Hannover 96 Zumindest die Ultras singen wieder

Unter Druck: Hannovers Vorstandschef Martin Kind.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Die Opposition gegen die Pläne von Vorstandschef Martin Kind wird immer stärker - nun droht bei Hannover 96 der Verlust seiner Unterstützer im Aufsichtsrat.

Von Jörg Marwedel, Hannover

Sogenannte Netzreaktionen muss man nicht überbewerten. Aber die Empörung war schon massiv, als der Vorstand von Hannover 96 am Montag eine außerordentliche Mitgliederversammlung ablehnte, obwohl die Interessengemeinschaft "ProVerein 1896" mit 1310 Stimmen (notwendig wären 1145 gewesen) das größte Votum der Vereinsgeschichte abgehalten hatte. 1310 Stimmen für "mehr Demokratie", wie es der oppositionelle Aufsichtsrat Ralf Nestler ausdrückte. Einer schrieb, die Verweigerung dieser Versammlung sei eine "Vorstands-Diktatur", ein anderer, der Vorstandschef Martin Kind brächte "das Fass zum Überlaufen" und würde der Eskalation am Ende "nicht standhalten".

Natürlich gab es auch jene, die Kinds Verdienste hervorhoben. Einer hat den Gegnern vorgehalten, nicht zu erkennen, dass dieser aus einem "hoch verschuldeten Chaos-Verein" einen "etablierten Bundesligaverein" gemacht habe. Sonst würde 96 in der Regionalliga spielen. Dort, wo Kind den Klub 1997 übernommen hatte. Doch Kinds unerbittlicher Versuch, für Hannover die 50+1-Regel außer Kraft zu setzen (nach der im deutschen Fußball die Stammvereine die Mehrheit gegenüber Geldgebern behalten müssen) und Mehrheitseigner bei 96 zu werden, hat zu großer interner Opposition geführt. Derzeit ist kein Profiklub so zerstritten wie der Tabellenletzte.

Der Umgang untereinander ist alles andere als herzlich. Der Aufsichtsrat Nestler, Anwalt für Steuer- und Insolvenzrecht, hat nicht das Gutachten des Kölner Kollegen Paul Lambertz studieren können, das der Vorstand ein "unabhängiges Rechtsgutachten" nannte und das die außerordentliche Versammlung als "nicht statthaft" taxierte. Auch sonst ist Nestler von etlichen Informationen ausgeschlossen. Dass die Versammlung mit dem Argument abgelehnt wurde, sie koste den Klub 80 000 Euro, hält die Opposition für überzogen. Sie beziffert die Belastung auf wenige tausend Euro, darunter 100 Euro für Stimmzettel.

Wie sehr das vereinsinterne Klima gelitten hat, haben nicht nur Kind und Manager Horst Heldt beklagt. Nestler wirft Kind vor, die Einigkeit aufs Spiel zu setzen und mit seiner Sturheit "die Mannschaft im Stich zu lassen". Also ein klassisches Abstiegsszenario anzuzetteln, nur um irgendwann unabhängig von den Mitgliedern wichtige Entscheidungen treffen zu können. Die Profis könnten solche Auseinandersetzungen nicht völlig ausblenden. Es erschwere zudem, im Winter Verstärkungen zu holen. Die Gefahr für Kind, den mächtigen Geschäftsführer mehrerer 96-Töchter, den Einfluss zu verlieren, ist tatsächlich so groß wie nie.