Kai HavertzGerade Stürmer Nummer eins

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Hat gerade einen Lauf: Kai Havertz.
Hat gerade einen Lauf: Kai Havertz. Javier Garcia/Shutterstock/Imago

Beim 2:0 gegen Lille zeigt Kai Havertz eine seiner besten Leistungen für den FC Chelsea. Der deutsche Nationalspieler profitiert von den Problemen des Torjägers Romelu Lukaku - und hat in der Sturmmitte nun sogar die besseren Karten.

Von Sven Haist, London

Auf dem Titelbild der aktuellen Vereinsbroschüre erinnert der FC Chelsea an den Gewinn der Klub-WM vor anderthalb Wochen. Zu sehen sind die beiden Finaltorschützen Kai Havertz und Romelu Lukaku, wie sie einträchtig den Pokal mit je einer Hand nach oben halten. Während des interkontinentalen Mini-Turniers in Abu Dhabi hatten Havertz und Lukaku im Chelsea-Angriff gemeinsame Sache gemacht, in beiden Spielen standen sie in der Startelf. Im Dreiersturm spielte Lukaku in zentraler Position, flankiert von Havertz halblinks. So in etwa dürfte das Trainer Thomas Tuchel als Lösung schon im Kopf gehabt haben, als Chelsea ein Jahr nach Havertz (von Bayer Leverkusen) im vergangenen Sommer auch Lukaku (von Inter Mailand) holte.

Allerdings deutet sich jetzt an, nach knapp zwei Dritteln der Saison, dass im Sturm fortan wohl nicht mehr Havertz und Lukaku von Beginn an aufgestellt werden, sondern Havertz oder Lukaku - wobei Havertz gerade seinen deutlich renommierteren Kontrahenten überflügelt zu haben scheint.

Mit einer seiner bislang besten Leistungen im Chelsea-Trikot hat sich Havertz nun beim souveränen 2:0 (1:0) im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen den französischen Meister OSC Lille auf die heiße Saisonphase eingestimmt - und seinem Team eine wunderbare Ausgangslage für das Rückspiel verschafft. Havertz, Siegtorschütze des Champions-League-Endspiels 2021 und jüngst des Klub-WM-Finals, erzielte bereits in der achten Minute die Führung durch einen fein getimten Kopfballaufsetzer. Zu diesem Zeitpunkt hätte der deutsche Nationalspieler schon zwei weitere Tore verbucht haben können: Kurz vorher lenkte er eine Flanke knapp übers Tor, anschließend scheiterte er mit einem eleganten Effet-Schuss an Lilles Torwart Léo Jardim.

Havertz, 22, agierte als Mittelstürmer für den auf die Ersatzbank zurückgestuften und nicht mal eingewechselten Lukaku, umgeben von den umtriebigen Flügelspielern Hakim Ziyech und Christian Pulisic, dem nach einem herrlichen Konter das 2:0 (63.) gelang. Von dieser Position aus trieb sich Havertz nahezu überall auf dem Platz herum, geschmeidig und ungezwungen, oft anspielbar für seine Kollegen und vor allem immer mit einem Blick für sie. Das Geheimnis dahinter: ein für sein Alter bemerkenswert ausgereiftes Spielverständnis.

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Seine Darbietung sei "ins Auge" gestochen, lobte die Times, Havertz hätte Lukaku "gezeigt", wie es geht. Das Sportmagazin Athletic titelte, es sei "Havertz' Dynamik", die ihm "den Vorteil gegenüber Lukaku" verschaffe. Auch Tuchel würdigte den seit Wochen "sehr, sehr stark" auftrumpfenden früheren Leverkusener. Einsatz und Laufleistung seien bei Havertz "enorm" gewesen: "Kai war einfallsreich, initiierte Chancen und arbeitete immer mit nach hinten."

