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Handspiel im Fußball:Anschein von Willkür

Bundesliga - Borussia Dortmund v Bayern Munich

Jérôme Boateng weicht mit verschränkten Armen einem Schuss von Julian Brandt aus. Ein Handspiel des Münchner Verteidigers sorgte im Spitzenspiel gegen Dortmund für Proteste.

(Foto: REUTERS)

Die Kombination aus komplexer Handspielregel und Videoassistent sorgt für eine kaum noch nachvollziehbare Entscheidungsfindung. So wendet sich der Videobeweis gegen seinen Daseinszweck.

An der Spitze der Bundesliga ist alles gelaufen wie vorgesehen während der vergangenen Wochen. In Spuk-Kulissen mit Stimmungsbildern wie beim Vereinstreffen der Geräteturner hat sich zum, Augenblick, kurz nachzählen, doch: achten Mal hintereinander der Klub durchgesetzt, dessen Name getrost auch für die nächsten Jahre vorab in die Schale eingraviert werden darf.

Umso betrüblicher, dass sich die Branche in ihrer rituellen Endspurtsimulation selbst der letzten Restspannung beraubt hat. Schön wäre es ja gewesen, hätten die ins Hygienekonzept eingebetteten Spielabläufe auch aus der Kellerperspektive sauber funktioniert. Haben sie aber nicht. Und in der Summe fällt auf, wie konsequent der Dauerzweite Borussia Dortmund (auch dieser Status ließe sich wohl risikofrei in die Schale eingravieren) mit Schiedsrichterwürdigungen traktiert wurde, die, milde formuliert, diskussionsbedürftig sind.

Nicht nur aus Dortmunder Sicht fragt sich, was die diversen Spielleiter-Stäbe jüngst in drei, vier Partien auf ihren Videoschirmen gesehen - beziehungsweise: nicht gesehen haben. Den vorläufigen Schlusspunkt bildete in Düsseldorf ein aberkannter Treffer von Raphaël Guerreiro, der einen abprallenden Ball an die Schulter bekommen und ins Tor befördert hatte. Referee Stegemann hatte die Szene zunächst korrekt bewertet, mit Hilfe der protestierenden Video-Kollegen im Keller machte er dann aber eine exklusive Entdeckung: Handspiel! Kein Tor!

Erstaunlich. Denn das Video zeigt den Ball, wie er horizontal anfliegt und von Guerreiros Schulter steil nach oben schnellt. So eine Änderung der Flugbahn vermag wohl nur ein kantiges Eckgelenk zu verursachen. Oder, auch klar: ein sehr, sehr komplizierter Oberarmbruch. So einer lag zum Glück nicht vor.

Dortmund war jüngst Opfer von Fehlentscheidungen

Hätte Erling Haaland nicht mit dem Abpfiff getroffen, wäre der Budenzauber um die Schale schon seit Samstag vorbei. Andererseits: Eine derart trostlose Meisterfindung hätte letztlich nur eine andere Fehlleistung kurz zuvor ideal abgerundet. Beim Spitzenspiel in Dortmund warf sich der Bayern-Verteidiger Boateng mit kalkulierter Routine in einen Schuss von Haaland, er fuhr dabei den Oberarm so aus, dass er den Ball per Ellbogen aus der klaren Flugbahn ins Toreck knapp neben den Pfosten umleiten konnte.

Das war eine höchst schlüssige Spiel- und Filmsequenz, die die Jury im Keller nicht mal für prüfenswert befand. Weil es aber für Sinnestäuschungen, selbst wenn sie kollektiv auftreten, eine Toleranzgrenze gibt, stehen nun zwei Fehlentscheidungen gegen den verhinderten Verfolger derart eklatant im Raum, dass die Gesamtbetrachtung einen, sagen wir, schalen Geschmack hervorruft.

Der Filmbeweis wird selbst zum Problem

Absicht sei nicht unterstellt. Aber klar ist doch, dass die Branche mit der Einführung des Videobeweises genau dieses beenden wollte: Klare Fehlurteile, die auf dem Problem beruhten, dass der Spielleiter kein Kameraauge zur Verfügung hatte, anders als Millionen an TV-Zuschauern. Deshalb wird der Filmbeweis, wenn er den Wettbewerb beeinflussende Fehlleistungen wie die jüngsten aufweist, zu einem noch viel größeren Problem.

Das konfuse Handling einer verquasten Handspielregel belastet den Betrieb ohnehin. Gesellt sich chronische Intransparenz bei der Entscheidungsfindung hinzu - die auch noch den Anschein von Willkür erweckt, weil sie ins Hierarchiegefüge passt -, dann wendet sich das Videoprojekt gegen den Daseinszweck. Sollte es hier aber nur eine weitere Verordnung brauchen, empfiehlt sich aktuell: Im Bunker hat der Mund-Nasen-Schutz fünf Zentimeter unterm Augenlid zu enden.

© SZ vom 16.06.2020/schm
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