Heiko Vogel:"Wir haben definitiv Nachholbedarf"

Trainer Heiko Vogel FC Bayern II gibt seinen Spielern Anweisungen Fussball Regionalliga Bayern; Heiko Vogel Trainer Fußball FC Bayern München Amateure Lackovic/Imago

"Wir werden uns besser aufstellen müssen, um wieder in der Jugend zu einer deutschen Spitze zu gehören": Heiko Vogel (links) bei der Trainingsarbeit mit Spielern der zweiten Mannschaft des FC Bayern München.

(Foto: imago)

Der Trainer der Bayern-Amateure erklärt im Gespräch, warum seine Mannschaft in den nächsten Spielzeiten nicht den Aufstieg als Ziel hat.

Interview Von Benedikt Warmbrunn

SZ: Herr Vogel, seit einem knappen Jahr sind Sie Trainer der Amateure des FC Bayern und Sportlicher Leiter des Junior Teams. Bleibt zwischen diesen beiden Aufgaben noch Zeit für andere Interessen?

Heiko Vogel: Ich habe immer betont, dass ich es nicht für hilfreich halte, sich 24 Stunden am Tag nur mit Fußball zu beschäftigen. So ist das auch in meinem gegenwärtigen Job. Ich nehme mir immer wieder einen Nachmittag für mich, manchmal auch zwei hintereinander. Zurzeit lese ich das Buch "Schnelles Denken, langsames Denken". Wobei mir das wiederum für meinen Beruf Denkanstöße gibt - seit ich das lese, sind meine Ansprachen noch konkreter geworden.

Was beansprucht Sie mehr: der Trainerjob - oder der des Sportlichen Leiters?

Ich habe festgestellt, dass es Phasen gibt. Wenn ein Training ansteht, bin ich davor, währenddessen und unmittelbar danach der Trainer. Und dann kann ich gut wechseln. Ich kann vom Trainingsplatz aus ziemlich gut in ein Gespräch gehen, in dem es um Themen für den Sportlichen Leiter geht.

Und was erfordert mehr Zeit?

Gegen Ende der vergangenen Saison, als es um die Kaderplanungen ging, war ich verstärkt als Sportlicher Leiter gefragt. Da ging es ja nicht nur um die Amateure, sondern auch um die unteren Nachwuchs-Mannschaften. Da standen viele Gespräche mit Beratern und Spielern an. Das hat im März begonnen - ist jetzt aber vorbei. Jetzt, in der Vorbereitung, bin ich wieder mehr als Trainer gefragt. Auch das wechselt also - wobei über das Jahr gesehen mich zeitlich schon der Trainerjob mehr beansprucht. Das lässt sich aber nicht auf die Stunde genau festlegen, wann ich mir Gedanken als Trainer mache und wann als Sportlicher Leiter.

Von welchem Ihrer Gedanken aus dem vergangenen Jahr sind Sie am meisten überzeugt?

Ich glaube - und das muss ich gleich von meiner Person lösen -, dass wir insgesamt im Junior Team einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Wir legen gerade eine neue Basis in der Jugendarbeit, verändern die Struktur. Das geht ja nicht nur um sportliche Dinge - das geht bis zum neuen Nachwuchsleistungszentrum, das nächstes Jahr in der zweiten Jahreshälfte bezogen werden kann. Ich glaube, dass das auch ein Argument werden kann, wenn wir um junge Spieler werben.

Wie sehr hat sich Ihre Vorstellung von Ihrem Doppeljob im ersten Jahr mit der Realität gedeckt?

Es hat mich nichts wirklich überrascht. Wir waren uns alle der Größe dieser Aufgabe bewusst. Wir haben im Jugendbereich definitiv Nachholbedarf. Die Jugend des FC Bayern München ist nicht da, wo sie sein sollte. Um das zu ändern, haben wir die notwendigen Schritte eingeleitet.

Wo hatten Sie Nachholbedarf gesehen?

