Hannovers Coach Tayfun Korkut Nicht ganz so bekannt wie Löw

Man tritt Tayfun Korkut nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er auch nach zehn Monaten in der Bundesliga nicht ganz den Bekanntheitsgrad von Del Bosque, Parreira oder Löw erreicht hat. Wahrscheinlich liegt er da eher im Bereich von Zinnbauer und Breitenreiter. Das könnte damit zusammenhängen, dass Korkut seinen Job bislang weder auffallend erfolgreich noch auffallend erfolglos erledigt. Und dass er, den Worten Del Bosques folgend, meist nur dann redet, wenn er etwas zu sagen hat.

Es könnte aber auch schlichtweg damit zu tun haben, dass er in Hannover arbeitet, in jener Stadt, die seit ihrer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1150 n.Chr. nach einem Image sucht. Und wenn in Hannover dann doch mal etwas Interessantes passiert, dann geht es im Rest des Landes meistens unter. Zum Beispiel, dass der örtliche Bundesligist einen jungen Coach hat, der sich an drei Weltmeistertrainern orientiert. Der eher aus dem Überall zu kommen scheint als aus dem Nichts.

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Korkuts Eltern stammen aus Bulgarien. Als die Balkantürken im Sozialismus dort zunehmend unterdrückt wurden, wanderten sie erstmals aus. In die Türkei, nach Izmir. Von dort ging es bald weiter nach Stuttgart. Dort wurden in den Sechzigerjahren Gastarbeiter gesucht. "Mein Vater hat sich beworben, weil er sich ein amerikanisches Auto kaufen wollte. Der Plan war: Arbeiten, Geld verdienen, sich das Auto kaufen und wieder zurück fahren", erzählt Korkut. Aus dem Auto wurde eine Ewigkeit.

Korkut wird manchmal auch als der "zweite türkische Bundesligatrainer bezeichnet". Der erste war Özkan Arkoc, der 1977/78 kurz den HSV betreute. Arkoc wurde im türkischen Hayrabolu geboren, später machte er in Hamburg eine Kneipe auf, in der er ein damals exotisches Gericht namens Döner verkaufte. Korkut wuchs in Ostfildern auf, das liegt nicht in der Türkei. Wenn er Deutsch spricht, klingt eher das Schwäbische als das Türkische durch.

Sein erster Profiklub waren die Stuttgarter Kickers. Die Zeit bei Fenerbahce in Istanbul bezeichnet er als "meine erste Auslandsstation". Später spielte er im Baskenland bei Real Sociedad, dort lernte er seine Frau Elena kennen. Korkuts Kinder wachsen dreisprachig auf: Spanisch, Deutsch und Türkisch.

Da stellt sich schon die Frage, ob es sich hier wirklich um den zweiten türkischen oder nicht eher um den ersten transnationalen Bundesligatrainer handelt. "Ich kann im Moment nicht sagen, wo meine Heimat ist, dafür bin ich zu viel unterwegs gewesen", sagt Korkut. Seine Biografie ist so außergewöhnlich wie unsere Zeit. Sie ist Ausdruck einer Welt, in der zunehmend die Grenzen verschwimmen.

Im Kader von Hannover 96 stehen derzeit Spieler mit 14 verschiedenen Migrationshintergründen. Das ist also auch so eine Art transnationale Patchwork-Familie, die Tayfun Korkut da betreut. Es muss kein Nachteil sein, dass er sich in vier Sprachen unterhalten kann und dass er weiß, wie es sich anfühlt, in der Fremde anzukommen. Er weiß allerdings auch, dass man ihn, den Berufsanfänger, am Ende nicht nach seiner interkulturellen Kompetenz bewerten wird, sondern zum Beispiel danach, ob er vielleicht auch mal irgendwann ein Auswärtsspiel gewinnt.

An diesem Samstag spielt Hannover in München beim FC Bayern, da denkt man natürlich an Xabi Alonso. An 206 Ballkontakte. Jeder Trainer, der sein Team auf ein Spiel in München vorbereitet, muss sich derzeit mit dem roboterhaften spanischen Ballverteiler beschäftigen. Alles andere wäre fahrlässig. Und Tayfun Korkut tut das natürlich auch, auf seine Weise.

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Er kennt Alonso besser als jeder andere Bundesligatrainer. Die beiden haben in den frühen Nullerjahren zusammen im Mittelfeld von Real Sociedad gespielt. Alonso als junger Berufsanfänger, Korkut als sein erfahrener Nebenmann. "Man hat schon damals gesehen, dass das bei ihm in die richtige Richtung gehen wird", sagt Korkut. Wie dieser Xabi Alonso so ansatzlos zur dominanten Figur im Bayern-Spiel werden konnte? Dank seinem klaren Spiel und der unfassbaren Passsicherheit, klar.

Aber auch dank seiner vielen Einflüsse aus San Sebastian, Liverpool, Madrid und München, meint Tayfun Korkut: "Er hat andere Kulturen kennengelernt, andere Fußballarten, und jetzt lernt er halt noch mal schnell eine neue kennen." Solche Leute, glaubt Korkut, können auch mal aus dem Nichts heraus eine Chefrolle übernehmen.


Quelle: Opta Sportdaten

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