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Hannover 96:Die Fans drohen und singen vom "Europapokal"

Hannover 96 - Horst Heldt und Martin Kind bei einer Pressekonferenz

Bei der Vorstellung von Horst Heldt (rechts) im März 2017 war Präsident Martin Kind noch optimistisch.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Horst Heldt, der schon zweimal gerne mit neuen Arbeitsplatzangeboten aus Hannover geflüchtet wäre, hätte es wie sein Kollege Christian Heidel machen können. Sein Nachfolger bei Schalke 04 hat ja nach dem 0:3 in Mainz seinen Abschied verkündet, weil unter anderem die Sommer-Transfers nicht gezündet haben und sein Klub der Abstiegszone entgegen taumelt - was Fans zu teils bösartigen Kommentaren verleitetet hatte. Heldt, seit Frühjahr 2017 Manager von Hannover 96, hat nicht erst nach dem 0:3 gegen Eintracht Frankfurt am Sonntag noch viel schlimmere Probleme. Auch Heldts Sommer-Zugänge schlugen nicht ein - und anders als Schalke ist 96 bereits seit Monaten auf einem Abstiegsplatz angekommen.

Auch ein "anderes Gesicht" der 96-Elf, wie es sich der neue Trainer Thomas Doll gewünscht hatte nach dem desaströsen 0:3 in Hoffenheim, reichte nicht gegen die noch vom betörenden 4:1 in der Europa League gegen Donezk ausgelaugten Frankfurter. Obwohl Hannover, so Heldt, lange Zeit "vorne gut gepresst und Ballgewinne gehabt" hatte, verlor der Bundesliga-Vorletzte "durch einen kleinen Fehler die Balance", analysierte der Manager, " schon gerätst du wieder in Rückstand". Diesmal war es Verteidiger Kevin Wimmer, der einen riskanten Pass ins Mittelfeld spielte, den die Frankfurter abfingen, woraufhin Ante Rebic ein Zuspiel von Luka Jovic zum 1:0 in der 54. Minute verwandelte.

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Danach war es vorbei mit dem "ebenbürtigen" Auftritt der Hannoveraner, den bis dahin Eintracht-Coach Adi Hütter gesehen hatte. Stattdessen passierte, was 96-Stürmer Henryk Weydandt später so beschrieb: "Es war wieder die Schublade der letzten Wochen - 50 bis 60 Minuten gut gespielt, aber nicht über 90 Minuten!" Doll sagte mit einem Rest von Humor: Er müsse sich nach dem dritten 0:3 im vierten Spiel unter seiner Regie erst an diese Art von Niederlagen "gewöhnen", denn Nullzudreis in Serie kenne er bisher nicht.

Der Präsident fände einen weiteren Abstieg "zum Kotzen"

Zudem hat Doll ein anderes Problem womöglich unterschätzt: die miese Stimmung zwischen den Hardcore-Fans und Martin Kind. Der Präsident fände zwar einen weiteren Abstieg "zum Kotzen", aber an seinen Plänen, die Anteilsmehrheit des Klubs zu übernehmen, hält er offenbar ebenso fest wie an dem Plan, mit Heldt im schlimmsten Fall erneut den Wiederaufstieg anzusteuern. Vor dem Spiel gab es wieder eine Spruchband-Demo. Auf einem Transparent stand, der Vorstand und Aufsichtsratschef Gerhard Schröder sollten die Koffer packen: "Sonst tun wir es für Euch!" - das klang wie eine Drohung. Das Team wurde mit "Europapokal"-Rufen verhöhnt. Wie soll vor diesem Hintergrund ein Abstiegskampf gelingen, zumal am 23. März die Opposition versuchen wird, bei der Mitgliederversammlung die Mehrheit im Aufsichtsrat zu übernehmen?

Bezeichnend war, dass Torwart Michael Esser erneut der beste 96er war. Schon in der 4. Minute fing er einen Heber des allein auf ihn zulaufenden Jovic ab, der später doch noch sein 15. Saisontor erzielte. Jovic setzte freistehend einen Kopfball zum 2:0 ins Netz, Kostic hatte perfekt geflankt.

Dass Stürmer Weydandt, vor vier Jahren noch in der Kreisliga und eigentlich für Hannovers zweite Mannschaft verpflichtet, einer der besten im roten Trikot war, zeigte die Misere ebenso. Weder Bobby Wood noch Jonathas, die zu den Spitzenverdienern gehören, zeigen auch nur einen Bruchteil jener Identifikation mit 96 wie Weydandt. Der 23-jährige BWL-Student fand zuletzt auch die Rügen des neuen Trainers gut: "Er hat uns hart kritisiert, seitdem gehen wir anders in die Zweikämpfe."

Trainer Doll setzt weiter auf alte Fußballweisheiten

Am Sonntag steht eine vorentscheidende Abstiegspartie beim VfB Stuttgart an. Der frustrierte Manager Heldt verweist darauf, dass es den anderen Abstiegskandidaten derzeit "auch nicht besser ergeht". Der forsche Weydandt wiederum gab ein gewagtes Versprechen ab: Man werde in Stuttgart "den Rucksack ablegen", der verhindert, dass man über 90 Minuten eine bundesligareife Leistung bringe. Doll versuchte, die positiven Aspekte des 0:3 hervorzuheben, als wolle er den Sportpsychologen ersetzen, dessen Hilfestellung er konsequent verweigert.

Ansonsten setzt Doll weiter auf alte Fußballweisheiten. Die Fehler müsse man abstellen, "sonst haust du dir am Ende Knüppel zwischen die Beine". Das Motto für den Abstiegskampf laute: "Der, der die wenigsten individuellen Fehler macht, bleibt in der Liga - und die anderen gehen duschen. So einfach ist das."

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