Hans-Dietrich Genscher über den Dopingbericht:"Verletzende Vorwürfe"

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Hans-Dietrich Genscher

Hans-Dietrich Genscher im April 1992 während eines Fluges.

(Foto: picture-alliance / dpa)

"Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins. Medaillen in München": Diese Worte werden dem ehemaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher in der Studie "Doping in Deutschland" zugeschrieben. Auf SZ-Anfrage distanziert sich der 86-Jährige von diesen Äußerungen.

Hans-Dietrich Genscher, von 1969 bis 1974 Bundesinnenminister, hat sich von Zitaten distanziert, die ihm von Zeitzeugen in der Studie "Doping in Deutschland" zugeschrieben werden. In dem 800 Seiten starken Abschlussbericht der Forschergruppe der Berliner Humboldt-Universität taucht der Name Genscher vier Mal auf. In einem Wortwechsel im Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) soll der damals für den Sport zuständige Minister vor den Olympischen Sommerspielen 1972 in München gesagt haben: "Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen in München."

Auf den Einwand, dass dies bei dem kurzen zeitlichen Vorlauf schwierig werden könnte, soll Genscher erwidert haben: "Das ist mir egal." Die Aussage wird von den Forschern als beispielhaft gewertet, wie weit westliche Politiker damals bereit waren, im Wettstreit um sportlichen Erfolg mit der DDR zu gehen. Gegen diesen Eindruck setzt sich Genscher nun zur Wehr.

"An die mir zugeschriebenen Äußerungen kann ich mich nach mehr als 40 Jahren beim besten Willen nicht erinnern", teilt der 86-Jährige auf SZ-Anfrage schriftlich mit. Er "halte es aber für ausgeschlossen, dass ich sie getan habe, denn die damit bei Richtigkeit der Zitate und deren Interpretation unterstellte Haltung entsprach und entspricht nicht meiner Denkweise", so Genscher.

Die Vorwürfe, die jetzt gegen ihn erhoben werden, empfinde er "als verletzend": "Das gilt umso mehr, als ich stets für einen sauberen Sport eingetreten bin und ein Anti-Doping-Gesetz seit langem für notwendig halte", so Genscher, der den Abschlussbericht offenbar im Original studiert hat, die Unterlagen nach seinem bisherigen Studium aber als "nicht ergiebig" einstuft.

Darüber hinaus möchte der FDP-Politiker klarstellen: "Was die politische Betrachtung der Olympischen Spiele 1972 betrifft, so habe ich sie nicht als Rivalitätsveranstaltung zweier politischer Systeme: West und Ost betrachtet." Genscher weiter: "Es mag damit zusammenhängen, dass ich aus Halle an der Saale stamme, aber ich habe mich über eine Goldmedaille für eine Sportlerin oder einen Sportler aus Halle oder einem anderen Ort der DDR genauso gefreut wie über eine Goldmedaille für eine westdeutsche Sportlerin oder einen westdeutschen Sportler. Dass ich unseren Sportlerinnen und Sportlern große Erfolge gewünscht habe, gerade bei Spielen, die in Deutschland stattfinden, dürfte eine Haltung gewesen sein, die für nahezu alle Deutschen zutraf."

In Genschers Amtszeit als Bundesinnenminister wurde das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) gegründet. An diesem liefen die Fäden für umfangreiche Tests mit zahlreichen leistungsfördernden Substanzen zusammen - von Anabolika über Testosteron und Östrogen bis zum Blutdopingmittel Epo. 516 Forschungsvorhaben sind in der Studie "Doping in Deutschland" gelistet. Schon in den frühen siebziger Jahren wurden über das BISp, das dem Bundesinnenministerium untersteht, jährlich zirka eine Million Mark Forschungsmittel an die Sportmedizin ausgeschüttet.

Auch gegen den Eindruck, auf diesem Gebiet sei ihm etwas vorzuwerfen, setzt Genscher sich zur Wehr: "Was die Verwendung von Haushaltmitteln für die Sport- förderung angeht, so wurde und wird darüber vom Deutschen Bundestag mit dem Haushaltsgesetz entschieden. Die Durchführung entsprechend dieser Entscheidung liegt, soweit sie über das Bundesinstitut laufen, bei diesem. Ihre dem Gesetz entsprechende Verwendung unterliegt der Kontrolle des Bundesrechnungshofes", schreibt er.

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