Heidenheims Stürmer Glatzel Auf dem Rasen der Arena

Hat zurzeit meistens die Kontrolle über den Ball: Heidenheims Stürmer Robert Glatzel.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Viel Vertrauen, 13 Tore: Der lange unterschätzte Münchner Stürmer Robert Glatzel ist am Ziel - und trifft im Viertelfinale des DFB-Pokals auf den FC Bayern.

Von Christoph Leischwitz

Wenn er etwas in dieser unruhigen Zeit gelernt hat, sagt Robert Glatzel, dann dieses: "Dass es echt immer weitergeht, dass man Durchhaltevermögen braucht, die nächste Chance kommt immer." Tatsächlich dürfte es seine letzte Chance gewesen sein, damals, als er schon 21 Jahre alt war. Aber er hat sie ja auch genutzt.

Heute ist der Münchner mit 13 Toren der erfolgreichste Angreifer beim 1. FC Heidenheim, er trifft am Mittwochabend nach einer langen Jugendzeit voller Rückschläge im Viertelfinale des DFB-Pokals auf den FC Bayern, in der Münchner Arena.

An einem Dienstag vor fünf Jahren dagegen, da war der Angreifer mit sechs weiteren U 23-Spielern von Wacker Burghausen suspendiert worden. Die Vorgeschichte dazu ist ein bisschen kompliziert, Glatzel konnte jedenfalls wenig dafür. Die Situation eskalierte, als sich die Spieler weigerten, eine vom Übungsleiter angesetzte Trainingseinheit auszuführen. Laufen mit Medizinball in den Armen. An einem Sonntagmorgen nach einem 1:1 beim SV Pullach. Das Verhältnis zum Trainer war da schon nicht mehr das Beste.

Glatzel hielt sich fortan bei der U 21 des TSV 1860 München fit, wo er sich ein Jahr zuvor noch nicht ins Team spielen konnte. Nun durfte er bleiben, wobei endlich auch mal ein bisschen Glück mit im Spiel war: Die zweite Mannschaft war im Sturm gerade unterbesetzt, weil ein gewisser Marius Wolf zu jener Zeit zu den Profis aufgestiegen war. Und Glatzel schoss sie plötzlich, die wichtigen Tore. Eines davon war im darauffolgenden September der 3:2-Siegtreffer - gegen Wacker Burghausen.

Kopfballstark war Glatzel schon früher: 1,93 Meter groß, obendrein recht wendig. Ein Trainer hatte ihm mal gesagt, dass er das Zeug habe zum Bundesliga-Profi. Und im Training lief ja auch immer alles ganz gut, nur den Beweis im Stadion konnte er lange nicht antreten, fast zu lange. So ist Glatzels Werdegang ein Beispiel dafür, wie stark die Entwicklung eines Fußballers nicht nur vom Talent, sondern von Vertrauensverhältnissen und Entscheidungen des Umfelds abhängt. Gerade bei Stürmern, die ja nicht so viel nachdenken sollen.

Mach' mit Toren auf dich aufmerksam, hatten sie ihm geraten, als er 2013 zum SV Heimstetten wechselte, wo es vermeintlich leichter ist, Tore zu schießen als bei der Zweiten von 1860. Doch das klappte nicht, nach zwei Monaten war beim Bayernligisten schon wieder Schluss. "Da hat auch die Erfahrung gefehlt, dass ich mich damals nicht auf meine Stärken konzentriert habe, sondern von anderen Dingen beeinflussen ließ", sagt Glatzel. Selbstzweifel? "Eigentlich nicht", antwortet er nach kurzem Zögern, "nur an ein paar Tagen, wo gar nichts geht. Solche gibt es ja."

"Er muss noch geradliniger werden", sagte sein damaliger Sechzig-Trainer Torsten Fröhling einmal. Das ist gar nicht so leicht, wenn man ständig zu Umwegen gezwungen ist. Glatzel, der entgegen anderslautender Informationen nicht in Fürstenfeldbruck, sondern in München geboren wurde, wuchs in Giesing und Schwabing auf. Seine Karriere begann aber in keinem der großen Nachwuchsleistungszentren, sondern beim SC Fürstenfeldbruck. Schon als Zwölfjähriger saß er regelmäßig allein in der S4, um zum Training zu fahren. Kurz ging es dann noch zur Jugend der SpVgg Unterhaching. Seine Zusammenfassung der im Wortsinn wechselhaften Zeit zwischen 2012 und 2015: "Ich habe sowohl schöne als auch weniger schöne Erinnerungen an 1860 München. Und ich habe keine allzu schönen Erinnerungen an Heimstetten und Burghausen."

Richtig selbständig und auch erwachsener sei er erst geworden, als er 2015 zum 1. FC Kaiserslautern II wechselte. Dort, sagt Robert Glatzel, spürte er erstmals das volle Vertrauen seines Trainers, Oliver Schäfer. Glatzel schoss in der Regionalliga Südwest 15 Tore, mehr als zusammengenommen in allen drei Spielzeiten zuvor (14). Und jetzt, in Heidenheim, ist das familiäre Umfeld inklusive des Vertrauens von Trainer Frank Schmidt wohl der Idealfall.

Anfang Februar haben die Heidenheimer nicht ganz unverdient Leverkusen aus dem Pokal geworfen, dann kam die Auslosung, die Glatzel nun einen Heimatbesuch beschert: "Ich habe mich riesig gefreut: Mann, gegen so eine Weltklasse-Mannschaft! Vor meinen Freunden und der Familie!" Bei Spielen von 1860 und auch von den Bayern saß er in der Arena auf der Tribüne; dort auch mal zu spielen war lange ein Traum. Die Aussichten, weiterzukommen seien natürlich gering, sagt er über das Duell mit Bayern. Aber das Selbstvertrauen für so einen Einsatz hat er jetzt. Er wird einfach spielen und wenig nachdenken.