Hertha BSC Das Ende des Berliner Entwicklers

Hertha-Coach Pal Dardai muss gehen.

(Foto: AFP)
  • Pal Dardai wird nach dem Ende der laufenden Saison nicht länger Cheftrainer bei der Hertha sein.
  • Er bleibt dem Hauptstadtklub allerdings erhalten und geht zurück in die Nachwuchsförderung, aus der er 2015 ins Bundesligaamt berufen worden war.
  • Angeblich fühlte sich die Mannschaft zuletzt unter Dardai unterfordert.
Von Sebastian Fischer

Noch am Montag hatte sich Pal Dardai, der Trainer des Bundesligisten Hertha BSC, eine Lösung für die Probleme seiner Mannschaft einfallen lassen, sie war pragmatisch, von eigener Komik und damit durchaus typisch für ihn. Berlin hatte am Vortag 0:2 in Hoffenheim verloren, es war die fünfte Niederlage in Serie. Das ursprüngliche Saisonziel, Platz neun, ist damit fünf Spiele vor Saisonende zehn Punkte weit entfernt. Er habe sich mit der Mannschaft verständigt, sagte Dardai also, das Ziel heiße nun Top Ten. Denn: "Top Neun sagt kein Mensch." Doch im Verein dachten sie da längst über eine andere Lösung der Probleme von Hertha BSC nach, die am Tag danach feststand.

Am Dienstag teilte der Klub mit, dass Dardai, 43, nach dieser Saison und damit nach viereinhalb Jahren nicht mehr Trainer der Hertha-Profis sein wird. Man sei "gemeinsam zu dem Entschluss gekommen, dass ein neuer Impuls im Sommer der richtige Schritt für Hertha BSC ist", ließ sich Geschäftsführer Michael Preetz in der Mitteilung zitieren. "Pal", heißt es weiter, werde "auch über seine Zeit als Cheftrainer der Profis hinaus ein großer Faktor der Hertha-Familie bleiben". Dardai soll vom Sommer 2020 an wieder als Nachwuchstrainer arbeiten, so wie bereits 2015, bevor er die Bundesligamannschaft übernommen hatte. Auch er wurde in der Mitteilung zitiert. "Manchmal ist es so, dass die Zeit für eine Veränderung gekommen ist", sagte Dardai demnach. Es gehe ihm um das Beste für Hertha BSC.

Wer die Hertha in den vergangenen Wochen spielen sah, der musste sich tatsächlich wundern, was in den vergangenen Monaten in Berlin geschehen war. Denn jene Mannschaft, die in der Hinrunde noch den FC Bayern schlug und zum Saisonstart als eine der positiven Überraschungen der Liga galt, schien die Saison beinahe ambitionslos zu beenden. Ende März hatte sich Berlin beim 0:5 in Leipzig vorführen lassen. Zwar sind wichtige Profis verletzt, zurzeit zum Beispiel die zentralen Mittelfeldspieler Marko Grujic und Arne Maier. Doch Preetz wollte es offenkundig nicht mehr mit Pech erklären, dass die Hertha wie in jedem Jahr unter Dardai in der Rückrunde nachließ. 24 Punkte hatte Berlin nach der Hinrunde, nur elf kamen bislang hinzu.

Ursprünglich ein Förderer des jungen Fußballs

Es ist fast ein wenig ironisch, woran der Trainer nun gescheitert zu sein scheint: Unter dem Entwickler Dardai war keine Entwicklung mehr zu sehen. Er hatte ja aus der 2015 eher darbenden Hertha nicht nur einen Anwärter auf den Europapokal geformt, der manchmal gar anspruchsvollen, offensiven Fußball bot. Er schien auch ein altes Berliner Dilemma zu beenden. Seit jeher kommen viele talentierte Fußballer aus der Hauptstadt, doch erst unter Dardai fanden sie regelmäßig einen Platz bei den Profis der Hertha. Ein Beispiel dafür ist der Junioren-Nationalspieler Maier, 20, genau wie Dardais Sohn Palko ein Talent aus dem in Berlin hoch gelobten Jahrgang 1999. Weitere sind die Stammspieler Jordan Torunarigha, 21, oder Maximilian Mittelstädt, 22. Dardai galt als ihr großer Förderer. Doch inzwischen, schrieb etwa die Berliner Zeitung in der vergangenen Woche, fühle sich die Mannschaft von Dardais immer wieder ähnlichem Training in Teilen unterfordert. Und mit Preetz, heißt es, habe sich der Trainer zuletzt häufig und heftig inhaltlich überworfen.

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Seine letzten öffentlichen Äußerungen vor der Nachricht am Dienstag waren charakteristisch. Dardai kritisierte die Berliner Medien, denen er jüngst gar "sogenannten geplanten Mord" an ihm vorgeworfen hatte. Er versuchte der Situation ihre Dramatik zu nehmen, "alles schön", sagte er, "alles optimal". Und er warb mit einer dardaiistischen Parabel für Geduld mit seiner jungen Mannschaft: Wenn man vier Weizenkörner habe, könne man daraus mit viel Pflege eine Lkw-Ladung gewinnen. Oder - er machte ein Geräusch, das nach Ausspucken klang - man entschließe sich, einen Lkw voller Weizen zu kaufen.

Der Klub, der laut Tagesspiegel bereits in einer Präsidiumssitzung in der Vorwoche über Dardai diskutierte, hat sich nun offenkundig für die dritte Option entschieden: die Ernte jemand anderem anzuvertrauen, mit anderen Methoden. Und ein wenig hatte Dardai das vielleicht schon geahnt. Wenn man einen anderen Trainer für besser halte, sagte er vor ein paar Tagen, "dann soll ein anderer kommen, das ist auch nicht schlimm". Sein Vertrag als Profitrainer war im Winter um ein Jahr verlängert worden; sein Vertrag im Nachwuchsbereich ist unbefristet.

Der Klub stellt Ambitionen über Familienfrieden

Der Ungar ist seit 22 Jahren im Verein, mit 286 Bundesliga-Einsätzen ist er Berlins Rekordspieler, er ist ein Liebling der Fans, eine seltene Identifikationsfigur. 2015 brachte er nicht nur Erfolg, sondern auch gute Laune zur Hertha zurück. Und so kurios seine öffentlichen Aussagen manchmal klingen, so schön unprätentiös konnte man sie natürlich auch finden. Nur Christian Streich, der den SC Freiburg seit 2011 trainiert, ist als Bundesligacoach länger bei einem Verein beschäftigt.

Dem Klub waren nun aber die Ambitionen wichtiger als der Familienfrieden, die Hertha braucht Erfolge, auch weil gerade erst ein großer Misserfolg dem Image geschadet hat, als der Bauplan für ein neues Stadion scheiterte. Es wird keine ganz einfache Aufgabe für den Nachfolger, den Michael Preetz nun sucht. "Hertha ist und bleibt mein Zuhause", so wird Pal Dardai in der Mitteilung am Dienstag zitiert. Man darf das ruhig wörtlich nehmen: Er wohnt in Laufweite vom Olympiastadion.

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