Tuchels Havertz-Lob dürfte sich für Lukaku ähnlich mies angefühlt haben wie der drohende Verlust des Stammplatzes - weil die aufgezählten Vorzüge des Angriffskonkurrenten in etwa seinen Schwächen entsprechen. Während Havertz gegen Lille 46 Ballkontakte für sich beanspruchen konnte, kam Lukaku zuletzt beim 1:0 gegen Crystal Palace in der Liga auf lediglich sieben - es waren die wenigsten Ballkontakte eines Premier-League-Profis, der 90 Minuten spielte (seit Beginn der Datenerfassung 2003/2004). Zur Belustigung des schadenfrohen Inselboulevards brachte es Lukaku in der ersten Halbzeit sogar nur auf zwei Kontakte - einer davon beim Anstoß. Der Fokus auf Lukaku sei nach dem Spiel "riesig" gewesen, sagte Tuchel. Daher habe er sich entschieden, ihn nicht "ins nächste Feuer" zu schicken, sondern aus der Schusslinie zu nehmen. Nur was bedeutet das für Lukaku? Hat er überhaupt noch eine echte Chance bei Chelsea?

Bei Lukakus Verpflichtung scheint Chelsea den Unterschied zwischen Premier League und Serie A unterschätzt zu haben

Hinter vorgehaltener Hand heißt es in London, dass Lukaku, 28, für eine dauerhafte Rückkehr auf seine angestammte Neuner-Position dringend an seiner Fitness arbeiten müsste. Im Vergleich zu Havertz reduziert sich mit Lukaku in der Spitze bei Chelsea eklatant die defensive Intensität, insbesondere beim Attackieren des gegnerischen Spielaufbaus. Dazu gelingt es den Mitspielern trotz diverser Bemühungen des Trainerteams nicht, Lukaku im Spiel zu finden. Der Belgier verfügt nicht über die Gabe von Havertz, in höchster Geschwindigkeit sowohl Szenen frühzeitig zu erahnen als auch den Ball geschmeidig zu verarbeiten und weiterzuleiten.

Chelsea scheint bei der Verpflichtung des Belgiers von Inter Mailand - für die Klubrekordablöse von 115 Millionen Euro - die Unterschiede zwischen Italiens Serie A und der Premier League unterschätzt zu haben. Während sich der Klub dank spendabler Gaben seines russischen Oligarcheneigners Roman Abramowitsch notfalls einen Fehlgriff leisten kann, stellt sich für Lukaku die Frage, ob er gewillt ist, an seinen Defiziten zu arbeiten. Bislang trat er bei Chelsea sehr von sich überzeugt auf. Zuletzt teilte Lukaku etwas kryptisch mit, dass es "nicht wirklich" passe, wenn man es "erzwingen" müsse. Dabei muss er aufpassen, dass er nicht Gefahr läuft, von den Mitspielern ausrangiert zu werden, die den Champions-League-Pokal in der Vorsaison ohne ihn gewannen. Seine (harmlose) Kritik in einem unautorisierten Interview über seine "unglückliche" Zeit bei Chelsea zum Jahreswechsel soll innerhalb der Mannschaft gar nicht gut angekommen sein.

Ein Profiteur der auf Lukaku gerichteten Aufmerksamkeit ist Havertz. Schon der Transfer des Belgiers verlagerte die zuvor zunehmend hohe Erwartungshaltung an den ebenfalls teuer erworbenen Deutschen plötzlich auf die Schultern Lukakus. Die Überlegung des Klubs war, in Lukaku einen treffsicheren Torjäger zu verpflichten (64 Tore in 95 Spielen für Inter), um Havertz zu entlasten, der in seiner ersten Saison auf der Insel nur sporadisch sein Potenzial andeutete. Mehr als sechs Pflichtspiele in der Startelf in Serie (Herbst 2021) hat Havertz - beeinträchtigt durch Verletzungen und Corona - bis heute nicht absolviert. Doch trotz seiner schmächtigen Statur und unscheinbaren Körpersprache ist der junge Hochbegabte äußerst belastbar und leidensfähig.

Diese Widerstandskraft versucht Tuchel anhaltend auch bei Lukaku zu wecken. Denn am besten wäre es für Chelsea immer noch, regelmäßig beide einsetzen zu können.

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