Handball-Bundesliga:Kampf dem Zitterhändchen

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Willkommen zurück: Manuel Zehnder (vorn), hier im Spiel gegen Gummersbachs Nationalspieler Julian Köster, war an Ligakonkurrent Eisenach ausgeliehen, jetzt kommt er als Torschützenkönig zurück nach Erlangen. (Foto: Funke Foto Services/Imago)

Der HC Erlangen kommt nach einer schwachen Saison mit einem blauen Auge davon und bleibt erstklassig. Nun soll Johannes Sellin als Cheftrainer einen moderat veränderten Kader wieder auf Erfolgskurs führen.

Von Ralf Tögel

Die Ferieninsel Mallorca ist ein gern gewähltes Ziel für Handballer, um sich eine fordernde Saison aus den Gliedern zu feiern. Auch die Profis des HC Erlangen flogen Richtung Balearen, es war auch ein lustiger Montagabend, ist zu hören. Das vorherrschende Gefühl aber war: tiefe Erleichterung. Der HC Erlangen hat den Klassenerhalt in der Bundesliga erst auf den letzten Drücker geschafft, in der Saisonschlussphase hatte sich das Rennen um den letzten Nichtabstiegsplatz bedrohlich zugespitzt: Weil der HSV Hamburg überraschend doch noch die Lizenz für die kommende Saison in der Beletage erhalten hatte und der Bergische HC völlig überraschend sein vorletztes Spiel beim Zweiten, den Füchsen Berlin, 30:29 gewann, hatte den Erlangern plötzlich der Absturz gedroht.

Ein Sieg gegen Flensburg im finalen Spiel am Sonntag schien für den Bergischen HC plötzlich machbar, fünf Tore aufzuholen ebenso. Erlangen hätte mit einem Sieg beim TSV Hannover-Burgdorf selbst alle Unklarheiten beseitigen können, aber das Spiel geriet zu einer Blaupause der gesamten Saison: Der HCE kämpfte bravourös, war beim Tabellensechsten das bessere Team, lag meist mit bis zu vier Toren vorn (20:17) – um das Spiel in den letzten zehn Minuten aus der Hand zu geben: überhastete Würfe, technische Fehler, Ballverluste in Serie – am Ende stand eine 23:27-Niederlage. Glücklicherweise gab sich European-League-Sieger Flensburg keine Blöße und gewann beim Bergischen HC mit 40:30 Toren, Erlangen war gerettet.

Gut geschlafen hat Carsten Bissel dennoch nicht, wie der Aufsichtsratsvorsitzende des HCE erzählt. Denn Profis wie Verantwortlichen war ein nicht gekannter Schrecken in die Glieder gefahren: eine ganz konkrete Abstiegsangst. Bisher war das gesicherte Mittelfeld das Erlanger Biotop, nebst frühzeitig geklärtem Klassenerhalt. Eigentlich sollte der Blick nun dezent nach oben gerichtet werden, stattdessen drohte der Abgrund.

Der Vertrag von Sportchef Alonso soll nicht verlängert werden

Ursächlich war eine schwer zu erklärende Verunsicherung, die das Team vom ersten Spieltag an befiel. Dabei hatte Erlangen einen nominell starken Kader beisammen, der von Sportdirektor Raúl Alonso zusammenstellt worden war. Der Spanier hatte in Doppelfunktion als Trainer die Erlanger sogar ins Pokal-Final-Four geführt und den Posten vor dieser Spielzeit für Hartmut Mayerhoffer geräumt – der sich beim Ligakonkurrenten Göppingen Meriten verdient hatte, als er den Klub ins internationale Geschäft führte. Allerdings hatte Mayerhoffer von Beginn an Probleme mit dem üppig ausgestatteten Kader des Spaniers. Die Zugänge schlugen nicht wie gewünscht ein, für Kreisläufer und Führungsspieler Sebastian Firnhaber war die Saison nach einem Kreuzbandriss vorzeitig beendet und Nationalspieler Christoph Steinert kehrte in einem Leistungstief von der EM zurück. Auch die Maßnahme, den Kader zu verschlanken, indem die Verträge des spanischen Weltmeisters Gedeon Guardiola und des Spielmachers Veit Mävers aufgelöst wurden, blieben erfolglos: Die einfachen Fehler, Ballverluste und schlechten Würfe zogen sich wie ein Geschwür durch die gesamte Saison.

Zwar formte Mayerhoffer eine der besten Abwehrreihen der Liga, im Angriff aber war Erlangen das schwächste aller Teams. Im April schließlich zog der Verein die Reißleine und setzte den Assistenten Johannes Sellin auf Mayerhoffers Chefsessel. Sellin erhält nun einen Zweijahresvertrag, für Alonso hingegen deutet sich das Ende beim HC Erlangen an: Sein Vertrag wird nach SZ-Informationen nicht verlängert. Der Posten des Sportdirektors soll zukünftig einem zusätzlichen Trainerassistenten weichen.

Leihspieler Manuel Zehnder kehrt als Bundesliga-Torschützenkönig zurück

Nun soll der Europameister von 2016 also das Team wieder auf Erfolgskurs führen, wofür er den besten Liga-Torschützen zur Verfügung hat: Manuel Zehnder. Den haben die Erlanger bereits vor zwei Jahren verpflichtet, zuletzt aber war er nach Eisenach verliehen, wo er 277 Tore erzielte. Künftig soll er als Spielmacher für die Franken Torgefahr entfalten.

Ansonsten werden die Renovierungen am Kader moderat ausfallen. Simon Jeppsson wird zum norwegischen Meister Kolstad wechseln und dort ein Rückraumduo mit Sander Sagosen bilden. Für ihn kommt in U21-Nationalspieler Marek Nissen ein großes Talent für den linken Rückraum vom Zweitligisten Lübbecke, wohin sich Lutz Heiny verabschiedet. Der schwedische Torhüter Bertram Obling wechselt nach Gummersbach, seine Position wird der algerische Nationaltorhüter Khalifa Ghedbane besetzen, der mit Skopje 2019 die Champions League gewann. Nationalspieler Tim Zechel hätten die Erlanger gern gehalten, der Kreisläufer folgt aber der Offerte von Meister Magdeburg. Ersatz ist in Maciej Gebala aus Leipzig bereits verpflichtet, der Kapitän der polnischen Nationalmannschaft soll eine Führungsrolle übernehmen. Ausgeschlossen sind weitere Verstärkungen zwar nicht, der Kader wird aber kleiner bleiben als im Vorjahr. Das nämlich war die zweite Achillesferse der Mannschaft, die allzu oft kopflos wirkte und in entscheidenden Momenten das Zitterhändchen bekam.

Ein führungsstarker Trainer, der Ruhe und Struktur in die Mannschaft bringt, konstante Aufbauarbeit und ein Bundesliga-Torschützenkönig, so soll der HC Erlangen wieder auf Kurs kommen. Dann kann auch Carsten Bissel wieder gut schlafen.

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