer hat wen zum Lügen angestiftet?

Babbel schwindelte im Sinne des Vereins

Babbel nahm für sich in Anspruch, nie vorsätzlich die Unwahrheit gesagt zu haben. Er habe vielmehr auf Wunsch seines Vorgesetzten sechs Wochen lang geschwindelt. "Ich habe mich daran gehalten, was mir vorgegeben worden ist: dass wir Ruhe bewahren und still halten", sagte er.

Nach seiner Darstellung hat er aus Loyalität zum Verein also ein Spiel mitgespielt, in dem er als dickköpfiger Zauderer dastand, Preetz aber den wartenden Geschäftsfreund geben konnte. Die Idee hinter diesem Vorgehen muss wohl gewesen sein, dass der Manager Zeit gewinnen wollte, um in Ruhe einen Nachfolger für Babbel zu suchen. Diese Idee hat sich als mittelprächtig erwiesen.

Als der Schwindel aber einmal in der Welt war, konnte auch Babbel nur noch untätig zuschauen, wie er sich verselbstständigte. Mal wurde er nahezu zeitgleich als neuer Trainer des FC Bayern und des FC Basel ins Spiel gebracht, dann als Hochverräter bezichtigt, weil er auf der Geburtstagsfeier seines Freundes und Schalke-Managers Horst Heldt gesehen wurde. Dazu kamen nahezu täglich neue Spekulationen über Babbels angeblichen Nachfolger.

Gewiss haben auch Teile der überdrehten Berliner Medienlandschaft ihren Anteil an dieser Schmierenkomödie. Andererseits darf man von den handelnden Personen des größten Hauptstadtklubs schon erwarten, dass sie zumindest den Versuch erkennen lassen, damit umzugehen. Es wäre gewiss nicht halb so schlimm gekommen, wenn Babbel hätte sagen dürfen, was er sagen wollte.

Er brach sein Schweigen am Samstag, nachdem sich unter der Woche die Berichte über seinen potentiellen Nachfolger Michael Skibbe konkretisiert hatten, der derzeit den türkischen Erstligisten Eskişehirspor betreut. Preetz soll sich bereits vergangenen Montag mit Skibbe zu Verhandlungen in Düsseldorf getroffen haben - also noch vor jenem Dienstag, an dem er angeblich erst über die Wechselabsichten Babbels informiert worden war.

Preetz ließ im Fall Skibbe vielsagend-nichtssagend wissen: "Wir mussten ja nur auf einen Fall vorbereitet sein, das sind wir auch." Skibbe wird die Hertha wohl zum 1. Januar übernehmen. Und der zum Sparen gezwungene Klub wird neben einer Abfindung für den alten Coach auch eine Ablösesumme für den Neuen zahlen müssen. Skibbe hatte in der Türkei gerade einen Dreijahresvertrag unterschrieben.

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Quelle:
SZ vom 19.12.2011/jbe
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