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Bundesliga:Der Kampf um Herthas Gunst hat begonnen

Hertha BSC Pressekonferenz

Sie müssen den Klub nach Klinsmanns Rundumschlag wieder beruhigen: Hertha-Präsident Werner Gegenbauer, Investor Lars Windhorst und Sport-Geschäftsführer Michael Preetz (von links).

(Foto: dpa)
  • Jürgen Klinsmann hat Hertha BSC eine Abrechnung hinterlassen, wie sie die Fußballwelt noch nicht gelesen hat.
  • Wie soll das Team in diesem Klima noch erfolgreich spielen?
  • Manchen dürfte die Indiskretion des Ex-Trainers sogar in die Strategie passen.

Wenn in einem Jahr davon die Rede sein sollte, ob Jürgen Klinsmann nicht doch ein paar positive Dinge hinterlassen hat unter den Trümmern, auf denen jetzt die Hertha steht, dann könnte dieser Name fallen: Lucas Tousart, 22. Der Profi gehört den Berlinern bereits, nur blöd, dass er noch nicht mitspielen kann. Hertha BSC hat ihn für offiziell 22 Millionen Euro ins große Transferpaket gepackt, das Klinsmann im Winter schnürte, ihn sogleich aber bis Saisonende zurück an Olympique Lyon verliehen. Und jetzt hat Tousart doch glatt den großen Cristiano Ronaldo besiegt, am Mittwochabend erzielte er das Tor zum 1:0-Hinspielsieg im Champions-League-Achtelfinale gegen Juventus Turin.

Aktuell spielt dieser Tousart also auf der Weltbühne des Fußballs. Ob er - auch von der Spielklasse her - im Sommer auf eine Provinzbühne wechselt, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Wegweisend könnte schon dieser Freitag werden: Verliert Hertha nach dem 0:5 gegen Köln auch in Düsseldorf, künden an der Spree erneut die Alarmglocken vom drohenden Untergang in die zweite Liga.

Und dies, obwohl kurz vor Jahreswechsel mal wieder der Größenwahn ausgebrochen war, nachdem Trainer Klinsmann in der Hauptstadt seine Mauer baute. Mit einer massiven Riegeltaktik wurden erste Abstiegsängste verdrängt, der einstige Bundestrainer (2004 bis 2006) träumte laut von einer Zukunft mit Meisterschaft, Champions League und baldigem Börsengang. Urplötzlich aber legte Klinsmann am 11. Februar seine Vollbremsung hin: Nach 76 Tagen im Amt hatte er von Berlin die Schnauze voll, reichte via Facebook-Video die Kündigung ein und entschwand ins private Stammquartier nach Los Angeles.

Frisches Geld ist willkommen, wird aber möglichst an der Haustür übernommen

Nicht jedoch, ohne, wie man jetzt weiß, eine Abrechnung zu hinterlassen, wie sie die Fußballwelt noch nicht gelesen hat. Klinsmanns Fazit darin: Der Hertha-Geschäftsleitung fehle nicht nur Charisma, sie müsse "komplett ausgetauscht" werden; die Mannschaft sei in "einem katastrophalen Zustand"; im Klub herrsche "eine Lügenkultur". So geht das in einem fort. Ziel dieser Attacke sind speziell Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz, zwei Altherthaner, die angeblich Macht nicht teilen wollten. Der Sport-Bild wurde Klinsmanns Rundumschlag von unbekannt zugespielt, die Zeitung hat ihn am Mittwoch veröffentlicht. Wer ihn Satz für Satz mit allen grammatikalischen Eigenheiten gelesen hat, stellt zwei Fragen: Wie soll Hertha in diesem Reizklima überhaupt noch erfolgreich Fußball spielen? Und: Cui bono? Wem nutzt das Durchstechen des Papiers?

Klinsmann wohl kaum, er steht noch mehr als bisher als vor Konflikten geflohener Verlierer da. In seiner in Tagebuchform gestalteten Analyse, die in der Beschreibung des Hertha-Milieus auch manch Treffendes enthält, kommen eigene Fehler nicht vor. Die Analyse hatte Klinsmann für seinen eigentlichen Berliner Auftraggeber gefertigt, die Tennor-Holding des Investors Lars Windhorst. Angeblich 224 Millionen Euro investierte diese Holding im vorigen Sommer, um Hertha aufzuhübschen, sie bekam dafür 49,9 Prozent der Klubanteile überschrieben. Die knappe Mehrheit verbleibt damit im Stammverein, das ist hierzulande im Fußball exklusiv Gesetz. Anders als in England oder Italien soll kein Klub unter den Oberbefehl externer Investoren fallen.

Da fußballfachliches Know-how in der Holding fehlte, wurde Klinsmann von Windhorst hinzugekauft. Erst lancierte er ihn in den Aufsichtsrat, bald schon rückte er als Nothelfer runter an den Spielfeldrand. Und damit mitten hinein ins Herz der alten Hertha. Man kann jetzt durchaus die Parallele zum allgemeinen Wirtschaftsleben ziehen: Frisches Geld ist zwar willkommen, wird aber möglichst an der Haustür übernommen. Ins Haus aber darf so schnell kein Fremder rein.

Cui bono? Klinsmann kommt zum Schluss, dass Hertha "keine Leistungskultur, nur Besitzstandsdenken" habe. Wer an diesem Denken rütteln will, dem dürfte die Indiskretion des Ex-Trainers in die Strategie passen. Der Kampf um Herthas Gunst ist schon heute hart und kurios, aber er hat wohl gerade erst begonnen.

© SZ vom 28.02.2020/jki
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