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Geisterspiele im Fußball:"Was ich unter Fankultur verstehe, ist auf Eis gelegt"

Jahreswechsel

Stimmung im Stadion? Die Pappkameraden in der Arena von Borussia Mönchengladbach finden nicht alle gut.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Helen Breit von der Fan-Organisation "Unsere Kurve" über den Bedeutungsverlust des Fußballs während Corona, Solidarität der Vereine und die Verteilung der TV-Gelder.

Interview von Jonas Beckenkamp

Helen Breit würde ja gerne, aber sie kann nicht: Ihre Leidenschaft sind Stadionbesuche in der Bundesliga, wo sie den SC Freiburg unterstützt. Doch Corona verhindert bei ihr derzeit nicht nur ein Hobby, sondern mehr: Ihr fehlt ein ganzer Teil ihres Lebens. Als Vorstandsmitglied und Sprecherin von "Unsere Kurve" engagiert sich die Erziehungswissenschaftlerin für die Interessen organisierter Fans. Breit, 33, sitzt in Talkshows, gibt Interviews - und diskutiert auf Augenhöhe mit Fußballfunktionären wie DFL-Chef Christian Seifert und DFB-Präsident Fritz Keller. An diesem Montag geht es auf höchster Ebene wieder einmal um die Verteilung der TV-Gelder in der Bundesliga. Dazu hat Breit eine klare Meinung.

SZ: Frau Breit, dem Profifußball geht es nicht gut, er leidet wie große Teile der Gesellschaft immens unter der Coronavirus-Pandemie. Wie sehr leiden Sie als Fan mit?

Helen Breit: Fußball hat in meinem Leben eine wahnsinnig hohe Bedeutung. Aber im Moment fehlt mir der emotionale Zugang. Das liegt daran, dass ich nicht ins Stadion kann - aber auch daran, dass die ganze Welt gerade Kopf steht. Mir und vielen anderen bleibt nur der analytische Blick auf den Fußball. Im Moment bin ich deshalb ausschließlich mit bundesweiter Fanpolitik beschäftigt. Aber das, was für mich den Fußball im Kern ausmacht, ist gerade nicht da.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was genau ist das für Sie als Fußballfan?

Ich vermisse die Tribüne und den Sound des Stadions. 90 Minuten an nichts anderes als das Spiel zu denken, den Support, die Dynamik auf dem Platz. Aber mir fehlen auch die Begegnungen mit anderen Menschen der Fanszene. Ich habe die meisten seit März nicht mehr live und in Farbe gesehen, das ist mir neulich bei einem virtuellen Fantreffen erst klar geworden. Es fallen ganz viele Routinen weg, das ist brutal schade. Ich hoffe, dass man sich nicht fremd wird, ehe sich alle wiedersehen.

Für die Pandemie kann der Fußball nichts - aber sie legt vieles offen, was schon lange im Argen liegt. Welche Kritikpunkte gibt es?

Die Bedeutung von Fußball als Publikumssport wurde viel zu lange verkannt. Wie wichtig das ist, merken wir doch jetzt, wo es kein Live-Publikum gibt. Die positiven Besonderheiten des Profifußballs in Deutschland gilt es mehr zu schützen: Das wir mitgliedergeführte Vereine haben, dass es eine Bindung an die Gesellschaft gibt. Gerade jetzt wird klar, dass die Idee von diesem Sport als Produkt nicht mit den Gefühlen der Menschen übereinstimmt. Für viele ist Fußball Lebensinhalt, aber manche Funktionäre verkennen das.

Zum Produkt wird der Fußball, indem er fürs Fernsehen inszeniert wird. Aktuell finden Spiele nur statt, damit das TV überträgt und so Gelder an die Vereine fließen. Was bedeutet das für Organisationen wie "Unsere Kurve"?

Fans kommen in diesem Kreislauf nicht vor, weil sie faktisch nicht im Stadion sein können. Sie spielen allenfalls als "Konsumenten" eine Rolle, die für Einschaltquoten sorgen sollen. Aus Fan-Sicht befinden wir uns in einem Vakuum - und zwar schon für eine lange Zeit.

Helen Breit

Helen Breit ist bei "Unsere Kurve" in der Arbeitsgruppe "Fußball als Publikumssport" tätig. Derzeit gibt es aber kein Publikum.

