Kai Havertz:"Dann wäre ich wieder der Depp gewesen"

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Im rechten Moment am rechten Fleck: Kai Havertz gelingt per Kopf der 1:1-Ausgleichstreffer gegen Ungarn.

(Foto: via www.imago-images.de/imago images/ActionPictures)

Nach seinem Tor zum 1:1 gegen Ungarn gewährt Kai Havertz einen seltenen Einblick in die Fußballerseele. Gegen England wird wieder viel von seiner Strafraumpräsenz abhängen.

Von Philipp Selldorf, Herzogenaurach

Was vor lauter Aufregung über den wirren Hergang beim 2:2 gegen Ungarn zu kurz gekommen ist, ist die verdiente Würdigung des ersten deutschen Ausgleichstreffers. Ein Tor, das für die Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen wie eine Pflichtübung ausgesehen haben mag: Der Ball segelt auf den Stürmer zu, der Torhüter hat sich verlaufen, das Tor ist leer. "Von außen gesehen, sind das die einfachsten Tore", bestätigt der Torschütze Kai Havertz. Für den Betroffenen aber ist in diesem Augenblick gar nichts einfach, wie Havertz nun verraten hat: "In der Situation denkst du: Fuck, du kannst nur alles falsch machen." Nach "fuck" hat er übrigens noch "sorry" gesagt, seine Manieren mögen beim FC Chelsea unter englischen Einfluss geraten sein, sind aber im Kern intakt geblieben.

Wie viel Tücke in dieser Szene steckte, das hatte zwei Tage vorher der slowakische Torwart Martin Dubravka erfahren, als er einen ähnlich steil vom Himmel fallenden Ball ins eigene Tor patschte, statt ihn wie geplant über die Latte zu befördern. Bestimmt hatte der erfahrene Profi Dubravka, 32, gewissenhafte Berechnungen zur Lösung des Problems angestellt, aber seine Berechnungen waren falsch: Er sprang zu früh ab, im entscheidenden Moment hatte er keine Kontrolle mehr, und so hätte es am Mittwoch auch Havertz ergehen können, denn das Manöver sei "schwerer als gedacht" gewesen.

Mit dem falschen Timing hätte er den Ball vielleicht unsauber erwischt und übers Ziel gesetzt, oder der Ball wäre gegen die Latte geflogen und von dort gegen ihn geprallt und dann auf närrische Weise ins Aus gehüpft. Tagelang wäre der schreckliche Moment dann im Fernsehen gesendet und jahrelang von Millionen Menschen auf Youtube angeschaut worden. Ein Szenario von historischer Dimension, mit dem sich Havertz später trotz des Happy End beschäftigt hat: "Hätte ich ihn nicht gemacht, wäre ich wieder der Depp gewesen."

Vielleicht hat Jogi Löw schon ein Post-it angefertigt: Den Torschützen nicht auswechseln!

Der Depp war zunächst aber mal ein anderer, wenn man das mal so zwanglos formulieren darf. Dass der Bundestrainer den Torschützen direkt auswechselte, anstatt dessen Motivationsschub zu nutzen, das gehörte zu den besonders irritierenden Momenten an diesem unübersichtlichen Abend. Ob Jogi Löw das inzwischen ebenso sieht, ist bisher nicht bekannt geworden, vielleicht hat er schon eine Post-it-Notiz mit der Aufschrift "Den Torschützen bitte nicht auswechseln!" angefertigt.

Beruhigend ist immerhin, dass Löw mittlerweile den Wert von Kai Havertz anerkennt. Niemand hätte ihm Vorwürfe gemacht, wenn er den 22 Jahre alten Turnierneuling nach dessen misslungener Premierenvorstellung gegen Frankreich erst mal wieder in die Reserve genommen hätte, aber Löw hat ihn wieder aufgestellt und damit recht behalten. Auch Havertz hat das dankbar registriert. "Ich spüre jetzt beim Trainer sehr, sehr viel Vertrauen", spricht er einen Satz, der eine Vorgeschichte impliziert: Auf seinen Platz in der Nationalelf hat er so lange warten müssen, dass ein paar Jahre daraus wurden. Nicht, weil Löw seine Fähigkeiten verkannte, sondern weil der Coach nicht wusste, auf wen er an seiner Stelle verzichten und wo er ihn einsetzen sollte. Die Kritiker und den ungeduldigen Spieler und womöglich auch sich selbst vertröstete er: "Für den Kai finden wir schon noch einen Platz", lautete seine Beruhigungsformel.

Der Einsatzort für Havertz ist nun zwar immer noch nicht klar abgesteckt, weil er wie üblich durch weite Reviere streift, sein Zielgebiet aber ist jetzt eindeutig der Strafraum. Havertz ist mit seinem Instinkt für die Situation und seinem Willen zum Toreschießen zurzeit der gefährlichste Angreifer der Nationalelf, doch er ist weder ein Mittelstürmer noch eine sogenannte falsche Neun. Ein Dreiviertelneuner vielleicht? Oder ein Zehner mit Tendenz zur Neuneinhalb? Darin könnte am Dienstagabend in Wembley ein Vorteil für Deutschland liegen: dass die Engländer, die allesamt erkennbar gut geschult sind, aber in ihrem Spiel auch ein wenig schematisch wirken, Probleme mit Havertz' Unberechenbarkeit bekommen.

"Du wirst gelobt, wenn du ein gutes Spiel machst - und nach dem nächsten bist du wieder der Buhmann"

Die Wucht, die so ein Turnier in der Heimat entwickelt, hat Havertz bereits zu spüren bekommen. Nicht ganz so heftig wie Robin Gosens, den nach dem prämierten Auftritt gegen Portugal die plötzliche Prominenz überwältigte ("es war keine einfache Phase für mich und meine Familie, die unfassbare Resonanz hat mich geflasht"). Aber auch für den von Natur aus emotional kühlen Havertz stellte sich schon die Frage, was das alles zu bedeuten hat. Das sei ein Problem, das "generell in der Fußballbranche besteht: Du wirst gelobt, wenn du ein gutes Spiel machst - und nach dem nächsten bist du wieder der Buhmann." Oder der Depp, wenn man die vermeintlich leichten Tore nicht schießt.

Jetzt also der Einzug nach Wembley. Er habe da schon ein paarmal gespielt, sagt Kai Havertz lässig. Die Partie am Dienstag sei natürlich auch für ihn eine tolle Sache, er werde sie aber trotzdem "angehen wie jede andere". Klingt durchaus vielversprechend.

© SZ/cca/schm
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