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Herpes im Reitsport:2500 Kilometer ohne Zwischenstopp

Internationales Springturnier Aachen

Erleichtert: Spring-Weltmeisterin Simone Blum fuhr umgehend mit 20 Pferden aus Spanien nach Zolling, als sich bei einem Turnier Pferde mit Herpes infiziert hatten - ihre Tiere blieben alle gesund.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Abgebrochene Turniere, zu wenig Quarantäneboxen und eine Impfung, die nicht schützt: Der Ausbruch der Pferdeseuche EHV beschäftigt auch zahlreiche bayerische Reiter.

Von Sabine Neumann

Jörne Sprehe fühlte sich in dem riesigen Stallzelt mit 500 Pferden zunächst sicher. "Schon wegen Corona sind wir nicht durch die Boxengassen gelaufen", erzählt die Nationenpreisreiterin aus Fürth. Nach der Rückkehr aus Valencia von einer Turniertour kamen ihre Tiere vorsorglich in Quarantäne: "Unsere Pferde werden regelmäßig gegen Herpes geimpft und hatten keinen direkten Kontakt zu anderen." Also eigentlich kein Grund zur Sorge. Fünf Tage später aber bemerkte eine Pflegerin, dass eine Stute fieberte. Eine zweite zeigte ebenfalls Symptome. Beide brauchten Hilfe. "Es war fast unmöglich, eine Klinik zu finden. Die einen waren voll, die anderen wollten kein Pferd mit Herpes aufnehmen. Ich hätte nicht gewusst, was ich machen soll, wenn ich mehr kranke Pferde gehabt hätte. Es gibt zu wenig Quarantäneboxen", sagt Spehe.

Doch schließlich hatte sie Erfolg. Hot Easy, ihre Zukunftshoffnung, wurde in Iffezheim behandelt. Die zweite Stute, deren Namen die Besitzer nicht in der Zeitung lesen möchten, begleitete Spehe nach Gießen. "Ich bin fast die ganze Zeit hinten mitgefahren. Sie stand ruhig da und hat ihr Heu gefressen. Zehn Stunden später war sie tot. Das tut mir auch für die Besitzer so leid", sagt die 38-Jährige. Etwa vier Jahre ritt sie die viel versprechende Braune, vom ersten Auftritt in einer internationalen Jungpferdeprüfung bis zu den gemeinsamen Siegen auf S-Niveau. Nun hat sie eines ihrer besten Nachwuchspferde an ein Virus verloren, das weltweit für Beunruhigung sorgt. "Das", sagt Spehe, "muss keiner erleben."

Ungewöhnlich viele Pferde, auch geimpfte, waren während der Turniertour in Spanien an Equine Herpes Myelitis (EHM) erkrankt. In Valencia wurde das Virus offiziell am 20. Februar bestätigt. Inzwischen zählt die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) 17 tote Sportpferde.

Die Herpesfälle von Valencia hatten weitreichende Konsequenzen

Herpes ist schon lange bekannt. Bis zu 80 Prozent aller Pferde tragen die Erreger EHV-1 und EHV-4 latent in sich. Sie sind nur für Pferde gefährlich und verbreiten sich vor allem über die Atemluft. Die meisten Tiere infizieren sich jung, häufig schon als Fohlen. Danach zieht sich das Virus ins Lymphgewebe und in die Nervenknoten zurück. Die Erkrankung betrifft meist nur die oberen Atemwege, begleitet von Fieber, Nasenausfluss, Husten und Augenentzündung. Dagegen schädigt die EHM der erwachsenen Pferde Nerven und verschiedene Organe. Züchter fürchten die Erreger EHV-1 und EHV-4, da Stuten ihr Fohlen verlieren können.

Warum die meisten Pferde vergleichsweise leicht, einige wenige aber sehr schwer erkranken, ist noch nicht bekannt. Fest steht, dass Stress, wie er durch Transport, Turniere oder Überlastung entsteht, das Immunsystem schwächt und das schlafende Virus aktivieren kann. Es gebe regelmäßig von November bis April Herpesfälle, bestätigen Michael Zeitelhack und Susanne Blessing, Fachtierärzte für Pferde. Herpes ist keine Seuche und weder anzeige- noch meldepflichtig. Durchschnittlich werden geschätzt 20 bis 40 Ställe pro Jahr von EHV bzw. EHM betroffen. Etwa 1,25 Millionen Pferde gibt es in Deutschland.

Die Herpesfälle von Valencia hatten weitreichende Konsequenzen. Die FEI verhängte eine Turniersperre über fast 4000 Pferde mit Infektionskontakt. Simone Blum, Weltmeisterin Springen, und ihr Mann Hans Günther Blum waren mit 20 Pferden im spanischen Vejer de la Frontera. Nachdem auch hier zwei kranke Pferde zunächst Herpes-positiv waren, brach die FEI das Turnier ab. Die Blums fuhren rund 2500 Kilometer ohne Zwischenstopp zurück ins oberbayerische Zolling. "Wir haben die Pferde nur an einem Parkplatz ausgeladen und geführt. Sie durften trinken und fressen. Nach der Fahrt kamen alle sehr fit vom LKW", berichtet Blum. Sie isolierte die Rückkehrer von den anderen und ist erleichtert, dass kein Pferd erkrankte.

Auch Jessica von Bredow-Werndl, Mannschaftsweltmeisterin Dressur aus der Nähe von Rosenheim, und der international für Österreich erfolgreiche Max Kühner aus Starnberg können aufatmen. Ihre Pferde wurden nach der Rückkehr von den hoch dotierten Fünf-Sterne-Events in Doha/Katar ebenfalls sofort isoliert und blieben symptomfrei.

FEI-Veterinärdirektor Åkerström stellte kürzlich fest, es gebe keine wirksamen Impfstoffe gegen EHM

Sprehe hat in den letzten Wochen viel gegrübelt. Wie haben sich die beiden Stuten angesteckt? Warum nur sie und nicht auch Solero und Luna, ihre beiden erfahrenen Top-Pferde? Warum erkrankten in Valencia hauptsächlich Stuten? Und vor allem: Warum schützte die Herpesimpfung nicht? Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und viele Tierärzte empfehlen die regelmäßige Immunisierung des gesamten Pferdebestands. Es heißt, die Impfung reduziere die Virusausscheidung und senke so den Infektionsdruck sowie das Risiko schwerer Verläufe. Die gefürchtete EHM wird im verpflichtenden Beipackzettel aber nicht erwähnt. FEI-Veterinärdirektor Göran Åkerström stellte kürzlich fest, es gebe keine wirksamen Impfstoffe gegen EHM.

"Die Impfung kann EHM begünstigen. Das ist internationaler Stand des Wissens", warnt Peter Thein, Gründungsmitglied der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin. Die weltweite Statistik zur EHM und ihrem klinischen Verlauf belege: "Die ausgeschiedene Virusmenge und die Antikörper im Blut, speziell die Impfantikörper, sind nicht entscheidend. Es kommt auf das einzelne Pferd und seine Immunreaktion an. Wir haben eine Selbstheilungsquote von 50 Prozent."

In Deutschland dürfen vom 29. März an wieder Sport- und Zuchtveranstaltungen stattfinden. Internationale Turniere erlaubt die FEI ab 12. April. Auflagen für die Ställe, zusätzliche Kontroll- und Hygienemaßnahmen sowie negative PCR-Tests für Pferde sollen das Infektionsrisiko minimieren. Jörne Sprehe sagt: "Es muss irgendwie weitergehen."

© SZ/and/lein/ska
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