Hannover 96 Anlauf in den Abgrund

Ein Tor, das man gar nicht machen kann: Frankfurts Änis Ben-Hatira (hinten) erzielt das 1:0 gegen Hannover praktisch entlang der Torauslinie.

(Foto: Simon Hofmann/Getty Images)

Der 96-Abstieg ist einer mit Ansage. Aber auch Sieger Frankfurt scheint von einer Wende weit entfernt zu sein.

Von Tobias Schächter, Frankfurt

Was Salif Sané, Manuel Schmiedebach, André Hoffmann, Felix Klaus und Marius Wolf am Samstagabend ab 18.30 gemacht haben, ist nicht bekannt. Vermutlich haben sich die fünf Profis von Hannover 96 das Spiel bei Eintracht Frankfurt im Fernsehen angeschaut. Mitgereist war das Quintett jedenfalls nicht, Trainer Thomas Schaaf verzichtete auf die fünf Spieler, er habe "ein Zeichen" setzen wollen. Samstagabend, 20.15 Uhr, stand dann mit dem Abpfiff in Frankfurt aber fest: Für Hannover war dieses 0:1 bei der Eintracht wohl das Zeichen, um für die zweite Liga zu planen. Auch die von Schaaf forcierten Personalwechsel brachten keine Wende, im Gegenteil: Nach einem schwachen Auftritt liegt der Tabellenletzte nun schon zehn Punkte von Relegationsplatz 16 entfernt.

Bei noch sieben ausstehenden Spielen und zwölf Niederlagen aus den jüngsten 13 Spielen dürfte ein Ausweg aus der Einbahnstraße Richtung Zweitklassigkeit utopisch sein. Kapitän Ron-Robert Zieler stellte desillusioniert fest: "Es geht jetzt darum, uns die letzten Spiele so würdig und anständig zu präsentieren, wie es geht." Trainer Schaaf hingeben gab Durchhalteparolen aus: "Ich bin noch da und gehe meinen Weg weiter. Wir werden alles versuchen."

Der erste Abstieg seit 14 Jahren wird immer wahrscheinlicher - und wäre ein Abstieg mit Ansage. Hannover macht seit der Vorbereitung im Sommer 2015 einen Anlauf Richtung Abgrund. Zwar entzog Klubchef Martin Kind dem damaligen Manager Dirk Dufner damals das Vertrauen, er ließ ihn aber trotzdem den Kader für die Saison zusammenstellen, bevor die Trennung nach der Wechselperiode vollzogen wurde.

Eine unprofessionellere Saisonplanung hat die Liga selten bestaunt. Mittlerweile sind Spieler, die Dufner holte, schon wieder weg. Der neue Manager Martin Bader durfte im Winter sechs neue Profis für den neuen Trainer Thomas Schaaf verpflichten. Vor allem die beiden Altstürmer Hugo Almeida und Adam Szalai entpuppen sich dabei immer mehr als Flops.

Trainer Kovac wartet sehnsüchtig auf Torjäger Alexander Meier

Hannover unterhält wohl den am schlechtesten komponierten Kader der Liga. Und dass Schaaf nun fünf seiner besseren Profis das Spielen verbietet, bringt ihm auch keine Pluspunkte. In Hannover wird dennoch darüber nachgedacht, mit Schaaf in der zweiten Liga einen neuen Anlauf zu nehmen. Seit Samstag wirkt dieser Gedanke eher abwegig. Wie Hoffnungsträger wirken Schaaf und auch Manager Bader nicht.

Wer aber glaubt, für Sieger Frankfurt sei das 1:0 das befreiende Signal zur Wende im Abstiegskampf, der irrt wohl auch. Die Eintracht gewann durch ein Tor von Änis Ben-Hatira (33.) vor allem deshalb, weil der Gegner noch schlechter war - und weil Schiedsrichter Stark dem Gast einen klaren Elfmeter verweigerte (Reinartz foulte Prib, 49.). Der Sieg im ersten Heimspiel mit dem neuen Trainer Niko Kovac brachte drei Punkte, die Frankfurt mit Erleichterung mitnahm. Aber eine Aufbruchsstimmung geht von dem Auftritt eher nicht aus.

Zumal der Spieltag durch den Sieg der Hoffenheimer in Hamburg noch die bittere Pointe bereithielt, dass die Frankfurter wegen eines weniger geschossenen Tores nun sogar Vorletzter sind. Die Eintracht hat sich also auf einen Abstiegsrang gesiegt - weil auch ihre Stürmer ihre Berufsbezeichnung derzeit nicht verdienen. Vielleicht hat Haris Seferovic das Toreschießen im Dezember beim Spiel gegen Bremen verlernt, als er dreimal alleine auf den Torhüter gelaufen und kläglich gescheitert war. Am Samstag erlebte der Schweizer nun ein Déjà-vu: Er lief wieder lange und alleine auf Hannovers Tor zu und brachte am Ende nicht mal einen Schuss zustande (48.). Wer soll bei der Eintracht die Tore zum Klassenerhalt schießen? Seferovic und Stefan Aigner sind außer Form, aus dem Mittelfeld entwickelt kaum jemand Torgefahr. Nach der Länderspielpause kehren vielleicht die verletzten Luc Casteignos und Alex Meier zurück. Die Eintracht braucht Torjäger Meier im nächsten Heimspiel gegen Hoffenheim, im kommenden Auswärtsspiel beim FC Bayern geht es eher darum, ein Debakel zu vermeiden.

Bis dahin will Kovac zweimal am Tag trainieren, er weiß: Vielleicht kam er zu spät an, um die Defizite dieser identitätslosen Mannschaft aufzuarbeiten. Aber nach seinem ersten Sieg wollte Kovac vor allem loben: "Über 90 Minuten hat jeder das letzte Hemd gegeben. Jeder hat sich zerrissen." Gegen Hannover 96 hat das gereicht - gegen andere Gegner eher nicht.