Nationalspieler Harry Maguire:Kapitän im freien Fall

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Nationalspieler Harry Maguire: Harry Maguire: In Griechenland verurteilt

Harry Maguire: In Griechenland verurteilt

(Foto: AFP)

Englands Abwehrspieler Harry Maguire wird wegen seiner Beteiligung an einem Gewaltdelikt auf der Urlaubsinsel Mykonos vor Gericht verurteilt - weist aber jede Schuld von sich.

Von Sebastian Fischer

Die Karriere des Verteidigers Harry Maguire als einer der Protagonisten des Weltfußballs begann mit einer Geschichte über seinen Urlaub - und eine Geschichte aus seinen Ferien ist es auch, die diese Karriere gerade abbremst. Es war im WM-Sommer 2018, als englische Zeitungen zwei Jahre alte Urlaubsfotos von ihm zeigten, die seinen Aufstieg dokumentierten: vom Fan der Nationalmannschaft, der 2016 mit Kumpels zur EM nach Frankreich gereist war, zum Abwehrhünen der englischen Elf, die 2018 auch dank ihm einen neuen, facettenreicheren und erfolgreicheren Fußball spielte. Die Geschehnisse im Sommerurlaub 2020 dagegen bringen Maguires Welt gerade "in freien Fall", so schreibt es der Guardian.

Am Dienstagnachmittag nominierte Englands Nationaltrainer Gareth Southgate den Kader für die ersten Länderspiele des Jahres in Dänemark und Island - und gab am Abend eine Änderung bekannt: Maguire, Kapitän von Manchester United und seit seinem Wechsel von Leicester City 2019 für angeblich 87 Millionen Euro der teuerste Verteidiger der Fußballgeschichte, fehlte nun. Denn ein Gericht in Griechenland hatte ihn zuvor wegen wiederholter Körperverletzung, versuchter Bestechung, Gewalt gegen Beamte und Beleidigung zu 21 Monaten und zehn Tagen Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Maguire, 27, war Donnerstagnacht auf der Urlaubsinsel Mykonos festgenommen worden. Die Polizei hatte eingegriffen, als sich zwei Touristengruppen eine gewalttätige Auseinandersetzung lieferten, in die auch der 1,94 Meter große, knapp 100 Kilo schwere Fußballer verwickelt gewesen sein soll. Er hatte bereits am Samstag in einem Gericht auf der Insel Syros alle Vorwürfe bestritten. Nach zwei Nächten in Gewahrsam durfte er Griechenland verlassen, die Verhandlung wurde auf Dienstag vertagt. Er sei weiterhin von seiner Unschuld überzeugt und werde in Berufung gehen, erklärte er in einer Stellungnahme nach dem Urteil: "Wenn, dann sind meine Freunde, meine Familie und ich die Opfer." Und in einem Beitrag in den sozialen Medien zitierte er Buddha. "Drei Dinge können nicht lange verborgen bleiben", schrieb er: "Die Sonne, der Mond - und die Wahrheit."

Der Prozess gegen den Verteidiger wird nun vor einem höheren Gericht neu aufgerollt. "Laut dem griechischen Gerichtswesen annulliert das Einreichen einer Berufung das ursprüngliche Gerichtsurteil und hebt die Verurteilung auf", hieß es in der Erklärung von Maguires Klub Manchester United. "Das bedeutet, dass Harry keine Vorstrafen hat und erneut als unschuldig gilt, bis seine Schuld bewiesen ist. Dementsprechend unterliegt er keinen internationalen Reisebeschränkungen."

Maguire, sein ebenfalls schuldig gesprochener Bruder und ein Freund, so einer der Vorwürfe, sollen Beamte, die in die Auseinandersetzung eingriffen, geschubst haben. Insgesamt wurden vier Personen leicht verletzt. Laut Polizei sei es auf der Wache zu einem Bestechungsversuch gekommen. Die kolportierte Wortwahl: "Ich bin der Kapitän von Manchester United. Ich bin sehr reich, ich kann dich bezahlen, bitte lass uns gehen."

Maguires Version klingt anders

Maguires Version klingt anders. Laut seinem Anwalt, der in britischen Medien zitiert wird, sei der Streit durch den Verdacht ausgelöst worden, der Schwester des Fußballers sei eine Vergewaltigungsdroge verabreicht worden - es hatte auch geheißen, es sei um eine Auseinandersetzung mit rivalisierenden Fans gegangen. Später, so wird der Anwalt zitiert, hätten sich seine Klienten selbst Angriffen der Polizei ausgesetzt gesehen - und zuvor nicht gewusst, dass es sich bei den Beamten, die demnach keine Uniform trugen, überhaupt um solche gehandelt habe. Dem widersprach wiederum der Anwalt der Polizisten: Die Beamten hätten sich ausgewiesen, sie seien die Opfer, nicht Maguire. Er sei "schockiert", sagte er im BBC-Radio, dass sich der Fußballer nicht entschuldigt habe.

Nach der Berufung hat Maguires Seite nun mehr Zeit, ihre Argumentation vorzubereiten. Sein Anwalt hatte erfolglos versucht, die Verhandlung zu vertagen, da ihm das Anklageprotokoll offenbar erst kurz vorher zuging. Auf die umstrittenen Umstände wies auch Maguires Klub Manchester United in einer Erklärung hin.

In England wird nun auch über das Verhalten von Nationaltrainer Southgate debattiert, der Maguire zunächst für die Länderspiele nominiert und gegen Kritik verteidigt hatte. Andererseits: Das hätten auf der Insel bis vor ein paar Tagen wohl die meisten Fans getan. "Slab-head", Quadratschädel, wird Maguire liebevoll genannt, er ist für sein Wesen als vorbildhafter Führungsspieler ähnlich wie für seine Qualitäten auf dem Platz bekannt: Dominante Physis gepaart mit feinem Passspiel im Aufbau. Diese Rolle muss nun erst mal jemand anders übernehmen.

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