Zu Beginn der Woche – ausgangs des zweiten Spieltags – wurden ein paar Transfers aus der zweiten Fußball-Bundesliga bekannt, die eine Menge über die dortigen Verhältnisse erzählten. Hertha BSC verkündete den Abschied des Eigengewächses Marten Winkler, er schloss sich für eine Ablöse von etwa vier Millionen Euro dem belgischen Erstligisten RSC Anderlecht an. Zudem verkündete die Volkswagen-Tochter VfL Wolfsburg am Dienstagabend, dass sie sich die Dienste des Angreifers Alexander Bernhardsson von Klassenkamerad Holstein Kiel gesichert hat. Die Ablöse soll laut Medienberichten fünf Millionen Euro betragen.
Mag er auch nicht jedem Beobachter geläufig sein: Der schwedische Nationalspieler hatte es immerhin ins Blickfeld des spanischen Erstligisten FC Valencia gebracht. Wolfsburg schraubt nach Berechnungen des Branchendienstes transfermarkt.de damit seine geschätzten Ablöse-Aufwendungen seit dem Abstieg auf insgesamt rund 27 Millionen Euro.
Das ist nicht nur für sich genommen eine Menge Geld, sondern auch im Vergleich zu nationalen und internationalen Mitbewerbern um die Gunst von Fußballfans. Den Sonderfall England ausgenommen, wäre Wolfsburg am Dienstag in der Sparte Transferausgaben in fast allen großen ersten Ligen Europas unter den „Top 10“ gestanden. In Spanien läge Wolfsburg sogar unter den „Top 4“, in Italien wiederum auf Rang elf. Dass Wolfsburg durch Verkäufe in diesem Sommer einen Transferüberschuss erwirtschaftet hat? Wäre ja noch schöner, wenn’s anders wäre: In den vergangenen Jahren war Wolfsburg schließlich im Hinblick auf Personalbudget beharrlich unter den Top-Teams der ersten deutschen Liga. Gemessen daran ist es fast schon amüsant, wie der Klub gerade um Geduld bittet. „Wir hatten einen großen Umbruch und brauchen Zeit“, seufzte der vormalige Abstiegstrainer und heutige Sport-Geschäftsführer Dieter Hecking soeben im Kicker.
Fredi Bobic, dem früheren Hertha-Manager, steht eine Abfindung von mehreren Millionen Euro zu
Einen Umbruch legt auch der in den vergangenen Jahren erstaunlich beharrlich heruntergewirtschaftete Hauptstadtklub Hertha BSC hin. Eine der vielen Personal- und Arbeitsgerichtspossen, die Hertha enorm viel Geld und Ansehen gekostet haben, findet nun ihr Ende: Der 2023 außerordentlich gekündigte Ex-Manager Fredi Bobic und Hertha BSC haben sich nach einem jahrelangen Rechtsstreit auf einen Vergleich geeinigt, wie das Landgericht der Agentur dpa am Dienstag bestätigte. Bobic steht damit eine Abfindung von mehreren Millionen Euro zu. Wenn man so will, ist das Geld, das Marten Winklers Transfer einbringt, damit gleich wieder weg.
Davon abgesehen ist Winkler, 23, schon der vierzehnte Hertha-Weggang dieses Sommers, auf der Zugangsseite steht immer noch lediglich ein einziger Name: ein österreichischer U21-Stürmer namens Oluwaseun Adewumi. Aus Mangel an Geld suchten die Berliner fast ausschließlich in der eigenen zweiten Mannschaft und im eigenen Nachwuchs nach Verstärkung. Mit relativem Erfolg: Erstmals seit der Saison 2018/19 startete eine Hertha-Mannschaft mit zwei Pflichtspielsiegen in eine neue Spielzeit. Und damals war Hertha noch nicht einmal ansatzweise darauf vorbereitet, die ganzen Millionen verbrennen zu dürfen, die der Investor Lars Windhorst wenig später zur Verfügung stellen sollte.
Zwei Spieltage lassen sich nicht seriös hochrechnen. Aber wer am vergangenen Samstag zusah, wie Hertha den Bundesliga-Absteiger 1. FC Heidenheim in der ersten Halbzeit an die Wand spielte, und dies dann am Folgetag mit dem Wolfsburger Vortrag in Hannover verglich, der konnte nur staunen. Weil bei Hertha mehr als nur ein Bodensatz an Qualität zu finden war, und weil der Unterschied zur Performance der Wolfsburger atemraubend war. Und das, obwohl die Niedersachsen ihre potenziellen Aufstiegsrivalen auf dem Transfermarkt gezielt schwächten und sich selbst im FC-Bayern-Stil verstärkten. Am Ende des zweiten Spieltags siegte die Hertha mit 4:1, Wolfsburg durch einen spät verhängten Elfmeter mit 1:0. Vom Punkt verwandelte für den VfL Fabian Reese, der Hertha neulich noch ewige Herzenstreue gelobt hatte und jetzt die Wolfsburg-Zinnen auf seinem Stirnband trägt.
Ob Winklers Weggang eine Umdrehung zu viel war und nun trotz des guten Starts ein Berliner Sinkflug beginnt? Wer weiß. Gegen Heidenheim glänzte Winkler jedenfalls, wegen seiner Ähnlichkeit zum Hollywoodschauspieler als Westend-Di-Caprio bekannt, mit einem Tor und zwei Assists. „Gerade nach seinem starken Saisonstart lassen wir ihn aus sportlicher Sicht nur sehr schweren Herzens ziehen, aber ‚Matte‘ wollte die Chance und Herausforderung in Belgien ergreifen“, sagte Hertha-Sportdirektor Benjamin Weber: „Mit Blick auf den wirtschaftlichen Rahmen des Transfers und seine restliche Vertragslaufzeit haben wir seinem Wunsch entsprochen.“
Weber wird nun in der zweiten Hertha-Mannschaft nach Ersatz schauen müssen. Er ist damit im Vergleich zu seinen Wolfsburger Kollegen im Vorteil. Da sie sich beim VfL immer auf die Millionen aus dem VW-Konzern verlassen konnten, mussten sie gar keine zweite Mannschaft unterhalten, um Spieler zu entwickeln. Sondern konnten sich stets hochpreisig neue Profis beschaffen.