Es geht darum, adäquat viele adäquat gute Spieler zu haben. Da geht es nicht nur um Scouting, ein Top-Talent erkennen viele. Es geht auch darum, dieses Top-Talent von einem Wechsel zu uns zu überzeugen. Zumindest im bayerischen Raum wollen wir aber möglichst alle großen Talente zu uns holen. Aber auch da ist die Konkurrenz groß, und sie hat ein Argument: Bei eigentlich allen anderen ist die Durchlässigkeit zu ersten Mannschaft höher - weil niemand so eine gut besetzte erste Mannschaft hat wie wir.

Wie reagieren Sie auf dieses Argument?

Indem wir dem Spieler verständlich machen wollen, das wir in ihm ganz außergewöhnliche Fähigkeiten sehen. Dafür müssen wir uns in einem ersten Schritt eine klare Vorstellung davon machen, was einen guten Spieler ausmacht. Das war in den vergangenen Jahren vielleicht nicht immer so einheitlich. Jetzt aber sagen wir: Das Wichtigste ist, dass schon ein junger Spieler eine Waffe anbieten kann.

Eine Waffe?

Ja, auch wenn das etwas martialisch klingt. Das kann die Schnelligkeit sein. Oder die Technik. Ein Offensivspieler mit technischen Problemen - für ihn wird es kaum für Bayern München reichen. Ein Außenbahnspieler mit einem gravierenden Schnelligkeitsdefizit - auch schwierig.

Diese Anforderungen haben Sie also für jede Position neu definiert?

In der letzten Zeit hatten wir zu sehr auf die Ausschlusskriterien geachtet. Dadurch haben wir vielleicht einen Spieler nicht genommen, weil eine Sache gefehlt hat. Da war ein einziges Ausschlusskriterium zu häufig wichtiger als die tatsächliche Waffe des Spielers. Ein nicht ganz so schneller Spieler setzt sich auf den Außen sicher nicht durch - aber wenn er ein ballsicherer Stratege ist, kann er ja im Mittelfeld spielen. Da sind wir offener geworden.

Ist dadurch der Nachholbedarf schon nachgeholt?

Nein. Da braucht es Geduld. Uns allen muss klar sein, dass wir nicht innerhalb von zwei, drei Jahren das Niveau erreichen werden, auf dem wir uns eigentlich sehen.

Andere Vereine investieren in junge Spieler schon früh viel Geld - um sie dann im Idealfall gewinnbringend weiterzuverkaufen. Wie weit geht der FC Bayern in diesem Wettbieten mit?

Es geht immer darum, was wir im jeweiligen Spieler sehen. Man kann nicht sagen: Zehn Millionen sind zu viel, eine ist zu wenig. Klar ist, dass es inzwischen auch bei Zwölfjährigen teilweise um Geldbeträge geht, die moralisch schwer zu rechtfertigen sind. Wenn wir im Jugendbereich mithalten wollen, müssen wir aber im Einzelfall überlegen, ob wir bereit sind, für einen Spieler, von dem wir überzeugt sind, die Summe X auszugeben.

Auch der FC Bayern wird also häufiger Millionenbeträge für Teenager ausgeben?

Wenn wir im Einzelfall vom Spieler überzeugt sind: voraussichtlich ja. Ich kann aber nicht sagen, dass wir jedes Jahr für drei Spieler je fünf Millionen ausgeben werden. Vielleicht sind es auch einmal vier Spieler für fünf Millionen. Und vielleicht auch mal zwei Jahre lang keiner für mehr als eine Million. Wir werden uns aber besser aufstellen müssen, um wieder in der Jugend zu einer deutschen Spitze zu gehören, zu der momentan Schalke, Dortmund und Hoffenheim zählen.

Welchen Stellenwert nimmt in dieser Ausrichtung die U23 des FC Bayern ein?

Die zweite Mannschaft ist immer noch die höchste Ausbildungsmannschaft. Ich ganz persönlich bin auch der Meinung, dass die zweiten Mannschaften nie aussterben dürfen. Auch in unserer schnelllebigen Zeit gibt es eine Sache, die ich nicht beschleunigen kann: die Entwicklung eines Menschen. Nach wie vor schaffen es viele Talente über die zweite Mannschaft in den bezahlten Fußball. Der größte Schritt wird es aber immer bleiben, vom Juniorenfußball in den Seniorenfußball zu kommen. Und ich maße es mir nicht an zu sagen: Der schafft es sofort. Und der nicht. Alessandro Schöpf, Spieler bei Schalke, EM-Teilnehmer mit Österreich, ist bei uns den Schritt über die zweite Mannschaft gegangen. Aktuell haben wir mit Fabian Benko und Niklas Dorsch zwei Spieler, die im zweiten Jahr bei uns sind - obwohl sie eigentlich erst ins zweite Jahr in der A-Jugend kommen.

