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Ligapokal in England:Havertz' kleiner Durchbruch

So langsam findet der 80-Millionen-Junge sich ein beim FC Chelsea. Gegen einen Zweitligisten gelingen Kai Havertz drei Tore - ein anderer Deutscher soll die Londoner verlassen.

Von Jonas Beckenkamp

Es werden sich wohl auch jetzt manche Miesepeter finden, und vielleicht stimmt ihre Kritik sogar in Ansätzen. Drei Tore gegen einen überforderten Zweitligisten, das sei kein Grund für Jubelarien, könnten sie anmerken - aber Kai Havertz kann das herzlich egal sein. Sein erster geglückter Auftritt im Trikot des FC Chelsea ist nun in den Geschichtsbüchern vermerkt. Auch wenn es nur ein wolkenverhangener Mittwochabend im wenig bedeutsamen englischen Ligapokal war - dieser Dreierpack bleibt.

Seine drei Treffer beim 6:0 (2:0) gegen den FC Barnsley werden Havertz von einer Last befreien, denn so mancher Kritiker auf der Insel hatte nach seinen ersten beiden Chelsea-Einsätzen bereits die Nase gerümpft über den 80-Millionen-Import aus Germany. Zu schüchtern, zu dezent, das waren die Vorwürfe nach den Partien gegen Brighton und Liverpool in der Premier League. Diesmal lief es anders. Havertz, 21, beeindruckte mit Körperlichkeit, Handlungsschnelligkeit und seinen bekannten Instinkten, die ihn reihenweise in gute Offensivpositionen brachten.

"Das war der erste von vielen großartigen Abenden für ihn", lobte Coach Frank Lampard, der seinen Neuen - anders als den auf die Bank beorderten Timo Werner - erneut von Beginn an aufgeboten hatte. Dieses Pokalspiel sei eine "ausgezeichnete Erfahrung" für den früheren Leverkusener gewesen, fand Lampard. Havertz lernt England ja erst kennen, zu Beginn wunderte er sich schon ein wenig über die Grobiane in den gegnerischen Defensivreihen.

Tempo, Physis, technische Klasse, all das ist besonders gefragt in England, wo alles noch etwas schneller und größer ist. Dass er da mithalten kann, bewies Havertz jetzt: "Er zeigte all das, was ich von ihm erwarte", lobte Lampard, der Havertz offenbar großes Vertrauen entgegenbringt. Er lieferte eine Erklärung, warum der Neue zum Start auf der Insel etwas verloren gewirkt hatte: "Man muss auch sehen, dass er keine Vorbereitung hatte." Tatsächlich hing Havertz vor seinem Transfer Anfang September in der Luft, während seine Kollegen sich in London schon einspielten.

Aber es scheint deutliche Fortschritte zu geben. Speziell im Duett mit Sturmpartner Tammy Abraham zündete der deutsche Nationalspieler gegen Barnsley kleine Feuerwerke. Beim 2:0 (28.) ließ Abraham einen Pass an den Fünfmeterraum geschickt zu Havertz durch, der mit Coolness einschob - sein erster Treffer im Königreich. Seine erhöhte Einsatzfreude demonstrierte er dann vor dem 3:0 (49.), als seine famose Grätsche am gegnerischen Sechzehner zur Vorlage für Ross Barkley wurde.

Havertz bewies seinen enormen Drang schließlich auch beim 4:0 (55.), erneut servierte ihm Abraham die Vorlage - per Hacke. Ähnlich fiel das 5:0 (65.): Wieder erreichte ein Direktpass von Abraham den gebürtigen Aachener Havertz, der locker den Torwart aus Barnsley umkurvte. Die weiteren Treffer erzielten Abraham (1:0/19.) und Olivier Giroud (6:0/83.), wodurch Chelsea jetzt im Achtelfinale des offiziell "Carabao Cup" genannten Wettbewerbs steht. "Es sieht so aus, als wäre es falsch, Havertz schon abzuschreiben", umschrieb der Guardian dessen kleinen Durchbruch.

Carabao Cup Third Round - Chelsea v Barnsley

Kai Havertz freut sich über sein drittes Tor gegen Barnsley

(Foto: Pool via REUTERS)

"Schritt für Schritt werde ich fitter. Das Spiel heute war sehr gut für mich, um mehr Selbstvertrauen zu sammeln", erklärte Havertz selbst. "Ich hoffe, wir können so weitermachen", sagte er zufrieden über seine neue Rolle im Chelsea-Sturm, wo er sich auch spielerisch besser zurechtfand als zuletzt auf der Außenbahn.

Anders sieht es bei den "Blues" für Antonio Rüdiger aus. Der deutsche Verteidiger, 27, der in der Nationalelf meistens gesetzt ist, kam zum dritten Mal hintereinander nicht zum Einsatz - ohne gesundheitliche Gründe. Coach Lampard scheint in der Innenverteidigung eher mit Zugang Thiago Silva (Paris SG) und Ben Chilwell, sowie mit Cesar Azpilicueta, Fikayo Tomori, Kurt Zouma und Andreas Christensen zu planen; eingewechselt wurde gegen Barnsley der italienische Nationalspieler Emerson.

Rüdiger wird bereits mit dem FC Barcelona und seinem Ex-Klub AS Rom in Verbindung gebracht. Ein Wechsel könnte sich schon in den kommenden Tagen vollziehen. Vor allem Barça wäre eine spannende Option, schließlich steht dort ein Umbruch mit neuem, schlagkräftigem Personal an. Ein Deutscher verlässt London also vermutlich, ein anderer ist gerade angekommen: Als Belohnung für seinen Dreierpack nahm Kai Havertz einen frisch desinfizierten Spielball mit nach Hause.

© SZ/tbr
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