Hansi Flick als Bundestrainer:Die logische Wahl

Hansi Flick war durch seine Titel mit Bayern für andere Top-Klubs interessant geworden, entschied sich aber für die Nationalelf. Dass er nach der EM Bundestrainer wird, liegt auch an Oliver Bierhoffs Rolle.

Von Sebastian Fischer

Wenn für die deutsche Nationalmannschaft in drei Wochen die Europameisterschaft mit dem Gruppenspiel gegen Frankreich in München beginnt, wird Hansi Flick schon dabei sein, als Gast auf der Tribüne. Er werde sich die Partie angucken, "weil da einige Spieler dabei sind von Bayern München", das hat er am vergangenen Samstag angekündigt. Es war einer seiner letzten Sätze in der Pressekonferenz nach seinem letzten Auftritt als Trainer des deutschen Rekordmeisters. Und bei genauem Hinsehen grinste er ein wenig, bevor er das sagte. Es musste ihm natürlich klar sein, dass er Mitte Juni längst nicht mehr als Bayern-Coach wahrgenommen werden würde.

"Es ging jetzt doch alles auch für mich überraschend schnell mit der Unterschrift", mit diesen einführenden Worten hat sich Flick, 56, am Dienstag in der Mitteilung zitieren lassen, die seinen Job als nächster Bundestrainer nach der EM bekannt machte. Er ist nun offiziell der Nachfolger von Joachim Löw, dessen Assistent er acht Jahre lang war, von 2006 bis zum WM-Titel 2014. Sein Vertrag gilt bis nach der Heim-EM im Sommer 2024. Überraschend kam sein Besuch in der Geschäftsstelle in Frankfurt am Dienstagmorgen zu diesem Anlass eher nicht mehr. Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hatte schon vor zwei Wochen, als der neunte Meistertitel in Serie perfekt war, im ZDF gesagt, er würde dem DFB "nicht empfehlen, groß rumzumachen. Man hat immer den Eindruck, dass sie auf irgendwas warten. Worauf die warten, weiß ich nicht".

Hansi Flick als Bundestrainer: Glorreiche erste Episode: Hansi Flick (links) wird 2014 nach der Rückkehr aus Rio in Berlin vom Weltmeister-Trainer Joachim Löw geherzt.

Glorreiche erste Episode: Hansi Flick (links) wird 2014 nach der Rückkehr aus Rio in Berlin vom Weltmeister-Trainer Joachim Löw geherzt.

(Foto: Clemens Bilan/AFP)

Zwischen dem FC Bayern und dem Verband, das verriet Rummenigge damals schon, sei längst alles abgemacht. "Es gibt grundsätzlich schon eine Vereinbarung zwischen Bayern München und dem DFB, für eine smarte Geste", sagte er. Damit, so heißt es, ist ein Freundschaftsspiel des FC Bayern gegen die Nationalelf gemeint. Die Einnahmen sollen den Münchnern zugutekommen, die für Flicks Nachfolger Julian Nagelsmann von RB Leipzig bekanntlich einen Sockelbetrag von 15 Millionen Euro Ablöse zahlen - der unter gewissen Umständen die 20 Millionen deutlich überschreiten kann.

In den finalen Gesprächen geht es noch um die Position von Oliver Bierhoff

Dass der Verband Flick zurückholen wollte, war sogar seit noch längerer Zeit klar. "Er stand von Anfang an ganz oben auf meiner Wunschliste. Die menschlichen und fachlichen Qualitäten von Hansi Flick kenne und schätze ich seit unseren vielen gemeinsamen erfolgreichen Jahren bei der Nationalmannschaft", sagte nun laut Mitteilung DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der nicht nur mit dem Assistenztrainer Flick zusammenarbeitete, sondern auch mit dem Sportdirektor Flick, von 2014 bis Anfang 2017. Er freue sich, sagte Flick, "meine Vorstellungen und Ideen über die Nationalmannschaft hinaus in der Akademie und den weiteren Nationalmannschaften einzubringen".

