Süddeutsche Zeitung

Hertha BSC:Der nächste Traum einer großen Lösung

Im Spiel eins nach Klinsmann gewinnt Berlin bei Paderborn. Nouri bekommt das Vertrauen bis zum Saisonende.

Einen Trainer wie Florian Kohfeldt, der zwar Pokalspiele, aber keine Bundesligaspiele gewinnt, hatte Werder Bremen schon vor zweieinhalb Jahren. Alexander Nouri führte den Klub im Herbst 2017 zwar ins Achtelfinale des DFB-Pokals, blieb in der Bundesliga in seinen 13 letzten Spielen als Werder-Coach aber sieglos. Diese Misserfolgsserie ging für Nouri im Herbst 2018 beim Zweitligisten FC Ingolstadt weiter, da gelang ihm in seinen acht Spielen als Chefcoach kein einziger Sieg, bevor er wieder suspendiert wurde. Als Nouri in der vergangenen Woche vom Assistenten zum Chef bei Hertha BSC befördert wurde, weil Jürgen Klinsmann aus heiterem Himmel zurückgetreten war, da hatte er als Chefcoach seit April 2017 in 21 Liga-Spielen keinen Sieg mehr erlangt.

Unter diesem Aspekt war das mühevolle 2:1 am Samstag beim wehrhaften Tabellenletzten SC Paderborn für die Hertha ebenso erlösend wie für den Trainer Nouri. "Er freut sich, dass ihm jetzt nicht mehr diese unsägliche Serie vorgerechnet wird", sagte Herthas Sportchef Michael Preetz und berichtete von der turbulenten Vorwoche, in der Nouri regelrecht "enthusiastisch" gewirkt habe, weil er sich "gefreut hat über diese Möglichkeit, die sich ihm da bot". Nouri und sein Assistent Markus Feldhoff sollen bis zum Saisonende verantwortlich bleiben. Preetz sagt: "Wir haben eine Vereinbarung bis zum Saisonende - und genauso gehen wir die Sache auch an." Der Zusatz bedeutet: Über diese Saison hinaus hat Nouri bei der Hertha keine Zukunft.

Schon seine kurzfristige Beförderung zum Cheftrainer wirkt erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es in Herthas Führungsspitze bereits vor Klinsmanns Rücktritt offenbar Bedenken gab, ob Nouri und Feldhoff geeignet sind, um unter dem vor allem visionären Klinsmann den fußballerischen Fortschritt der Mannschaft zu gewährleisten. Nach Informationen der Sportbild stand eine Weiterbeschäftigung von Nouri und Feldhoff selbst als Assistenten über die Saison hinaus infrage. Als Klinsmann am vorigen Dienstag Knall auf Fall zurückgetreten war, hatte Preetz offenbar keine Alternative. "An jenem Dienstag hatten wir 'eine Lage', die zu bewältigen war", sagte er in Paderborn.

Hätte Berlin in Ostwestfalen verloren, wäre es bei der Hertha erst richtig spannend geworden. Dann wäre allen die akute Abstiegsangst in die Glieder gefahren, dann hätte sich zeigen müssen, ob Nouri wirklich bis zum Saisonende hätte bleiben dürfen. So aber hat die Mannschaft jetzt 26 Punkte auf dem Konto und benötigt vielleicht bloß noch drei Siege aus zwölf Spielen, um den Klassenverbleib zu schaffen. Die nächsten drei Gegner heißen Köln, Düsseldorf und Bremen. "Je eher der Klassenerhalt feststeht", sagt Preetz, "desto eher können wir die Zukunft planen." Soll heißen: desto eher kann die Hertha Verhandlungen mit einem namhaften Trainer eröffnen. Man träumt von einer großen Lösung.

Auf dem Weg dorthin war es ein Riesenglück für Preetz, dass ausgerechnet Klinsmanns letzte Verpflichtung Matheus Cunha am Samstag in Paderborn in der 67. Minute den 2:1-Siegtreffer erzwang. Cunhas Hackentrick hätte Paderborns Jamilu Collins auf der Torlinie wegschlagen müssen, stattdessen beförderte er den Ball aber ins eigene Netz. "Es war keine einfache Situation für uns, umso wichtiger war dieser Sieg", sagte der Brasilianer in gebrochenem Englisch, "wir haben ein gutes Team mit guten Jungs." Der Mittelstürmer war zuvor bei RB Leipzig über die Rolle eines Ersatzspielers nicht hinausgekommen.

Für den 20-Jährigen war die Situation in der vergangenen Woche besonders skurril: Verpflichtet von Klinsmann, während er mit Brasiliens U23-Auswahl in Kolumbien die Olympia-Qualifikation errang, traf er erst am Mittwoch in Berlin ein, als Klinsmann nicht mehr da war. Wie das für ihn gewesen sei, ist er in Paderborn gefragt worden - er antwortete fast belustigt: "So ist das Leben, so ist der Fußball; viel wichtiger ist die Mannschaft, dass sie positiv geblieben ist und weitergearbeitet hat."

Nouri hatte vor dem Spiel noch kurz mit Klinsmann telefoniert, jedoch nicht aus fachlichen Erwägungen, weil Nouri ohnehin den bisherigen Hertha-Fußball weiterspielt. "Es war Jürgen ein Anliegen, uns viel Glück zu wünschen", berichtete Nouri. Über die Leistung in Paderborn hatte der neue Trainer dann aber nicht viel mehr als die Einstellung zu belobigen, die Spieler hätten "den Fight angenommen". In Paderborn siegreich aus einer Abwehrpartie hervorzugehen, ist keine Euphorie wert. Berlin hat gewonnen, weil die individuelle Qualität größer war. Ob das nächsten Samstag gegen Köln noch so ist, muss sich zeigen - auch, ob Nouri im Misserfolgsfall wirklich bis zum Saisonende weitermachen darf.

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SZ vom 17.02.2020
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