Es war merkwürdig. Irgendwas stimmte nicht. Da waren so viele Widersprüche. War das wirklich Tim Kleindienst? Der Spieler sah ihm zwar verdammt ähnlich, aber er konnte es natürlich nicht sein. Der Mann trug weiße Socken, in die das Wappen eines Vereins eingestickt war, der eindeutig nicht 1. FC Heidenheim hieß. Andererseits: Ist Kleindienst nicht genauso groß? Und hat er nicht auch ein solch freundliches Gesicht wie dieser Spieler, der da gerade in einer schwarzen Winterjacke den Raum betreten hat?
Es war tatsächlich Tim Kleindienst, der am Samstagnachmittag durch die Katakomben des Heidenheimer Stadions lief. Tim Kleindienst in Stutzen von Borussia Mönchengladbach. Es war eine gute Idee, sich das noch mal zu vergegenwärtigen – schließlich kommt man nie um den Namen Kleindienst herum, wenn man sich in dieser Saison eingehend mit Heidenheims misslicher Lage befasst, die durch das 0:3 am Samstag noch etwas misslicher geworden ist. Zweimal Robin Hack (8., 59.) und Nathan Ngoumou (18.) hatten den ungefährdeten Sieg der Gäste ermöglicht.
Kleindienst hier, Kleindienst da: Der Name des Mittelstürmers ist nach wie vor eng mit Heidenheim verbunden, schließlich ist er nicht irgendein ehemaliger Spieler, der jetzt halt die Socken eines anderen Vereins trägt. Kleindienst ist es, der Heidenheim überhaupt erst in die Bundesliga und dann sogar in einen europäischen Wettbewerb geschossen und geköpft hat, bevor er sich nach Mönchengladbach aufmachte und dort zum Nationalspieler aufstieg. Und so sagte der Mann in den Gladbach-Stutzen, er könne sich „nicht so richtig freuen“, als er nach den 90 Minuten über den Sieg seiner Mannschaft sprach.
Kleindienst fühlte mit seinem ehemaligen Klub („Ich hoffe, dass sie die Kurve kriegen. Ich drücke alle Daumen“), und natürlich lag es nahe, darüber nachzudenken, ob Heidenheim überhaupt leiden müsste, wenn Kleindienst immer noch auf der Ostalb wäre. Es ist eine Frage, die man durchaus stellen kann, doch die Antwort wird den FCH nicht weiterbringen. Kleindienst ist nicht mehr da, und Heidenheim kämpft um seine Zugehörigkeit zur Bundesliga.
„Erschreckend chancenlos“ sah Torhüter Müller seine Mannschaft
Das hat auch damit zu tun, dass es längst nicht nur Kleindiensts Tore sind, die der Mannschaft fehlen. Dass der Nationalstürmer für Gladbach so wertvoll ist, liegt auch daran, dass er Wortführer und Antreiber ist. Einer, der in der Kabine den Ton setzt und auf dem Feld die Richtung vorgibt. Einer also, der auch Heidenheim gut zu Gesicht stehen würde. Mittlerweile ist Kleindienst dem FCH allerdings ebenso entwachsen wie Jan-Niklas Beste. Auch der Freiburger fehlt Heidenheim, vor allem seine ruhenden Bälle, die – wenn er sie denn trat – zu rasenden Bällen wurden und meistens den Kopf eines Mitspielers fanden, meistens den von Kleindienst.
Nun, gegen Gladbach, blieben die Heidenheimer erneut den Nachweis ihrer Bundesliga-Tauglichkeit schuldig. In der vorangegangenen Woche hatten sie noch einen Achtungserfolg erzielt und in Leipzig 2:2 gespielt – doch gerade das weckte Hoffnungen, die die Mannschaft sechs Tage später schon wieder begrub. „Wir haben es in Leipzig wirklich ordentlich gemacht. Das war nicht so einfach nach dem Ausscheiden in der Conference League“, sagte Trainer Frank Schmidt am Samstag im Rückblick, „aber dass wir es eine Woche später nicht schaffen, diese Energie und diesen Willen auf den Platz zu bekommen, ist natürlich enttäuschend.“
Es bleiben den Heidenheimern zehn Ligaspiele, um ihre missliche Lage zu verbessern
Nicht nur Schmidt fand den Auftritt seines Teams ziemlich beunruhigend, auch Kevin Müller sprach hinterher deutliche Worte und nannte seine eigene Mannschaft „erschreckend chancenlos“. Dann gewährte Heidenheims Torwart Einblicke in sein Seelenleben, als er über den zehrenden Abstiegskampf redete und offenbarte: „Es beschäftigt einen ständig, das Thema ist ja omnipräsent. Auch wenn du mal einen Tag freihast, machst du dir immer darüber Gedanken. Das kannst du nicht abschütteln.“
Gibt es also überhaupt etwas, das den Heidenheimern Mut für die letzten zehn Bundesligaspiele machen kann?
Bei dieser Frage bezog sich Schmidt auf seine Kabinenansprache, die er gegen Gladbach gehalten hatte. Er habe seinen Spielern zu verstehen gegeben: „Das war nichts von uns, das war eine enttäuschende Leistung. Wir liegen zu Recht hinten – aber jetzt haben wir die Chance, es zu verändern.“ Und so werde es auch am Sonntag gegen die TSG Hoffenheim sein. Auch da habe seine Mannschaft die Chance, ihre missliche Lage zu verändern.
Schmidts Worte hatten etwas von Zweckoptimismus, doch eines kann die Heidenheimer ja tatsächlich mit etwas Zuversicht in den Endspurt gehen lassen: Tim Kleindienst werden sie in dieser Saison nicht mehr begegnen.

