Hannover 96 Null zu fünf

Wahrscheinlich war seine Rede nicht überzeugend genug: Martin Kind hat an Macht eingebüßt.

(Foto: Oliver Vosshage/dpa)

Historischer Moment: Der Klub wählt einen Aufsichtsrat, der ausschließlich aus Kritikern von Martin Kind besteht. Der Haupt-Investor muss sich künftig mit einer Opposition arrangieren, die ihn sogar abberufen könnte.

Von Carsten Scheele, Hannover

Martin Kind wollte das Gespräch mehrfach beenden, raus aus der Halle, rein in die Privatsphäre. Und doch redete er weiter. Gab Antwort um Antwort, als könne er noch irgendwie die Deutungshoheit zurückerlangen, die ihm an diesem Abend abhandengekommen war. Kind, bald 75 Jahre alt, hat am Wochenende ein Stück seines Vereins verloren. Er hat nicht nur nach mehr als 20 Jahren sein Präsidentenamt bei Hannover 96 abgegeben - der Hörgeräte-Unternehmer sieht sich künftig auch einem fünfköpfigen Aufsichtsrat gegenüber, der aus fünf Kritikern seiner Vereinspolitik besteht. Seine übrigen Ämter will Kind zwar behalten: Als Geschäftsführer der ausgegliederten Profigesellschaft (sowie mehrerer Untergesellschaften) und als Haupt-Investor ist er nun allerdings gezwungen, mit der bisherigen Opposition zusammenzuarbeiten. "Das wird jetzt sicher nicht einfach", gab Kind zerknirscht zu. Er sah ziemlich mitgenommen aus.

Wenige Minuten zuvor hatte in der alten Stadionsporthalle am Maschsee eine Stimmung wie in der Fan-Kurve geherrscht. "Oh 96 olé, du wirst niemals untergehen", sang die Mehrheit der rund 2000 Mitglieder, die gegen Martin Kind votiert hatten; die sich jahrelang am allmächtigen Präsidenten abgearbeitet hatten und ihm nun endlich eine Niederlage beibringen konnten. In einem der schärfsten Vereinskonflikte der Liga haben sich die Fans ein Stück ihres Vereins zurückerobert - und 96 zugleich einen gewaltigen Umbruch zugemutet: Im selben Jahr, in dem der stark abstiegsgefährdete Klub womöglich den Neubeginn in der zweiten Liga organisieren muss, ändert sich die strategische Ausrichtung komplett.

Kind hatte seine Arbeit zuletzt sehr auf den Wegfall der 50+1-Regel konzentriert

Für Kind beginnt nun eine schwere Zeit bei 96: Er hat den Verein seit 1997 aus der Regionalliga heraus zu einem etablierten Bundesligisten gemacht, der sogar zweimal im Europapokal spielte. Nun sieht er sich erstmals innerhalb der Gremien einer starken Gegnerschaft gegenüber. 0:5 hieß es am Ende der Aufsichtsratswahl, genau so endete übrigens für die Profis am Freitag ein relativ desaströses Testspiel beim Zweitligisten Bielefeld; kein einziger der Kandidaten, der Kind genehm gewesen wäre, schaffte es ins Gremium, das nun auch den neuen Vereinspräsidenten bestellen wird. Dies wird Sebastian Kramer sein, bisheriger Aufsichtsrat und früherer Fanbetreuer, der Kind noch am Abend das Angebot zur Zusammenarbeit machte.

Er werde "keinem Gespräch aus dem Weg gehen", sagte Kramer, der Kind seit 20 Jahren kennt und nach eigenen Angaben ein gutes Verhältnis zu ihm hat. Kramer sagte aber auch: "Wir wollen alle Mitglieder mitnehmen, das ist genau das, was in der Vergangenheit nicht passiert ist."

Alleingänge, mangelnde Transparenz, wenig Demokratieverständnis - all dies wurde Kind zuletzt vorgeworfen. Insbesondere, was seinen Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel angeht, den Kind bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gestellt hat. Als Haupt-Investor, der den Verein seit mehr als 20 Jahren gefördert hat, will er die Mehrheit an der Profigesellschaft übernehmen, der Stammverein würde seinen Einfluss verlieren. Kritische Stimmen hat Kind gerne ignoriert, ebenso ein Mitgliedervotum - was ihm nun in der geballten Ablehnung auf der Mitgliederversammlung entgegen schlug. Für seine Kritiker, die sich in der Interessensgemeinschaft "Pro Verein 1896" organisiert hatten, ist es ein großer Sieg: Sie haben das Kontrollgremium übernommen, das sogar berechtigt ist, Kind als Geschäftsführer der Profigesellschaft abzuberufen, wenn er weiter Alleingänge fährt (auch wenn dies zunächst keine Option sein soll).

Kinds 50+1-Antrag liegt aktuell beim Ständigen Schiedsgericht der DFL; der erste Weg des neuen Vorstandsteams um Kramer wird also nach Frankfurt gehen, um auszuloten, wie der DFL-Entscheid ausfallen könnte. Es wäre ja ein durchaus bizarres Szenario, würde die DFL just in dem Moment, da in Hannover die 50+1-Kritiker den Klub übernehmen, Kinds schon einmal abgelehnten 50+1-Antrag doch noch positiv bescheiden. "Wir haben die Hoffnung, dass das Schiedsgericht unsere Entscheidung zur Kenntnis nimmt", sagte Kramer deshalb. Auch der Anwalt Ralf Nestler, der nach SZ-Informationen den Vorsitz im neuen Aufsichtsrat übernehmen soll, erklärte: "Dieses Votum kann die DFL nicht ungeachtet lassen."

Nestler wird das einzige Gesicht sein, das sowohl dem alten als auch dem neuen 96-Aufsichtsrat angehörte. Frisch hinein gewählt ins Gremium wurden Nathalie Wartmann, Lasse Gutsch, Jens Boldt und der frühere 96-Kapitän und Manager Carsten Linke, der die meisten Stimmen erhielt. Der Druck im Verein sei "immer größer geworden", berichtete Linke von den vergangenen Monaten, in denen sich Kind-Anhänger und Kind-Kritiker offen angegriffen hatten. Dieser Druck habe sich nun gelöst. "Ich hoffe, dass wir jetzt wieder gemeinsam an einem Strang ziehen können", so Linke. Doch das Wochenende hat auch zahlreiche Verlierer produziert.

Insbesondere Kind wird die erzwungene Zusammenarbeit schwer fallen. Er hat sein Wirken im Verein zuletzt sehr auf den Wegfall von 50+1 (zumindest in Hannover) ausgerichtet, war aufgrund seiner Machtfülle auch nie darauf angewiesen, Kompromisse einzugehen. Nun ist er zwar immer noch mächtig, als Geschäftsführer und Haupt-Investor kann er seinen Willen aber kaum mehr am designierten Präsidenten Kramer und am Aufsichtsrat um Nestler und Linke vorbeidrücken. Ein Szenario, das durch die Stadt geistert, ist deshalb, dass sich Kind ganz zurückziehen könnte, seine Anteile verkauft und 96 sich selbst überlässt. "Ich glaube nicht, dass er die Leine verlässt", sagte Kramer in der Hoffnung, dass Kind die neuen Verhältnisse akzeptieren wird. Denn das alte 96, das Martin Kind aufgebaut hat, gibt es nicht mehr.