Dieser Abend war für sie etwas Besonderes: Mit einer großen Choreografie Anfang Juni verabschiedeten die Fans des Zweitliga-Klubs Dessau-Roßlauer HV ihren Trainer. Uwe Jungandreas wurde auf Händen durch die Halle getragen, nach zehn gemeinsamen Jahren. Auch fünf Spieler wurden verabschiedet, es war der Abschluss einer wilden Saison, an deren Ende die Dessauer die Klasse halten konnten. Und dann feierte die Mannschaft mit den Fans, das war am 8. Juni. Doch die Freude hielt nur drei Tage: Da war klar, dass noch gar nichts entschieden, Dessau doch nicht gerettet war, ja: dass sie Wochen später noch einmal gegen den Abstieg spielen müssen, nach einer Entscheidung des Bundesgerichts vom Deutschen Handballbund (DHB).
Am Sonntag reisen die Dessauer tatsächlich zu Tusem Essen, hinter ihnen liegen Wochen des Unverständnisses und des Grolls. Sie mussten Spieler und Betreuer aus dem Urlaub zurückholen, sofern das möglich war. Wer als Trainer an der Seitenlinie stehen wird, ist nicht bekannt. Reden möchten die Dessauer darüber nicht, es geht nun noch einmal um alles. Und das nicht nur für sie: Auch der eigentlich bereits abgestiegene ASV Hamm-Westfalen schaut mit Spannung auf die Partie.
Ursächlich für das Wiederholungsspiel ist eine Szene, die sich schon Ende April zugetragen hat: Dessau führte kurz vor der Schlusssirene mit 28:27 gegen Tusem Essen, nach einer Auszeit kehrte das Team aus Sachsen-Anhalt dann mit einem Mann zu viel auf das Spielfeld zurück. Sie waren nach einer Zeitstrafe eigentlich in Unterzahl, spielten die verbliebenen drei Sekunden aber mit sieben Mann zu Ende, ein Tor fiel nicht mehr. Ein Fehler, der im Handball immer wieder mal vorkommt, den aber weder Sekretär noch Zeitnehmer bemerkten. Wohl aber die Essener: Bereits im Spielprotokoll wurde ein möglicher Einspruch vermerkt. Den Protest legte der dreifache deutsche Meister wenige Tage später ein, er wurde in erster Instanz vom Bundessportgericht am 12. Mai abgewiesen, die Begründung: Der Verstoß sei nicht spielentscheidend gewesen, ein Torerfolg für Essen in den verbliebenen drei Sekunden unwahrscheinlich, selbst mit der fälligen Bestrafung in Form einer weiteren Hinausstellung. Das DHB-Bundesgericht sah es einen Monat später anders.
„Selber schuld, wer in den Urlaub fährt“, sagt Ligachef Frank Bohmann
Für die Essener geht es vor allem um die Möglichkeit, doch noch von Tabellenrang elf auf zehn vorzurücken, sollten sie das Nachholspiel gewinnen – dann wäre ihre Teilnahme am DHB-Pokal gesichert. Und ein finanzielles Plus, das sie sich nicht entgehen lassen wollen. Dass die Entscheidung sich über so viele Wochen hingezogen hat, liegt nach Angabe von HBL-Chef Frank Bohmann daran, dass die Klubs ihre Einspruchsfristen voll ausgereizt hätten. „Da können sich höchstens die Klubs selber an die Nase fassen“, sagte Bohmann dem Streamingdienst Dyn. „Weder Tusem Essen noch der Dessau-Roßlauer HV 06 tragen Verantwortung für die (zu) späte Entscheidung des Bundesgerichts. Das Verfahren hätte früher und vor dem letzten Spieltag abgeschlossen werden können“, heißt es hingegen aus Dessau.
In Sachsen-Anhalt ist man auf Bohmann dieser Tage nicht gut zu sprechen, steckt der Verein doch in einem Dilemma: Die Spieler hatten sich nach dem 34. Spieltag wie üblich in die Ferien verabschiedet, unter anderem nach Indonesien und Argentinien. Eine Situation, die Bohmann mit den Worten quittierte: „Wer in den Urlaub fährt, muss ich sagen, selber schuld.“ Urlaube einfach zu entziehen, sei juristisch und wirtschaftlich schwer umzusetzen, erklärten die Dessauer: „Die Urlaube sind naturgemäß bereits vor dem fraglichen Spiel gegen Tusem Essen (27. April) gewährt und seitens der Spieler gebucht und bezahlt worden.“ Auch die Spieler aus Essen fuhren weg, trainiert wird erst wieder in dieser Woche. In Felix Göttler (Essen) und Fritz-Leon Haake (Dessau) haben darüber hinaus beide Teams Spieler für die U21-WM abgestellt, die gerade in Polen läuft. Mit einer Freistellung beschäftige man sich nicht, heißt es vom DHB.
Der Ausgang des Nachholspiels beschäftigt derweil auch den ASV Hamm-Westfalen: Er stand schon als Absteiger fest, könnte bei einer Dessauer Niederlage aber doch Zweitligist bleiben. Das Szenario ist mit weiteren Unwägbarkeiten verbunden: Einige der Spielerverträge sind nur für einen Verbleib in der zweiten Liga gültig, nicht aber für die dritte Liga. So gibt es Spieler, die sich bereits neuen Vereinen angeschlossen haben, aber plötzlich wieder einen gültigen Vertrag mit dem ASV Hamm-Westfalen hätten, sollte der Abstieg doch nicht besiegelt werden. Der Klub hat deswegen für eine Aufstockung der zweiten Liga auf 19 statt 18 Vereine plädiert, um besser planen zu können. Aber das Wiederholungsspiel wurde nun durchgesetzt.
Für die Dessauer steht jetzt schon fest, dass die Neuansetzung Ergebnisse mit sich bringen kann, „die von niemandem intendiert sein können“: Mehr als ein Unentschieden wäre bei korrekter Regelanwendung in den drei Sekunden der Ursprungspartie für die Essener nicht mehr möglich gewesen, auch das hätte ihren Klassenerhalt nicht gefährdet. Ganz anders sieht es jetzt mit der Partie am Sonntag aus. Alles ist wieder möglich.