In den finalen Gesprächen, heißt es, soll es nun unter anderem noch um die Position von Oliver Bierhoff gegangen sein. Im DFB ist nach den Machtkämpfen in der Verbandsführung und dem Rücktritt von Präsident Fritz Keller vieles ungewiss. Es war die Interimsspitze um Vizepräsident Peter Peters und Rainer Koch sowie Schatzmeister Stephan Osnabrügge, die sich am Dienstag für die Fotos zur Unterschrift hinter Flick aufstellte. Ohne Bierhoff als seinen direkten Ansprechpartner wäre Flick kaum bereit gewesen, diese Unterschrift zu leisten. Ohne "den Olli" mache er das nicht, ließ er kürzlich angeblich im kleinen Kreis verlauten. Er wisse "aus bester Erfahrung, dass ich mit Oliver Bierhoff einen starken, vertrauensvollen Partner an meiner Seite habe", so ließ er sich nun offiziell zitieren.

Bis zuletzt war das Geraune immer vernehmbarer geworden, wonach Flick auch andere Optionen gehabt haben soll, als die Nationalmannschaft zu übernehmen. Mit sieben Titeln innerhalb von eineinhalb Jahren als Bayern-Trainer ist er auch für andere Klubs der höchsten Kategorie interessant geworden. Und man kann sich gut vorstellen, dass es ihn nicht gerade gestört hat, wenn Real Madrid und der FC Barcelona um ihn warben, wie zu hören ist. Doch die Nationalmannschaft ist auch für ihn die logische Wahl.

Flicks Aufgabe bei seinem Debüt im September sollte lösbar sein

Schon im vergangenen Herbst soll er sich Gedanken gemacht haben, den FC Bayern vielleicht zu verlassen - noch bevor der Bundestrainerposten frei wurde, und noch bevor der Streit mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic in all seinen Episoden eskalierte. Dass er sich den Job beim DFB gut vorstellen könnte, darauf deutete dann nach Löws Rücktrittsankündigung vieles bis alles hin. Schon im Februar freute sich Flick zum Beispiel erkennbar, als sich der von ihm geförderte Jamal Musiala, 18, statt für den englischen für den deutschen Verband entschied. Und es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie er ihm damals gesagt haben könnte: Vielleicht sehen wir uns ja demnächst beim DFB wieder.

Dass es nun bis Ende Mai dauerte, bis Flicks Ernennung zum neuen Bundestrainer offiziell wurde, hat wohl vor allem mit seinem Pflichtbewusstsein zu tun: Er wollte das Ende der Bundesligasaison abwarten. Doch nun wurde es für alle Beteiligten Zeit. Flick will ein paar Tage freihaben in der Heimat in Bammental bei Heidelberg, wo er künftig wieder wohnen wird, und danach in einen Urlaub aufbrechen. Und Bierhoff betonte in der Mitteilung am Dienstag nochmals, was er schon vorher gesagt hatte: "Es war für mich wichtig, noch vor Beginn der Europameisterschaft Klarheit zu schaffen."

Hansi Flick als Bundestrainer: Eine besondere Verbindung: Jérôme Boateng (r.) und Trainer Hansi Flick.

Eine besondere Verbindung: Jérôme Boateng (r.) und Trainer Hansi Flick.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Mit den besten Wünschen für die EM endet auch Flicks Statement. Jetzt sei noch nicht wichtig, "was ab September sein wird - dazu werde ich mich im August detailliert melden". Er drücke Deutschland die Daumen, das hatte er auch schon am Wochenende gesagt. Da hatte er außerdem ausgeführt, "wirklich gehofft" zu haben, dass Jérôme Boateng, der von Joachim Löw nicht berufene, scheidende Bayern-Verteidiger, zur EM in die Nationalmannschaft zurückkehre.

Ob er den bald 33-Jährigen nach der EM noch mal zurückholt, ist trotzdem fraglich, Boateng muss ja erst einen neuen Verein finden. Aber der Bayern-Block wird auch ohne Boateng groß genug sein in Flicks künftiger DFB-Auswahl. Die erste gemeinsame Aufgabe dürfte lösbar sein: Zum Debüt des Bundestrainers Flick bestreitet die DFB-Elf am 2. September ein WM-Qualifikationsspiel in Liechtenstein.

© SZ/nee/moe/tbr
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