Hannover 96 Asano darf nicht mehr

Ein Sieg, acht Niederlagen: Trainer Thomas Doll hat Hannover 96 nicht wirklich auf Kurs gebracht.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

96 plant für die zweite Liga. Klubboss Martin Kind will nun "alle Fragen sehr offen und kritisch diskutieren". Eine erste Entscheidung bekommt der Japaner zu spüren.

Von Javier Cáceres, Wolfsburg

Es wäre falsch, zu behaupten, dass sie beim Abstiegskandidaten Hannover 96 gerade alle die Nerven verlieren. Martin Kind zum Beispiel, unanfechtbarer Klubboss, kam am Samstagabend in Wolfsburg aus dem Tunnel, der zum Spielfeld führt, und ignorierte die Mahnung eines Mitarbeiters, dass er doch eigentlich gar nichts sagen wollte nach diesem 1:3 beim VfL, mit dem sich 96 ein Pünktchen mehr von der Rettung entfernte und nun sieben Punkte vom Relegationsplatz entfernt ist. Nicht, dass er sich noch um Kopf und Kragen redet, sollte das wohl heißen. Doch nichts dergleichen geschah. Oder doch?

"Jooaah... entspannt", beschied der Patron des Tabellenletzten, als er nach seiner Gefühlslage gefragt wurde und formulierte einen bitteren Triumph: "Wir haben nun im Wesentlichen Planungssicherheit. Der Fußball geht weiter. Für uns leider in der zweiten Liga." Das bedeute: "Jetzt kann man alle Fragen sehr offen und kritisch diskutieren." Dies dürfte vor allem Horst Heldt betreffen. Er werde bald mit dem Manager sprechen, sagte Kind. Die Kommunikation zwischen den beiden muss zuletzt gelitten haben, es gibt offenkundig grundsätzlichen Aufklärungsbedarf. "Ich weiß nicht, wie er (Heldt; d. Red.) selber denkt, wie er diese Saison analysiert, wie er seine eigene Position jetzt und in Zukunft einordnet", raunte Martin Kind.

Wie zerrüttet das Verhältnis zwischen den einzelnen Kommandostrukturen bei 96 ist, lässt sich bestens an der Personalie Takuma Asano ablesen, der nicht mehr mitspielen darf. Der Grund: die verästelte Konstruktion seines Leihvertrags.

Eigentlich gehört Asano dem FC Arsenal; sollte der 24-jährige Japaner noch einmal auflaufen, würde eine Kaufoption aktiviert, die 96 einen Millionenbetrag kosten würde. Am Freitag erklärte Trainer Doll noch vollmundig, dass nur er für die Kaderplanung zuständig sei. Dann aber ruderte er zurück. Asano stand am Samstag nicht im Kader. Der Grund: Kind hatte schriftlich die Order hinterlegt, dass Asano nicht mehr spielen dürfe; unter impliziter oder expliziter Androhung von arbeitsrechtlichen Schritten, wie Manager Heldt andeutete. Doll blieb es vorbehalten, dem Japaner mitzuteilen, dass er ausgesperrt sei. "Das hat nichts damit zu tun, dass du als Trainer dein Gesicht verlierst. Der Verein Hannover 96 ist in dem Moment wichtiger als Thomas Doll." Sagte Doll. Er durfte sich immerhin über die Klassensolidarität seines Wolfsburger Kollegen Bruno Labbadia freuen: "Man neigt ja dazu, zu sagen, dass der Trainer enteiert wird. Das sollte man einfach mal lassen", fand der VfL-Coach.

Ähnlich argumentierte Kind. Der ganze Vorgang habe "mit dem Trainer nichts zu tun", sagte Kind. Mit der ihm eigenen Süffisanz erklärte er, sich "nicht ganz so sicher" zu sein, ob 96 mit Asano das Spiel gewonnen hätte; als Messias war der Japaner bisher nicht aufgefallen. Die Entscheidung sei "eine Frage der wirtschaftlichen Vernunft" gewesen - im Lichte eines Vertrages, den er "nicht ganz problemfrei" nannte. "Daraus muss man lernen. Solche Verträge sind nicht zu empfehlen", fügte er hinzu. Das wiederum war wohl auf Manager Heldt gemünzt, der wegen der übersichtlichen Finanzmittel, die ihm zur Kaderzusammenstellung zur Verfügung standen, zu Saisonbeginn auch zu kreativen Lösungen greifen musste, um Spieler an Land zu ziehen. Zum Beispiel zu Kaufoptionen.

All dies überlagerte letztlich das weitgehend unansehnliche Spiel. Zum Beispiel, dass 96 in Wolfsburg nach 30 Minuten durch Hendrik Weyandt in Führung gegangen war - und kaum eine Minute später den Ausgleich durch Renato Steffen (32.) kassiert hatte. Der kleineste Wolfsburger (1,70 Meter) sprang höher als der 96-Verteidiger Kevin Wimmer (1,87). "Groß gegen klein, das muss man anders lösen", fand Doll. Nach der Pause vergab Hannover zwei Großchancen durch Genki Haraguchi - und musste die Siegtreffer durch neuerlich Steffen (71.) und Jérôme Roussillon (78.) hinnehmen. Die Gratulation an den VfL ging Thomas Doll perfekt über die Lippen, "das bin ich ja schon gewohnt, die letzten Wochen, das ist nichts Neues", sagte er, nachdem er "Glückwunsch" herausgepresst hatte. In der Tat: Der Trainer Doll hat sein Team in neun Spielen zu einem Sieg und acht Niederlagen geführt.

Heldt wiederum tat etwas, worin er keine Übung hat: Entgegen seiner Gewohnheiten ging er in die Kurve, applaudierte den mitgereisten Fans. Für die Hilfe in Zeiten des Gewürges namens Abstiegskampf. Ein Abschied sei es nicht gewesen, sagte Heldt. Es sah aber so aus.