Hannover 96 Wacklige Knie

Auftrag Ligaerhalt: Nicolai Müller beim Testspiel gegen NEC Nijmegen während des Trainingslagers mit Hannover 96 in Marbella.

(Foto: Harry Langer/DeFodi/imago)

Leihspieler Nicolai Müller bringt nach vier Jahren beim Hamburger SV eine Menge Erfahrung im Abstiegskampf mit nach Hannover - aber seine fragile Physis gibt Anlass zur Skepsis.

Von Jörg Marwedel, Hannover

Eine gewisse Berühmtheit hat Nicolai Müller, 31, im August 2017 erlangt. Er hatte in der achten Minute das 1:0-Siegtor für den Hamburger SV gegen den FC Augsburg erzielt, ehe er sich beim Jubel an der Eckfahne das Knie verdrehte. Die Diagnose war niederschmetternd: Müller hatte sich einen Kreuzbandriss zugezogen und fiel fast bis zum Saisonende aus. Viele in Hamburg sagen, die Verletzung des Offensivspielers habe den HSV die erste Liga gekostet. Neuerdings hat der gebürtige Unterfranke einen ähnlichen Auftrag wie in der Hansestadt: Diesmal soll er Hannover 96 vor dem erneuten Gang in die zweite Liga bewahren - vorausgesetzt, Muskeln und Gelenke halten.

Müller soll den Angriff des Tabellenvorletzten so beleben, dass mehr als jene 17 Tore herauskommen, die 96 in der Vorrunde erzielte. Trainer André Breitenreiter, der am liebsten eine halbe neue Mannschaft geholt hätte, ist jedenfalls von der Qualität des Neuen überzeugt: "Nico ist offensiv variabel einsetzbar." Das heißt: sowohl auf der Außenbahn, als Sturmspitze oder auch als Zehner. Er dürfte zum Zug kommen, denn der etatmäßige Stürmer Niclas Füllkrug wird wohl den Rest der Saison verpassen - und seit neustem ist auch ein anderer Hoffnungsträger weg: 96 muss im Abstiegskampf mehrere Wochen auf Offensivspieler Ihlas Bebou verzichten. Der 24-Jährige zog sich bei seinem Comeback im Testspiel am Mittwoch gegen den belgischen Erstligisten Zulte Waregem (3:3) nach knapp 20 Minuten eine Muskelverletzung zu und wird sechs bis acht Wochen ausfallen.

So liegt es auch an Müller, seine Erfahrung einzubringen. In seinen vier Jahren in Hamburg hat er vor allem eines mitgemacht: Abstiegskampf. Oder, wie er es sagt: "Beim HSV habe ich gelernt, dass es nie zu spät ist, es gibt immer eine Chance." Mit der Ausnahme 2018 freilich, als Müller fast komplett fehlte und der sogenannte "Dino" das erste Mal die Bundesliga verlassen musste.

Die Eltern pendelten für ihn 230 000 Kilometer

Wobei: Irgendwie fühlt er sich noch immer ein bisschen wie beim HSV. Gleich drei weitere ehemalige Hamburger spielen jetzt bei 96, das im Übrigen mit vollem Namen Hannoverscher Sportverein von 1896 (also auch HSV) heißt: Matthias Ostrzolek, Walace, der ihm damals die Vorlage zum Tor beim Sieg gegen Augsburg gegeben hatte, und Bobby Wood. Der Stürmer, der bei 96 bislang so wenig überzeugen konnte wie zuletzt beim HSV, könnte in der Tat von seinem früheren Mitspieler profitieren - von dessen Ruhe im gegnerischen Strafraum und seinem Blick für besser stehende Kollegen.

Dass Müller nun auf Leihbasis für die Niedersachsen spielt, hat aber irgendwie auch noch mit seiner Verletzung zu tun. Er hat es nicht geschafft, sich in der aufstrebenden Elf von Eintracht Frankfurt einen Stammplatz zu ergattern. Nicht nur, weil ihm das "Trio Infernale" mit Luka Jovic, Sébastien Haller und Ante Rebic den Weg verbaute (und dahinter noch Gacinovic stand.) Auch, weil ihm seit seiner Genesung noch immer die Spritzigkeit fehlte, die ihn früher sogar zum zweimaligen Nationalspieler aufsteigen ließ. Nur sieben Kurzeinsätze in der Bundesliga stehen für die Eintracht zu Buche, dazu vier Europa-League-Nominierungen. Und auch bei der 1:2-Pleite im DFB-Pokal in Ulm stand er inklusive Nachspielzeit bloß 18 Minuten auf dem Platz.

Beim Testspiel gegen Waregem musste er passen - das Knie zwickte

Das war eine große Enttäuschung für Nicolai Müller, denn die Eintracht ist seit seiner Jugend sein Lieblingsklub. Dort spielte er schon, als er elf Jahre alt war. Mit 16 wurde er dann in Frankfurt nicht mehr gefördert, weil er nicht kräftig genug war. Deshalb zog er zur Ausbildung weiter zur SpVgg Greuther Fürth. Er hat einmal erwähnt, dass ihn seine Eltern von Würzburg aus insgesamt 230 000 Kilometer zu seinen Trainingsterminen gefahren haben. Sie wollten nicht, dass ihr Sohn in diesem Alter in einem Internat wohnt.

Inzwischen ist Nicolai Müller selbst Vater von Zwillingen. Die Familie zieht für das zunächst vorgesehene knappe halbe Jahr wieder nach Hamburg, wo sie noch immer eine Wohnung hat. Müller hat noch einen Vertrag bei der Eintracht bis 2020. Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic erhofft sich, dass Müller in Hannover die Spielpraxis bekommt, die ihn dann auch für die Eintracht noch einmal attraktiv machen könnte. Viel hängt dabei aber von der Gesundheit Müllers ab. Beim Trainingslager in Marbella musste er in der vergangenen Woche auf einen Einsatz im Testspiel gegen Zulte Waregem verzichten, das Knie machte ihm zu schaffen. Am Sonntag beim nächsten Test gegen den niederländischen Erstligisten Heracles Almelo soll er aber dabei sein. Man kann nur für Hannover 96 hoffen, dass der geliehene Hoffnungsträger künftig von seinen früheren Miseren verschont bleibt - sonst sieht es schlecht aus für den geplagten Tabellenvorletzten, der am kommenden Samstag gegen Werder Bremen in die Rückrunde startet.