Thomas Doll bei Hannover 96 Ich-Ich-Ich-Analysen in der Endlosschleife

Selten zuversichtlich, häufig zerknirscht: Hannovers Trainer Thomas Doll.

(Foto: dpa)

Als Spieler war Thomas Doll für sein Feingefühl gefürchtet - als Trainer hat er sehr viel davon verloren. Er hätte sich vorher informieren können, ob ein Klub wie Hannover 96 zu seinem Karriereplan passt.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Als Spieler war Thomas Doll gefürchtet für sein Feingefühl. Wie nur wenige war er gesegnet mit dem Instinkt für den richtigen Augenblick. Doll wusste, wann man abspringen muss, zudem schien er über Federbeine zu verfügen - mit nur 1,75 m ist seine Körpergröße angegeben, trotzdem galt Doll als Kopfball-Spezialist. Er war in Höhen unterwegs, in denen die Adler neidisch werden, auch wenn in jener Zeit ein anderer die noch bessere Flugshow bot: Karl-Heinz "Air" Riedle. Einige wenige Male traten der 1,79-m-Allgäuer und der Ost-Berliner Doll in den Nach-Wende-Jahren sogar als deutsch-deutscher Doppeldecker an.

Seither aber scheint Doll, 52, sehr viel vom Gefühl für den passenden Moment verloren zu haben. Seine neue Mannschaft fliegt vom ersten Tag an nicht: 0:3, 2:0 (Sieg gegen Nürnberg), 0:3, 0:3, 1:5 lautet die negative Ergebniskette seit seinem Amtsantritt bei Hannover 96. Fast jedes Statement klingt seither wie ein mal mehr, mal weniger scharf formuliertes Misstrauensvotum gegen einen Kader, zu dessen Übernahme Doll - so weit bekannt - nicht gezwungen werden musste.

Jeder in Hannover wähnt sich im falschen Film

Auch am Sonntag bestand kein Mangel an Vokabeln fürs Erlebte: "Wahnsinn", "Grottenkick", "Angsthasenfußball". Das mag in der Sache ehrlich und nicht falsch sein, nur wem hilft es, wenn dies öffentlich ständig wiederholt wird? Steigert es die Laufbereitschaft, die Gruppendynamik, wenn man täglich zu hören und lesen bekommt, dass man das, was man da tut, doch eigentlich eher gar nicht kann? Derweil der Verantwortliche in seinen Ich-Ich-Ich-Analysen aus der Endlosschleife immer weiter auf Distanz driftet? Originalton Doll: "Ich hatte mir meine Rückkehr in die Bundesliga anders vorgestellt." Und: "Wenn es besser für den Klub wäre, wäre ich der Erste, der die Tasche packt und sagt: Macht es ohne mich." Denn: "Mir geht die Situation total auf den Sack."

Da ist er nicht allein, denn inzwischen denkt in Hannover wohl fast jeder, er sei im falschen Film. Neben Nürnberg drängen sich die Niedersachsen für den Abstieg auf. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hätten sie es billiger haben und bei André Breitenreiter, 45, belassen können. Der war wie Doll ein Stürmer, doch eher einer von der bodenständigen Art.

Zur fürstlich honorierten Trainerpflicht zählt es, sich vor Arbeitsantritt zu informieren. Man kann ja auch ablehnen mit der Begründung, so ein Job mit einem personell wie konditionell darbenden Team passe nicht zum Karriereplan. Wer aber ein Himmelfahrtskommando übernimmt, muss sich einlassen, identifizieren und sollte nicht jedes 0:3 als Beleidigung der eigenen Würde beklagen.

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