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Mainz gegen Hannover:"Das ist eine Schwalbe! Das ist Wahnsinn!"

Hannover 96 - Spieler diskutieren in Mainz mit Schiedsrichter Robert Hartmann

Spieler von Hannover 96 bedrängen Schiedsrichter Robert Hartmann.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Beim 1:1 zwischen Hannover und Mainz kommt es zu kuriosen Szenen.
  • Dem Elfmeter zum Mainzer Ausgleich geht eine Schwalbe von Jean-Philippe Mateta voraus, der Videoschiedsrichter greift aber nicht ein.
  • Die Verantwortlichen von Hannover 96 wüten mit heftigen Worten, auch der Mainzer Trainer kann den Ärger verstehen.

Von Tobias Schächter, Mainz

Dass das schnöde 1:1 zwischen Mainz 05 und Hannover 96 am Sonntagabend so viele Geschichten lieferte, lag nicht am Sport. Das hatte Hannovers Trainer André Breitenreiter sofort nach dem Abpfiff gewusst und fand das: "schade". Denn immerhin, so Breitenreiter, habe seine Mannschaft in Mainz "gemeinsam gefightet" und "diszipliniert den Plan ungesetzt". Zwar bleibt die Lage weiter prekär für den Tabellenvorletzten, aber Breitenreiter wollte zumindest darauf hingewiesen haben, dass seine Elf eine klare Leistungssteigerung zeigte.

Doch selbst Breitenreiter redete nur kurz über das Sportliche, das an diesem bizarren Abend tatsächlich zu einer Randnotiz verkam. Die Auslegung des Videobeweises stand im Mittelpunkt der Debatte. Erst getestet und dann eingeführt, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, wird er immer noch zuweilen zum Ärgernis für alle Beteiligten. Am Samstag ließ die Kombination Robert Hartmann auf dem Feld und Patrick Ittrich vor dem Bildschirm beide Mannschaften emotional verwirrt zurück.

Die abstiegsgefährdeten Hannoveraner ärgerten sich vor allem über jene Szene in der 86. Minute, als Schiedsrichter Hartmann auf Elfmeter für Mainz entschied. Dabei hatte sich der Mainzer Stürmer Jean-Philippe Mateta beim Eindringen in den Strafraum, bedrängt von Hannovers Matthias Ostrzolek, schlicht fallen lassen. Der Videoassistent in Köln, "in Patrick Ittrich immerhin ein Bundesligaschiedsrichter", wie 96-Trainer Breitentreiter fassungslos bemerkte, meldete sich aber nicht; Daniel Brosinski verwandelte den Strafstoß zum 1:1 für Mainz. Für 96 war der Ausgleich ganz bitter, sie bleiben so auch im 19. Auswärtsspiel in Serie ohne Sieg und die Lage bleibt mit nur zehn Punkten weiter angespannt.

Direkt nach dem Abpfiff wetterte 96-Manager Horst Heldt in die Sky-Kamera: "Das ist eine Schwalbe! Das ist Wahnsinn, das nicht zu sehen. Das ist nicht mehr akzeptabel, der ganze Scheiß." Nachdem Heldt mit dem Schiedsrichter in der Kabine gesprochen hatte, erklärte er dann: "Der Schiri ist genau so niedergeschlagen wie wir. Der Schiedsrichter auf dem Feld darf Fehler machen. Was aber einfach nicht funktioniert, ist der Ablauf der Korrektur." Was die Hannoveraner zusätzlich auf die Palme brachte, war, dass Hartmann in der ersten Halbzeit vom Videoassistenten aufgefordert wurde, das Spiel zu unterbrechen und sich Bilder eines vermeintlichen Handspiels von 96-Abwehrspieler Kevin Wimmer anzusehen. Dabei hatte sich Wimmer beim Abwehrversuch den Ball unabsichtlich an die Hand geköpft, ein aussichtsreicher Konter von Hannover wurde unterbrochen. "Da soll er die Klappe halten", wetterte Heldt über den Videoassistenten.

Immerhin einmal aber meldete sich Videoassistent Ittrich an diesem irren Abend zu Recht: Beim vermeintlichen 2:1-Siegtreffer stand der eingewechselte Torschütze Anthony Ujah (90. + 4) tatsächlich im Abseits. Die Mainzer feierten aber bereits wie nach einem Pokalsieg, Torschütze Ujah feuerte sein Trikot im Rausch der Gefühle auf den Boden - und bekam eine gelbe Karte. Wohlgemerkt: Eine gelbe Karte für einen sanktionierten Jubel nach einem Tor, das dann gar nicht zählte. Dieser Abend trieb wirklich absurde Blüten.

Schiedsrichter Hartmann hatte zudem zehn Minuten nachspielen lassen, weil er die Partie kurz nach der Halbzeit für einige Minuten hatte unterbrechen müssen. Anhänger von Hannover hatten Rauchfackeln gezündet und die Sicht im Stadion so eingeschränkt. Die eigenwillige Deeskalationsstrategie des Mainzer Stadionsprechers Klaus Hafner darf dabei nicht unerwähnt bleiben. Hafner nannte die Zündler "armselige Kreaturen" und empfahl "den Vernünftigen im Block", den Pyromanen die "Fackeln abzunehmen und denen diese in den Hals zu schieben". Doch das nur am Rande.

Die Verwirrung durch den Videoassistenten war in diesem Spiel jedenfalls gefühlt größer, als ohne ihn. In Mainz erzählte 96-Profi Matthias Ostrzolek hinterher, Mateta habe auf dem Platz zugegeben, dass es kein Foul gewesen sei in der Situation, die zum Elfmeter führte. Allerdings verschickte Mainz 05 hinterher eine Pressemitteilung mit einem Zitat Matetas, in dem der Franzose erklärte: "Es war keine Schwalbe - es gab einen Rempler und ich war im Lauf. Ich habe mich nach dem Spiel von den gegnerischen Spielern per Handschlag verabschieden wollen - ich kann mich nicht für eine Schwalbe entschuldigen, die keine war."

Diese Sicht auf die Situation hat Mateta allerdings mit Videoschiedsrichter Ittrich exklusiv. Die TV-Bilder zeigen: Wenn es überhaupt einen Kontakt gegeben hat, dann fiel Mateta sehr, sehr leicht und sehr, sehr spät. Selbst der Mainzer Trainer Sandro Schwarz konnte den Ärger der Hannoveraner verstehen, betonte aber auch: Im Zeitalter der Videotechnik könne nicht der Spieler derjenige sein, der für vermeintliche Gerechtigkeit sorgt. Das müssten die Herren Unparteiischen dann schon selber hinbekommen. Kollege Breitenreiter klagte scharf: "Wenn wir diese Situation im Keller in Köln nicht als Schwalbe bewerten, dann ist das nicht mehr gerecht, dann müssen wir den Videobeweis abschaffen."

© Sz.de/schm
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