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Hannover 96:Ärger mit dem Rücken

Hannover 96 v SV Darmstadt 98 - Second Bundesliga

Das Ende eines turbulenten Arbeitstags von Marc Stendera (links): Weil Schiedsrichter Thomsen sein Ausgleichstor annulliert hatte, empörte sich Stendera so sehr, dass er sich einen Platzverweis einhandelte.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Eine neue Regel bringt die Niedersachsen gegen Darmstadt um ein Traumtor und den neuen Trainer Kocak um einen gelungen Einstand in der zweiten Liga.

Marvin Bakalorz sagte: "Ich würde mich schon freuen, wenn man den alten Fußball mal langsam zurückkriegt." Hannovers Kapitän trauerte dem "schönen Tor" von Marc Stendera nach, der den Ball in der 87. Minute zum vermeintlichen 2:2 in den linken Winkel des Darmstädter Kastens geschossen hatte. Doch der Video-Assistent meldete sich - wegen einer neuen Regel. Denn Schiedsrichter Martin Thomsen hatte in der Entstehung des Tores den Ball mit dem Rücken berührt, der dann Stendera vor die Füße fiel. Im alten Fußball war es egal, ob der Referee dem Ball eine andere Wendung gab; seit dem Sommer aber soll das Spiel mit einem Schiedsrichter-Ball fortgesetzt werden, wenn der Unparteiische getroffen wurde. Solche Entscheidungen "nehmen doch viel Leidenschaft aus dem Fußball raus", klagte Bakalorz. Und Hannovers Trainer-Debütant Kenan Kocak warf die Frage auf, "ob diese Regel dem Sportsgeist entspricht".

Die Debatten um den alten und neuen Fußball wird es weiter geben. Aber die Szene war auch "symptomatisch" für die Lage von Hannover 96, wie Kocak feststellte. Der Bundesliga-Absteiger läuft nach der 1:2-Niederlage gegen den SV Darmstadt 98 Gefahr, in die dritte Liga durchgereicht zu werden. Dorthin, wo Martin Kind den damals fast insolventen Klub 1997 als Präsident übernommen hatte. Soviel Retro wünscht sich natürlich auch Bakalorz nicht. Aber die Fakten sprechen derzeit gegen sein Team: es ist das einzige in den beiden obersten Ligen, das noch keinen Heimsieg verbuchen konnte, es hat mit 15 die wenigsten Tore in der zweiten Liga erzielt und ist nach dem fünften sieglosen Spiel in Serie auf Relegationsplatz 16 angekommen.

Marc Stendera, der frühere Frankfurter Erstliga-Profi, musste jedenfalls erst in Liga zwei hinuntersteigen, um die wohl turbulentesten acht Minuten seiner Karriere zu erleben. Er war in der 84. Minute eingewechselt worden, drei Minuten später lag er nach seinem "Tor des Monats" (Darmstadts Tobias Kempe) unter den jubelnden Kollegen, um kurz darauf nach einem Disput mit dem Schiedsrichter über das zurückgenommene Tor die gelbe Karte zu sehen. Er war immer noch so aufgebracht, dass er in der Nachspielzeit die Eckfahne umtrat und dafür die gelb-rote Karte sah.

Auch das nützt seinem Arbeitgeber eher nicht. Am Samstag wird er gegen den inzwischen ebenfalls vom Abstieg bedrohten FC St. Pauli wegen der Sperre nicht dabei sein können. Und immer deutlicher wird, dass dem Sportdirektor Jan Schlaudraff nicht nur Erfahrung in seinem neuen Job fehlt. Er muss auch ausbaden, dass ihm Kind vor der Saison gerade mal 2,2 Millionen Euro für neue Spieler zur Verfügung stellte. Zudem sei es ja nicht so, "dass die ganze Welt auf ein Angebot von 96 wartet", wie er es im kicker ausdrückte.

Trotzdem wollte man sofort wieder aufsteigen. Das aber mit einem Team, in dem viele Spieler noch die Abstiegssaison mit sich herumschleppen. Mit Ausnahme des lange verletzten Linton Maina sowie Genki Haraguchi und Florent Muslija fehlt zudem das Tempo. Leute wie Bakalorz, Felipe, Edgar Prib oder der kürzlich verpflichtete Dennis Aogo stehen vor der Profi-Rente. Verstärkungen im Winter sind wohl unumgänglich. Vorerst aber hat der neue Coach Kocak vor allem auf die alte Garde gesetzt, was noch nicht aufging.

"Wir müssen wieder zu uns finden", sagte Stürmer Hendrik Weydandt. Es reiche nicht, positive Passagen wie in der zweiten Halbzeit gegen Darmstadt hervorzuheben. Schließlich gab es auch die erste Halbzeit, in der Hannover durch ein Eigentor von Waldemar Anton (4. Minute) sowie einen Traffer von Kempe (29.) in Rückstand geriet. Haraguchi hatte zwischenzeitlich ausgeglichen. Ob es nur ein "Rädchen" ist, das klemmt, wie Weydandt es ausdrückte, ist fraglich, es scheinen größere Eingriffe des neuen Trainers nötig zu sein. Und irgendwann, hofft Marvin Bakalorz, "ist da kein Schiedsrichter mehr, der im Weg steht".

© SZ vom 27.11.2019
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