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HC Erlangen:Im fränkischen Biotop

Deutschland - Norwegen

Bild aus bessern Tagen: Steffen Fäth (Mitte) im WM-Halbfinale 2020 gegen Norwegen.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Europameister Steffen Fäth wurde bei den Rhein-Neckar Löwen nicht mehr gebraucht - nun soll er in Erlangen zu alter Klasse finden.

Von Ralf Tögel

Darf man das Adjektiv sensibel im Zusammenhang mit Handball überhaupt bemühen? In einem Sport, der Anfang der Neunzigerjahre einem hessischen Kreiswehrersatzamt als Argument diente, um den Antrag eines Kriegsdienstverweigerers abzulehnen? Da wurde von Kampftechniken und dem härtesten Teamsport der Welt schwadroniert, das Thema wurde hitzig erörtert. Derart irrlichternde Diskussionen haben sich glücklicherweise mit dem Aussetzen der Wehrpflicht hierzulande erledigt. Steffen Fäth mag dieses Wort "schon mal gar nicht". Und ja, er wisse, dass ihn viele für sensibel halten. Ein intaktes Umfeld sei Topleistungen dienlich, "das würde ich schon von mir behaupten", sagt Fäth, auch das Vertrauen des Trainers spüre er gerne. Fäth ist ein introvertierter Typ, das Rampenlicht nicht sein Platz. Nach einer schlechten Leistung schleicht er schon mal mit hängenden Kopf vom Spielfeld - das gibt Interpretationsspielraum.

"Jeder Spieler braucht Vertrauen. Klar, es gibt diese eiskalten Maschinen, die nichts stört, aber das ist die Ausnahme. Und dann gleich davon zu reden, dass einer sensibel ist, das finde ich nicht richtig." Michael Haaß sagt das, die Expertise des 36-Jährigen sollte belastbar sein, denn zum einen kennt er Fäth seit vielen Jahren aus der Nationalmannschaft und spielte mit ihm bei den Rhein-Neckar Löwen - und zum anderen ist er sein neuer Trainer. Über die Fähigkeiten des 97-maligen Nationalspielers ist Haaß folglich bestens im Bilde, Fäth gewann den IHF-Pokal mit Berlin, den der Pokalsieger mit Gummersbach, er war 2016 Europameister und holte im selben Jahr Olympia-Bronze. Für einen Klub wie den HC Erlangen ist er eigentlich eine Nummer zu groß. Doch bei seinem letzten Arbeitgeber, den Rhein-Neckar Löwen, fehlte das, was für den Spieler Fäth so wichtig ist, und was er jetzt im Mittelfränkischen zu finden hofft: das Vertrauen des Trainers, Spielanteile, einen Ort zum Wohlfühlen. In den "zwei schweren Jahren" in Mannheim, zu denen auch Verletzungen und ein Trainerwechsel beitrugen, bekam er zuletzt keine Gelegenheit mehr, seine imposanten Fähigkeiten zu demonstrieren. In Bestform ist Fäth schwer zu stoppen, hat mit seiner immensen Sprungkraft und den wuchtigen Rückraumwürfen viele Partien entschieden.

"Er ist einer der besten Halblinken in Deutschland, national wie international." Das sagt Bob Hanning, auch der muss es wissen. Zum einen ist er als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) ein langjähriger Weggefährte im Nationalteam, zum anderen hat er ihn als Füchse-Manager aus Wetzlar nach Berlin geholt. In Hessen hatte Fäth sechs gute Jahre, reifte zur Stammkraft im Nationalteam: "Er ist ein kompletter Spieler, wir hätten ihn damals gerne gehalten", sagt der Manager Hanning, der nicht nur Fäths sportliche Qualitäten schätzt: "Er ist ein grundehrlicher Typ, ich mag ihn menschlich ungemein." In Erlangen sieht ihn Hanning nun am passenden Ort: "Er braucht jetzt das richtige Umfeld, ohne Nebengeräusche oder atmosphärische Störungen."

Dafür will der neue Klub Sorge tragen, der neue Promi habe sich schon bestens eingelebt, findet Haaß: "Er strahlt viel Spielfreude aus, wie es halt so ist, nach einer schweren Saison. Ich hatte diese Situation ja auch ein paar Mal." Haaß sieht es als seine Aufgabe, die Atmosphäre für "ein angenehmes Arbeiten" zu schaffen, er sei ohnehin "kein Freund von ständigem Draufhauen". Und Steffen Fäth passe sowieso optimal in sein Anforderungsprofil: "Ich suche Leute, die Handball spielen können, die auf die Situation reagieren und auch mal was Überraschendes machen." Man könnte die neuerliche Zusammenarbeit auch als eine Schicksalsgemeinschaft sehen, Fäth sucht den Weg zurück zu alter Stärke, Haaß will sich im neuen Job einen Namen machen.

Bedes hält Hanning für machbar: "Es ist nicht nur möglich bei Steffen, dass er Selbstvertrauen tankt und zu alter Stärke kommt, es wird so sein." Das Thema Nationalmannschaft werde dann automatisch aufploppen. Die Beförderung das Novizen Haaß zum Chefcoach findet Hanning nach durchwachsener Vorsaison "mutig, aber absolut gut".

Beide Protagonisten machen vor dem Saisonstart am Sonntag in Kiel einen gelassenen Eindruck: "Ich freue mich nach der langen Pause, dass es endlich losgeht", sagt Haaß. Das Saisonziel? Bestimmt nicht wieder 13. werden, wie im Vorjahr: "Wir haben schon verdammt gute Spieler, aber man muss das erst mal umsetzen." Neben Fäth ist in Simon Jeppsson ein Rückraumwerfer aus Flensburg gekommen, für den Ähnliches gilt. Der schwedische Nationalspieler kam bei der SG nicht nach Wunsch zum Zuge, er sucht in Erlangen ebenfalls den Weg zu alter Stärke. Fäth wirbt dabei um etwas Geduld, "man darf nach der langen Pause keine Wunderdinge von mir erwarten". Wenn man aber als Team zusammenfinde, "dann können wir erfolgreich sein".

Der Mann hinter diesen Personalien ist Carsten Bissel, einer, der ebenfalls nicht gerne im Rampenlicht steht. Der Aufsichtsratsvorsitzende zieht lieber die Fäden im Hintergrund, er hat mit Geschäftsführer Rene Selke eine verheißungsvolle Mischung zusammengestellt mit Talenten sowie Spielern mit großen Namen, die man im fränkischen Biotop reanimieren möchte. Zur Verpflichtung von Fäth sagt Bissel, man habe genau überlegt, nun sei er froh, dass es so gut funktioniert: "Es war eine sensible Entscheidung."

© SZ vom 02.10.2020

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