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Hertha BSC:Die Mauer soll stehen

Jürgen Klinsmann.

Fünf Spiele, vier ohne Niederlage: Nach seinem stabilen Start will Trainer Jürgen Klinsmann die Berliner Hertha weiter primär über die geordnete Defensive aufrichten.

Wer sich jemals mit Jürgen Klinsmann, 55, messen wollen sollte, muss sich wohl andere Felder suchen als Tiefenentspanntheit, Positivität oder Zuversicht. Seit Tagen wird ermittelt, ob die Trainerlizenz, die Klinsmann im Jahr 2000 erworben hatte, als gültig angesehen werden kann, daran knüpft sich unter anderem die Frage, ob sich der ehemalige Bundestrainer am Sonntag gegen den FC Bayern als Chefcoach von Hertha BSC auf die Bank setzen darf oder nicht. Als sich Klinsmann am Freitag mit Blick auf ebendiese Partie der Presse stellte, hatte sich freilich noch nichts getan, der Austausch von Unterlagen lief da offenbar noch.

Er habe dem DFB einige Dokumente geschickt, die er auf seinem Computer gefunden habe, berichtete Klinsmann, und erklärte, diese sollten für den Nachweis ausreichen, dass er sich periodisch und fristgerecht fortgebildet habe. Andernfalls kann die Lizenz nicht für gültig erklärt werden. "Ich denke, es wird in den nächsten paar Tagen erledigt sein. Wenn es bis übermorgen erledigt ist, schön. Wenn nicht, dann wird's halt nächste Woche erledigt.

Gar kein Problem", sagte Klinsmann. Einen wahren Kern trifft das schon deshalb, weil Klinsmann unabhängig von der Lizenzdebatte ("gestört hat mich das nicht") die Vorgaben macht. Seit Ende November regiert er in Berlin, und er hat der taumelnden Hertha einen defensiv geprägten Mauer-Stil verordnet, der immerhin acht Punkte aus fünf Spielen und vier Spiele in Serie ohne Niederlage brachte. An der Grundausrichtung wird sich vorerst nichts ändern, schon gar nicht gegen den FC Bayern. "Der Prozess, den wir gestartet haben, wird weitergehen, solange wir in dieser prekären Situation sind", sagte Klinsmann und führte dann eher nebulös klingende Termini ins Feld: Sein Team sollte "gut organisiert" und "kompakt" spielen, "taktisch sehr geschickt verschieben, Räume zumachen, den Bayern keinen Platz zur Entfaltung geben... Wir reden da von Weltklassespielern. Im Bruchteil einer Sekunde können die dich killen".

In jedem Fall wird er eine weitgehend eingespielte Elf aufs Feld schicken. Im Vergleich zum letzten Spiel vor der Winterpause (0:0 gegen Mönchengladbach) dürfte es nur zwei Veränderungen geben. Der seinerzeit gelbgesperrte Mittelfeldspieler Marko Grujic rückt für den zum FC Augsburg abgewanderten Eduard Löwen wieder ins Team; und anstelle von Per Skjelbred soll der argentinische Zugang Santiago Ascacibar vor der Abwehr aufräumen.

Den früheren Stuttgarter rühmte Klinsmann fast noch mehr als den Belgier Dedryck Boyata, den er mal eben zu "einem der besten Innenverteidiger Europas" hochjazzte (und damit indirekt auch erklärte, warum der deutsche Jung-Nationalspieler Niklas Stark wohl wieder nur auf der Ersatzbank sitzen wird). Ascacibar, 22, mache "in jeder Trainingseinheit den Unterschied", da er als klassischer Sechser, also als defensiver Mittelfeldspieler vor der Abwehr, das Spiel gut lese und "weiß, wo er dazwischen gehen muss". An Motivation wird es dem klein gewachsenen Argentinier nicht mangeln. Die Partie gegen den FC Bayern, die Klinsmann selbstredend zum "Mega-Spiel" erklärte, wird anders als die Partien seines bisherigen Klubs VfB Stuttgart auch in Argentinien übertragen. Und Ascacibar träumt von einer Teilnahme mit Argentiniens Nationalmannschaft an der diesjährigen Copa América, sie wird im Sommer in seiner Heimat und in Kolumbien ausgetragen. Am Sonntag soll Ascacibar vor allem exemplarisch für das einzige Versprechen stehen, das Klinsmann am Freitag gab: "Da wird 'ne Mannschaft auf dem Platz stehen, die wird richtig Feuer geben."

© SZ vom 19.01.2020
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