Was lernt ein Benko in der Regionalliga Bayern besser als in der technisch anspruchsvolleren U19-Bundesliga?

Der größte Unterschied zwischen Junioren und Senioren ist die Wettkampfhärte. Und die drückt sich schlichtweg in Kilogramm aus. Die jungen Spieler müssen lernen, ihr Können gegen zehn Kilogramm mehr durchzusetzen.

Wie sehr reiben Sie sich in dieser Frage innerhalb des Vereins?

Wir als Verein stehen ganz klar zur zweiten Mannschaft. Bis hinauf zur Leitung der Profis sind wir uns alle einig darin, dass die zweite Mannschaft einen Sinn ergibt und ihre Berechtigung besitzt.

Auch in der Regionalliga Bayern?

Das ist nicht der Sinn. Das ist die Realität. Mittelfristig wollen wir aber in die dritte Liga aufsteigen. Die höchstmögliche Liga für eine U23 muss für unsere U23 machbar sein. Da brauchen wir aber Zeit. Auch in der Regionalliga gibt es Mannschaften, die viel investieren. Das war vergangenes Jahr Regensburg, dieses Jahr hat Unterhaching eine sehr gute Mannschaft. Die heutige Regionalliga ist mit der von vor drei Jahren nicht mehr zu vergleichen.

Entsprechend wird auch die U23 des FC Bayern verstärkt werden?

Wir werden ja auf dem Transfermarkt nicht aktiv, um mit der zweiten Mannschaft in die dritte Liga aufzusteigen. Wir werden aktiv, um langfristig die besten Spieler zu uns zu holen. Wir wissen aber jetzt schon, dass wir von den nächsten Jahrgängen, den Jahrgängen 1998 und 1999, nicht alleine die Quantität an Spielern bekommen werden, um für die zweite Mannschaft in den nächsten Jahren ein Grundgerüst zu bauen. Deswegen waren wir in diesem Sommer dazu gezwungen, einige externe Spieler zu verpflichten. Das wird auch nächsten Sommer nicht anders sein.

Dieser Übergangsprozess dauert also nicht nur dieses Jahr, sondern auch nächstes Jahr?

Vielleicht auch noch das übernächste Jahr.

Wenn nicht der Aufstieg für diese Saison das Ziel ist - was dann?

Das, was für eine zweite Mannschaft immer gilt: möglichst viele Spieler weiterzuentwickeln. Klar ist aber auch, dass wir als Tabellenzwölfter nicht zufrieden wären. Wir wollen versuchen besser zu sein als in der vergangenen Saison, als wir Sechster wurden.

Haben Sie sich darüber schon mit Carlo Ancelotti, dem neuen Profitrainer ausgetauscht?

Den meisten Kontakt hatte ich bisher mit Davide, seinem Sohn. Der ist sehr interessiert, spricht schon hervorragend Deutsch. Mit Carlo Ancelotti selbst habe ich bisher einmal gesprochen, das war sehr offen und informativ. Er hat erzählt, dass er bisher überall eine gute Jugendarbeit hatte, in Mailand, in Paris, bei Chelsea, bei Real Madrid. Und dass ihm die Jugend auch in München wichtig ist.

Wir haben über Ihre Arbeit als Sportlicher Leiter gesprochen, über die als Trainer. Wie lange können Sie diesen Doppeljob machen, ohne dass er Sie auseinanderreißt? Ausgelegt ist er noch für diese Saison.

Es ist sicherlich anspruchsvoll. Aber für mich ist es ein Traumjob. Ich sehe es daher nicht als Belastung, sondern als Privileg. Es ist vereinbar - vor allem, weil ich ein tolles, harmonisches Team habe.

Dieses Jahr machen Sie also definitiv noch beides?

Dieses Jahr ziehe ich es durch, gar keine Frage.

© SZ vom 17.08.2016
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