(Foto: Privat)

Wie erleben Sie die Tristesse der sogenannten Geisterspiele und warum schalten viele nicht mehr ein im Fernsehen?

Die Menschen in meinem Umfeld stellen den Stadionbesuch in den Mittelpunkt: Fußball vor Ort, in Echtzeit. Daheim auf dem Sofa kucken ist für viele eine Ergänzung, aber der Ausgangspunkt war immer das Vor-Ort-Erlebnis. Manche können das für sich drehen und finden sich mit TV-Übertragungen ab, aber Leute wie ich können das nicht. Ich merke, dass mich das nicht so packt. Ich verbinde mit Fußball ein soziales Ritual. Am Infostand, im Austausch mit anderen Fans, auf dem Weg zum Stadion. Das beginnt meist schon Stunden früher als die Fernsehshow zum Spiel.

Ist der Fußball als Kulturgut verschwunden?

Verschwunden ist auf jeden Fall der Fußball als Begegnungsstätte. Was ich unter Fankultur verstehe, ist zumindest auf Eis gelegt. Wenn man diese Kultur als genauso wertvoll betrachtet, wie das Spiel selbst, dann findet dieser Teil nicht statt, es gibt gerade keine Ausdrucksform für uns. Es wird eine sehr spannende Frage sein, ob sie sich nach Corona wieder entfaltet.

Genau davor warnten kürzlich Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke, die eine "Ent-Emotionalisierung" der Fans befürchten.

Schon möglich, dass diese Feststellung zutrifft. Das führt zur Frage: Was können wir alle im Fußball dafür tun, um diesen Verlust zu verhindern. Ich habe den Eindruck, dass von Fanseite deutlich mehr Anregungen und Ideen kommen, wie wir der zunehmenden Abkehr entgegenwirken können. Grundsätzlich lässt sich die Hingabe zum Fußball nur am Leben erhalten, wenn sie auch spürbar ist, also in den Stadien, Wochenende für Wochenende - deshalb ist derzeit natürlich etwas in Schieflage geraten. Und gleichzeitig steigt die Zahl an Fans, die die Entwicklungen des Profifußballs äußerst kritisch sehen.

Gelitten hat nach acht Bayern-Meisterschaften in Serie auch der Wettbewerb. Welche Rolle spielt für eine ausgeglichene Liga die nun wieder diskutierte Umverteilung der TV-Gelder?

Es muss sich einiges tun. Die Entscheidung über die TV-Erlöse ist für die Zukunft des Profifußballs richtungsweisend. Es wäre wichtig, dass die DFL und die Klubs sich dafür einsetzen, dass wieder mehr Chancengleichheit herrscht. Die Bundesligen bestehen ja nicht nur aus den großen Klubs, die in der Champions League ohnehin gutes Geld verdienen, sondern aus vielen, teils kleineren Standorten. Wenn die konkurrenzfähig sein sollen, brauchen sie eine gerechtere Verteilung der vielen Millionen.

Wie viel Solidarität trauen Sie den Vereinen noch dazu, nachdem Rummenigge vor drei Wochen 14 Klubchefs für ein symbolisches Treffen zusammentrommelte, während andere gar nicht eingeladen waren?

Von solchen Machtdemonstrationen sollte sich vor allem im DFL-Präsidium niemand leiten lassen. Dort wird über die Verteilung entschieden und dort bestimmen auch andere mit, nicht nur der FC Bayern. Es muss um die Interessen aller gehen, deswegen gibt es ja einen Ligaverband, der Reformen wie zum Beispiel eine gleichmäßigere Verteilung der Fernseheinnahmen anstoßen kann.

Abschließend die Frage: Wird alles wieder gut, wenn die Pandemie zu Ende geht? Oder nimmt der Fußball gerade nachhaltig Schaden?

Wir sollten zumindest nicht erwarten, dass nach Corona wieder jemand das Licht in den Stadien anknipst und alle wieder da sind. Das ist eine Zeit, die allen viel abverlangt und für manche Fans wird es auch eine Verschiebung ihrer Prioritäten geben. Den Fußball an sich wird es immer geben. Aber wenn die Verantwortlichen nicht endlich Reformen durchsetzen, sehe ich eine reale Gefahr für den Fußball.

© SZ/sonn
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