Hannover 96 Die zweite Ehe

Hannovers Manager Heldt entlässt erwartungsgemäß Trainer Stendel - aufsteigen will er mit André Breitenreiter, den er aus schwierigen Schalker Zeiten kennt.

Von Jörg Marwedel, Hannover

Nach Zwist auf Schalke wieder vereint: Manager Heldt (links) und Trainer Breitenreiter.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Kurios: An diesem Donnerstag trifft Hannover 96 in einem Freundschaftsspiel auf Schalke 04. Bei diesem Gegner standen noch in der Vorsaison die beiden wichtigsten neuen Mitarbeiter des Bundesliga-Absteigers unter Vertrag. Der eine arbeitet seit zwei Wochen für Hannover, der andere seit Montag: Manager Horst Heldt und Trainer André Breitenreiter. Letzterer hat soeben den freigestellten Daniel Stendel abgelöst. Der Wechsel beendete eine von der Klubführung betriebene mehrwöchige Demontage des umstrittenen Übungsleiters Stendel. Nach dem 0:0 am Samstag beim FC St. Pauli hatte dessen Coach Ewald Lienen das Verhalten gegenüber seinem Kollegen als "skandalös" bezeichnet. Heldt konterte: "Hannover 96 hat in dieser Saison ein Ziel: den direkten Wiederaufstieg. Diesem Ziel müssen wir alle Entscheidungen unterordnen."

Heldt wurde auch für diese Entlassung des Trainers von Klubchef Martin Kind eingestellt. Er sollte, wie er selbst nun sagte, "einen Reiz setzen". Und das sei während einer Länderspielpause am sinnvollsten, nachdem der Verein gerade auf Rang vier gestürzt ist und das Team nach der Winterpause kein überzeugendes Spiel mehr lieferte. Man habe es sich "nicht einfach gemacht", beteuerte Präsident Kind. Schließlich erinnerte man sich sehr wohl daran, dass der frühere Nachwuchscoach Stendel nach dem quasi feststehenden Abstieg unter seinem Vorgänger Thomas Schaaf nicht nur noch einige Erstliga-Punkte gesammelt hatte. Stendel hatte auch das zerrüttete Verhältnis zu den Fans mit seiner unbefangenen Art zum Teil repariert, weshalb selbst bei müden 96-Kicks von einigen Anhängern hin und wieder "Stendel, du bist der beste Mann" gerufen wurde.

Am Sonntag aber schlich Stendel nach dem Training durch einen Hinterausgang davon, während Kind, Heldt und der fürs Sportliche zuständige Aufsichtsrat Martin Andermatt stundenlang berieten. Vor allem musste noch die Vertragsauflösung zwischen Breitenreiter und Schalke 04 bewerkstelligt werden. Ob eine Ablöse fließt, wollte Heldt nicht verraten. Am nächsten Morgen teilte der Manager nicht nur Stendel seine Freistellung mit, sondern informierte auch die Mannschaft, Sponsoren und Mitarbeiter der Geschäftsstelle.

Dass Heldt und Breitenreiter, denen auf Schalke nicht das beste Verhältnis nachgesagt wurde, nun das Unternehmen Aufstieg angehen, kam für manche Branchenkenner überraschend. Doch so schlecht, wie teilweise beschrieben, war die Beziehung offenbar nicht. "Wie in einer guten Ehe" sei das Verhältnis zum Manager, sagte Breitenreiter einmal. Zu einer guten Ehe gehöre manchmal auch Streit; "Wir hatten eine Situation unter extrem schwierigen Bedingungen", sagte Heldt im Rückblick auf die Schalker Zeit. Man habe es nicht immer geschafft, eine gemeinsame Linie zu fahren. Aber man habe die Vergangenheit "intensiv besprochen". Da sei, ergänzte Breitenreiter, "nichts hängengeblieben". Als Heldt jüngst bei 96 anfing, habe ihm der Trainer eine SMS geschickt, und er sei ja "bei einem geilen Verein" untergekommen, verriet der Manager neulich.

Wie Stendel, der von 1999 bis 2006 Profi bei 96 war, hat auch der in Langenhagen bei Hannover geborene Breitenreiter eine lange Geschichte mit seinem "Heimatklub" 96. Er war im Aufgebot, als Hannover 1992 im DFB-Pokal den bisher letzten großen Titel errang. Und er wurde als 96-Profi 1993 zu Niedersachsens "Fußballer des Jahres" gewählt, bevor er 1994 vom Hamburger SV abgeworben wurde. Seine Trainerkarriere begann er 2011 in Havelse vor den Stadtmauern. Und dann kam jene furiose Phase beim SC Paderborn, die ihn 2014 zum Bundesliga-Aufstiegstrainer machte. An diese Zeit erinnerte sich Breitenreiter jetzt - das Wichtigste bei so einem Ziel sei es, in der Mannschaft "keine Zweifel aufkommen zu lassen". Man müsse vom Platzwart bis zum Trainer alle einschwören. Mit Paderborn sei man nicht die beste Mannschaft in der zweiten Liga gewesen, aber der "Glaube, es zu schaffen", der hätte allen Beine gemacht.

Nun möchte Breitenreiter mit dem Sportchef Heldt im zweiten Versuch etwas Nachhaltiges aufbauen, wie er sagt. Die 96-Entscheidung fühle sich "großartig" und "besonders" an. Aber natürlich weiß er auch, dass der Kumpel Heldt in diesem Geschäft fast so gnadenlos sein kann wie der Klubboss Kind. Schon bei seiner ersten Manager-Station beim VfB Stuttgart zeigte er, dass er sogar berühmte Trainer entlassen kann. Damals hatte sich Heldt nach nur drei Spielen vom weltbekannten Giovanni Trapattoni getrennt, weil er der Meinung war, dass dessen Spielstil nicht zum VfB passe. Installiert wurde Armin Veh, mit dem die Stuttgarter 2007 Meister wurden. Breitenreiter würde vorerst schon der Bundesliga-Aufstieg in seiner Heimatstadt reichen.