Hannover 96 Der Chauffeur steigt aus

Dieter Schatzschneider, 60.

(Foto: Christian Schroedter/imago)
  • Dieter Schatzschneider, Rekord-Torschütze von Hannoveer 96, mag nicht mehr Mitglied sein - weil fünf Kritiker von Vereinspatron Martin Kind nun den Aufsichtsrat des Stammvereins bilden.
  • Langsam wird deutlich, dass der Riss, der sich durch den Fußball-Bundesligaklub zieht, seit der Mitgliederversammlung noch tiefer geworden ist.
Von Carsten Scheele, Hannover

Dieter Schatzschneider, 60, ist nicht nur Talentscout bei Hannover 96, er hat einen noch wichtigeren Job: Vor den Spielen agiert er häufig als Chauffeur für den Vereinspatron Martin Kind. Doch nun ist "Schatz" ausgetreten. Der erfolgreichste Torschütze, den der Klub je hatte, mag nicht mehr Mitglied sein. Grund ist nicht etwa die Abmahnung, die er für seine forsche Kritik an Manager Horst Heldt erhalten hat; betrübt hat ihn die kürzlich erfolgte Machtübernahme durch die Fanszene. Den Aufsichtsrat des Stammvereins bilden jetzt fünf Vertreter der Opposition, die Kinds Vereinsführung scharf kritisieren. "Dafür bin ich nicht zu haben", sagt Schatzschneider resolut. Scout und Chauffeur möchte er bleiben, Mitglied nicht.

Langsam wird deutlich, dass der Riss, der sich durch den Fußball-Bundesligaklub zieht, seit der Mitgliederversammlung noch tiefer geworden ist. Die bisherige Opposition mag zwar künftig etwas geräuschloser agieren, doch verdiente Mitarbeiter treten aus. Auch Kind hat erkannt, dass er kämpfen muss. Als Präsident ist er abgetreten, sein Nachfolger Sebastian Kramer, auch ein Kritiker der "50+1"-Politik, mit der Kind als Hauptinvestor die komplette Macht über die ausgegliederte Profimannschaft erlangen möchte, wird demnächst vereidigt. Geschäftsführer der Profis will Kind, 74, zwar bleiben, er muss sich dabei aber vom oppositionsgeführten Aufsichtsrat kontrollieren lassen. Kurz nach der Wahl hat Kind seiner Gegnerschaft noch gratuliert; die Opposition habe "überzeugend gewonnen; herzlichen Glückwunsch dazu!" Da wirkte Kind ansatzweise demütig. Doch schnell hat er die Bissigkeit in seinen Worten wiederentdeckt.

Das bekam zunächst Trainer Thomas Doll zu spüren, dem Kind trotz bisheriger Erfolglosigkeit (sieben Spiele, sechs Niederlagen) den möglichen Neuaufbau in der zweiten Liga anvertrauen wollte. Das Testspielfiasko beim Zweitligisten Arminia Bielefeld (0:5) hat die Stimmung bei Kind allerdings kippen lassen. Das Bundesligaspiel in Stuttgart sei "desaströs" verlaufen; "dass die Leistung beim Test in Bielefeld noch schlechter war, ist schon außergewöhnlich", moserte Kind. In der Bild-Zeitung stellte er fest, dass weder Trainer-Vorgänger Breitenreiter, noch Doll "das Leistungspotenzial der Mannschaft ausschöpfen". Das Ergebnis gegen den FC Schalke am Sonntag will Kind noch abwarten.

Fehdepfeilchen in Richtung des neuen Aufsichtsrats

Auch in Richtung des neuen Aufsichtsrats samt des Vorstands flogen erste Fehdepfeilchen. Das deutet darauf hin, wie schwer es wird, die kommenden Wochen bei Hannover 96 ansatzweise harmonisch zu gestalten. Er warte "gelassen ab. Man kann miteinander reden, muss aber nicht", erklärte Kind dem Sportbuzzer. Ob es eine Basis zur Zusammenarbeit gebe? "Wenn nicht, geht man halt getrennte Wege", sagte Kind, der laut eigener Aussage in ein bis zwei Jahren als Geschäftsführer aufhören und in den Aufsichtsrat wechseln werde.

Jedoch sicher nicht, ehe die "50+1"-Frage in Hannover final beschieden wurde. Da sieht sich Kind weiter als der Mann, der die Richtung vorgibt. Die Grundsatzfrage lautet, ob Kind als langjähriger Investor die Stimmenmehrheit an der GmbH übernehmen darf. Der Fall liegt beim Ständigen Schiedsgericht der Deutschen Fußball Liga, eine Entscheidung wird erwartet. Kind warnte seine Kritiker vorsorglich vor zu viel Einflussnahme in seinen Bereich. Es gebe "ein Profifußball-Unternehmen und einen eingetragenen Verein", so Kind, diese Trennung sei wichtig. Der "worst case" sei ohnehin, wenn der Aufsichtsrat ihn als Geschäftsführer abberufen würde. Kind traut nur sich selbst zu, den Betrieb akkurat zu lenken: "Wir wollen in der ersten Liga spielen, nicht in der vierten."

Dass Kind seinen Weg einfach weiterbeschreiten kann, schließt die Opposition dagegen aus. Der designierte Präsident Kramer hat bereits Kontakt mit der DFL aufgenommen, um auszuloten, ob es möglich ist, den Antrag einzusehen, den Kind im Alleingang eingereicht hat. Und ob dieser unter Umständen zurückgezogen werden kann. Klar ist: Der neue Aufsichtsrat und Kramer sind angetreten, um "50+1" in Hannover zu erhalten. Kind möchte bekanntlich genau das Gegenteil.

Wenn einer mit ihm auf Augenhöhe in den Dialog treten kann, dann vermutlich am ehesten Carsten Linke, früher "Fußballgott", Kapitän und Manager bei Hannover 96. Linke sitzt ebenfalls als Kritiker im neuen Aufsichtsrat, hat Kind aber am lautesten für seine Verdienste gelobt. Dieser habe über die Jahre "fantastische Arbeit" geleistet. Diese Worte sind bei Kind vermutlich angekommen. In Schatzschneiders Auto wäre auf dem Weg zum Schalke-Spiel vielleicht noch ein Plätzchen frei.

Bundesliga Schlappe für Kind - die Opposition siegt

Hannover 96

Schlappe für Kind - die Opposition siegt

Umsturz bei Hannover 96: Die Opposition übernimmt den Aufsichtsrat des Vereins. Für Martin Kind, der weiter gegen die 50+1-Regelung kämpft, wird es ungemütlich.   Von Carsten Scheele